Archiv für Februar, 2015

Alles Fiction, Darling.

Posted in Allgemein on Montag, 23. Februar 2015 by badana

Du liest mich also regelmässig. Aha. Aber weisst du: Das bin nicht ich, das sind manchmal Initialzündungen aus meinem Leben, die sich weiterspinnen. Tausend verfremdete Facetten meiner selbst, vielleicht nicht mal das. Das sind meist Tagträume, Bilder, die sich in den Alltag drängen. Alles Fiction, Darling. Und sowieso. Wer wäre ich denn, wenn es mich wirklich gäbe – so als solides, einheitliches Ich?

In Ausgabe 2/2015 der Philosophie-Zeitschrift Hohe Luft dreht sich alles um das Ich: „Warum es uns nicht gibt – und was wir daraus machen können“. Und da steht:

Die Vorstellung ist verbreitet, dass in jedem Menschen etwas Verborgenes stecke, das ihn ausmacht.

Natürlich erleichtert diese Vorstellung Vieles. Natürlich kann man sich so der mühsamen Last entziehen, verantwortlich für sein eigenes Leben zu sein. Denn da ist ja immer „etwas“ in einem drin, das die gleichen Fehler machen lässt, das „nicht anders kann“, das die eigenen Handlungen durch Genetik, Veranlagung und feststehendem Charakter legitimiert. Bullshit.

Es geht nicht mehr darum, wer oder was wir sind, sondern nur noch darum, was wir sein wollen. Die Tatsachen unseres Lebens liefern nur noch das Erzählmaterial, aus dem wir unsere Autobiografien basteln können.

Wenn ich mir vorstelle, dass ich meine Zukunft schreiben könnte: Wie sähe diese aus? Und wie könnte die Geschichte ausgehen? Eigentlich mag ich ja keine Happy Ends, aber für mich würde ich eine Ausnahme machen.

Die neuen Möglichkeiten machen die Sache allerdings nicht einfacher. Es fehlen die Kriterien für die Selbsterfindung. Was zählt, ist nur noch die Originalität – dass man sein „eigenes“ Leben lebt und nicht das der anderen. Das „Projekt Ich“ wird zu einer orientierungslosen Irrfahrt.

Tja, momentan habe ich keine Ahnung, was ich mit meinem Leben anfangen soll. Eigentlich stehen mir alle Wege offen. Ich könnte alles werden und diese unglaubliche Weite von Möglichkeiten lässt mich elendlich erstarren. Nicht mal einen Babyschritt trau ich mich zu machen. Nicht mal einen klitzekleinen.

Nehmen wir Abschied von der Idee, irgendwo unser „wahres“ Selbst zu finden. Erproben wir Rollen und Masken, mutig und bedacht.

Nun gut, scheiss auf mein Ich, momentan gebe ich mich also ausschliesslich dem Phantasieren hin und wünsche mir, Neurochirurgin, FBI-Agentin oder Restauratorin zu sein. Ich möchte im Ausland leben und Huskys hüten und wohltätige Arbeiten ausführen. Und wer weiss, in welche Rolle es mich morgen oder übermorgen verschlägt. Ich hoffe, es hat etwas mit Raketen zu tun.

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Man tat das nicht

Posted in Allgemein on Montag, 16. Februar 2015 by badana

Sie wachte in dunkelblauer Bettwäsche auf und dachte – fuck!

Gestern hatte sie nur kurz einen Abstecher in diese kleine Bar machen wollen. Der Bandname hatte ihr gefallen: Trampeltier of Love. Es war Valentinstag und sie hatte drei Herzen aus Schokolade in der Tasche, die sie schnell loswerden wollte.

Das Konzert war grossartig gewesen, sie hatte Tränen gelacht und zwischendurch seine Blicke ignoriert. Sie würde heute nichts trinken und zeitig ins Bett. Doch als sie an der Bar eine Rhabarber-Schorle bestellen wollte, da stand er plötzlich ganz nah hinter ihr, so nah, dass sie seinen Atem in ihrem Nacken spürte.

Man wahrte doch zu Menschen aus Höflichkeit die Distanz eines Handschlagabstands. Man rückte ihnen nicht so nahe, war nicht so aufdringlich – man tat das nicht, was er tat und doch wehrte sie sich nicht. Langsam schob er sich an ihre Seite, sodass sich ihre Ellenbogen berührten. Er drehte sich zu ihr und umgriff ihre beiden Handgelenke. Er war ihr wieder viel zu nah, viel zu nah, missachtete ihre Grenzen. Er küsste sie auf einen Mundwinkel und meinte nur: Hallo. Dann liess er sie los.

Mit der Rhabarber-Schorle in der Hand trat sie etwas verdattert den Rückweg zu ihrem Platz an und kam sich etwas lächerlich vor. Kannte sie ihn denn von früher? War er eine dieser Erinnerungen, die im vergangenen Alkoholdunst für immer vergraben und verloren waren?

An ihrer Seite bewegte sich die dunkelblaue Bettwäsche unter leisem Stöhnen und sie schloss schnell die Augen, stellte sich schlafend.

Auch wenn sie gestern keinen Tropfen Alkohol getrunken hatte, konnte sie sich den weiteren Verlauf des Abends nicht erklären. Sie konnte sich nicht erklären, wie sie hier, in seiner dunkelblauen Bettwäsche, gelandet war. Sie hatten fast keine Worte gewechselt. Er tat grundsätzlich, als wäre alles selbstverständlich. Sein Schmunzeln, als sie ihn nach seinem Beruf fragte – worauf er meinte: Ich bin Mark. Sein Griff nach ihrem Glas, um von der Schorle zu probieren: Du weisst, das schmeckt nach Kotze? Sein Zeigefinger, der ihrem Schlüsselbein entlangstrich. Und später: Anna, sag, wann küsst du mich endlich?

Sie hörte ein unterdrücktes Lachen neben sich und riss die Augen auf. Er beobachtete sie belustigt und meinte trocken: Das war die schlechteste Schlafperformance, die ich je gesehen habe.
Anna, das müssen wir noch üben.

Paul Richard James: The Nape of Her Neck.

Paul Richard James: The Nape of Her Neck.

Unter Tonnen von Asche und Staub

Posted in Allgemein on Montag, 9. Februar 2015 by badana

Ich werde bald umkommen vor Langeweile. Sie werden mich finden, nach Wochen oder Monaten, sie werden meine Türe aufbrechen und mich finden unter Tonnen von Asche und Staub. Meine Nachbarn werden sagen: Sie hat immer zurückgezogen gelebt, nein, uns ist nichts aufgefallen – jedoch: Sie trug immer schwarze Kleidung, hatte selten Besuch und ja, sie war meistens ernst und lachte nie. Hilft Ihnen das weiter?

Die Damen und Herren von der Untersuchungskommission werden meine armen Tagebücher lesen, die modrigen Gedichte, meine düsteren Blogbeiträge. Sie werden kopfschüttelnd das beängstigende Bild von Hieronymus Bosch betrachten, das über meinem Bett hängt, und murmeln: Dann ist ja alles klar. Sie werden meine vor Gewalt und Horror strotzende DVD-Sammlung analysieren, die kümmerlichen Relikte meiner zerbrochenen Beziehungen hervorkramen, die unterstrichenen Stellen in all meinen Büchern lesen und in meinen leeren traurigen Kühlschrank linsen.

Sie werden nach reiflicher Überlegung zum Schluss kommen: Beim Tod der 36jährigen I. aus ZH kann nun ein Fremdeinfluss ausgeschlossen werden. Alle Umstände deuten darauf hin, dass ihr melancholisches Gemüt sie schliesslich in den Tod getrieben hat. Ja, sie werden meine Traurigkeit, die Leere, die Unrast verantwortlich machen. Neinnein, ich hab doch gelernt, mit all dem umzugehen!

Sie sollen diese Worte lesen, diese Worte hier, die ich klar und nüchtern verfasse und die bezeugen: Nicht die Traurigkeit, sondern die Langeweile hat mich auf ihrem Gewissen. All die öden kalten schneeverwehten Tage, an denen ich gerne Kinder kriegen und einen Ofen einheizen würde. An denen ich als berühmte Schriftstellerin Interviewfragen auf Französisch beantworten möchte. An denen alle Telefone, Briefe, elektronischen Nachrichten schweigen, mir jede Ablenkung von mir selbst verwehren. All die Tage, an denen ich Zeitung lesen und Tee mit Zimtgeschmack und Orangenschalen trinken muss. An denen ich Schönheitsmasken auf- und abtrage, ihm nicht schreibe und ihm auch nicht.

Ich bin eingeschlossen in einer Gummizelle und habe den Schlüssel verschluckt.

Ja, ich werde umkommen vor Langeweile. Sie werden mich finden, nach Wochen oder Monaten, sie werden meine Türe aufbrechen und mich finden unter Tonnen von Asche und Staub.

Enrico Nagel: Under Your Spell.

Enrico Nagel: Under Your Spell.

Einerlei

Posted in Allgemein on Mittwoch, 4. Februar 2015 by badana

So. Da wären wir nun. An diesem Tag, zu dieser Stunde. Du schweigst? Ich hab dir eigentlich auch nichts zu sagen, aber ich kann nur Stille ertragen, wenn ich jemandem vertraue. Und dir vertraue ich nicht.

Wer war sie?

Ich sah dich nur kurz mit ihr reden, aber ich sah es sofort, sah es deinem Rücken, deinen Schultern an. Ich sah allem an, dass da etwas ist, zwischen euch, oder war. Einerlei.

Du hast dich mir rasch zugewandt, als fühltest du dich ertappt, aber es war zu spät – ich hatte dich ertappt. Ertappt in dem Versuch, mich anzulügen. Weshalb? Wir sind uns doch fremd, kennen uns nicht. Du kannst ja irgendwer sein und du wählst diese Version? Einerlei.

Ich empfand Abscheu, als ich euch sah, so nah beieinanderstehen sah. Sie war klein, hatte ein rastloses Nagetiergesicht und keine Erhabenheit. Ihre Leere war fast greifbar, ihre Derbheit aufsässig. Ich fühlte mich beschmutzt, hetzte heim, duschte lange und so heiss, bis meine Haut rot glühte. Du hattest uns beide berührt. Wie konntest du nur.

Aber wir wussten ja insgeheim von Anfang an: Dass das nirgends hinführt. Dass wir nur Zeitlöcher stopfen. Dass wir Zigaretten ketten, um unsere Einsamkeiten zu wärmen.

Lass uns das nicht tun. Lass uns weiser sein. Lass uns einen Punkt setzen, solange niemand verwundet ist.

Oder lass uns weitermachen, aber nicht wie Tiere.

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