Archiv für Juli, 2015

Das Dahinter

Posted in Allgemein on Mittwoch, 8. Juli 2015 by badana

Worüber sollen sie reden, Vater und Tochter – wenn sie sich da gegenübersitzen, an diesem schlichten Holztisch, sie die Ellenbogen aufgestützt, er aufrecht, mit geradem Rücken.. Als Bild könnte das funktionieren, nur sie zwei auf der Bühne, inmitten eines Lichtkegels, der Rest der Welt ausgeblendet, inexistent. Nehmen wir an, sie essen zusammen, oder nein, sie beenden gerade den Hauptgang, man will den Figuren ja nicht beim Essen zuschauen, ihre Münder müssen leer sein, frei, um Dinge sagen zu können, Dinge, die bis anhin zwischen ihnen ungesagt blieben. Ja, nehmen wir an, sie haben gerade den Hauptgang abgeschlossen, vielleicht tischt die Tochter das schmutzige Geschirr ab, fragt den Vater, ob er einen Schnaps will und er antwortet:
Ja, aber nur einen, ich muss morgen noch eine Sitzung vorbereiten.
Nein, Blödsinn, keine Sitzung, und sowieso zu erklärerisch, dieses konkrete Detail. Sicher muss er am nächsten Morgen früh raus, aber es steht sowieso immer früh auf, auch wenn er keine Sitzung hat, das muss er gar nicht sagen, sie kennt ihn ja, vielleicht nicht wirklich, so als Menschen, aber sie kennt ihn in seinen Ritualen.
Ja, einen.
Sagt er also, und wahrscheinlich ärgert sie das, weil sie darin etwas mitschwingen hört, eine Unterstellung – und zwar die Unterstellung, dass sie ihm nicht nur einen Schnaps anbieten würde, sondern mehrere, sozusagen eine endlose Ansammlung an Schnäpsen.. Also sieht sie darin einen Vorwurf an ihre Masslosigkeit, aber das alles, das alles geschieht nur in ihrem Kopf, denn er meint es wortwörtlich, verpackt Botschaften nicht unterschwellig. Er will einfach nur einen Schnaps und darum sagt er es auch. Jedenfalls ist das Gespräch harzig und stockend, aber wie kann man erreichen, dass ein Gespräch stockend ist, aber interessant? Es darf nicht langweilig sein, nicht schon wieder langweilig. Also wie schafft man es, dass ein Gespräch, in dem Vieles ungesagt bleibt, trotzdem mitreisst? Vielleicht könnten sie sich ja auf intellektueller Ebene begegnen, aber auch so wird das Pulver schnell verschossen und hinterlässt unangenehmes Schweigen und wie soll man im Schweigen Spannung aufbauen.. Vielleicht könnte man als Ausgangslage den Elektrakomplex festlegen – die überstarke Bindung einer weiblichen Person an den Vater bei gleichzeitiger Feindseligkeit gegenüber der Mutter. Doch wie soll die Mutter dargestellt werden in diesem Zwei-Personen-Stück. Ist sie tot und thront als kalter Schatten über ihnen?

Das Nachdenken macht mich müde und ich würde mir wünschen, dass alles schon niedergeschrieben wäre, die ganze Geschichte, mit all ihrer Tragik und dem subtilen Humor. Ich wünschte, ich hatte das Tal der Zweifel schon durchwandert, wäre blessiert, aber lebendig daraus hervorgegangen und könnte nun rasten, die Beine hochlagern und mit erhitzten Wangen auf einem Strohhalm rumkauen.

„Und ich beschloss, ab heute begabt zu sein.“
(von der Postkarte auf meinem Kühlschrank)

Marcel Duchamp, Akt eine Treppe herabsteigend, 1912, Öl auf Leinwand.

Marcel Duchamp, Akt eine Treppe herabsteigend, 1912, Öl auf Leinwand.

Advertisements