Archiv für Januar, 2018

Bis wir nicht mehr weiterkönnen

Posted in Allgemein on Sonntag, 21. Januar 2018 by badana

Lass uns noch weiter. Ich bin nicht müde und es ist noch früh. Wohin wir sollen? Ich weiss es nicht – vielleicht eine Weile geradeaus, den grauen Mauern und hellen Fenstern entlang – bis wir nicht mehr weiterkönnen. Du fragst: und dann? Und dann biegen wir ab, gehen über die Brücke dort, den tosenden Fluss, machen uns die Schuhe schmutzig und möglicherweise fällt einer von uns hin. Nicht weiter schlimm, ich reich dir die Hand oder du mir, das wird schon gehen, irgendwie. Hauptsache, wir bleiben nicht stehen, Hauptsache, wir vergessen nicht, dass wir noch da sind, du und ich.

Ja, lass uns einen Schritt vor den anderen setzen. Deine Schritte sind grösser, aber das macht nichts. Ich hol schon auf, du wirst sehen. Gib mir etwas Zeit, schau nicht so gereizt. Ich kann nichts dafür, dass mir die Beine zu kurz geraten sind. Du lachst und ich vergrab mich in deinen Armen. Du riechst nach Wind und klarem Wasser. Hier gehör ich hin.

Wenn es dunkel wird und die Müdigkeit uns anfällt wie ein lauerndes Tier, dann wärmen wir unsere kalten Glieder an wilden Feuern und flüstern uns gegenseitig in den Schlaf. Du errichtest Städte im Traum und ich bekomme Besuch von meinen Geistern. Wenn wir wach sind, erzähle ich dir von den dunklen Schatten und du von deinem Haus am Meer. Zeigst du es mir? Du sagst: Ich glaub, du hast es schon gesehen, ich bin nicht sicher, aber ja, es ist ganz nah.

Siehst du. Auch wenn die Wirklichkeit keinen Platz für uns bereithält, wir können ihn woanders finden. Ich hab dich in der Zukunft gesucht und in der Gegenwart gefunden. Ohne dich ist das Leben trostlos. Komm, sagst du, wir gehen weiter, es ist schon hell. In der Ferne stehen Häuser und dahinter sieht man einen Himmel mit Wolken, durch den allmählich Licht hervorbricht. Ich küss deinen Nacken und bin ein klein wenig glücklich. Du meinst: Ich freu mich auf Kaffee.

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Caspar David Friedrich: Der Mönch am Meer, 1808–1810.

 

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Tell it Like it is

Posted in Allgemein on Freitag, 5. Januar 2018 by badana

Sag, soll ich auch schweigen wie du. Willst du gewinnen. Gewinnen – was? Den einsamen Ritt in den Sonnenuntergang, den du dir wünschst. Da ist er – wohlan denn. Schau, wie schön die Rottöne des Himmels schillern. Sie gehören nur dir.

Was bringt dir das verbissene Festhalten an einer Zukunft, die du schwarz malst. Mir mir wär sie bunt, weisst du. Wie der Sonnenuntergang. Einfach ohne Pferd, stattdessen mit mir. Du lachst, ich weiss. Ich lach mit dir. Zusammen sind wir bunt.

Ich habe versucht, dich loszuwerden im Trubel der Stadt, dich abzuschütteln mit jedem Glas, das ich trinke, jeder Zigarette, die ich rauche. Ich habe versucht, dich wegzu-knutschen, wegzu-labern, wegzu-swagen. Doch du bleibst, gross und unerschütterlich. Ich weiss nicht mehr, was ich tun soll. Sobald ich nüchtern bin, bist du da.

Ich denke daran, dass deine Stimme ganz fein wird, wenn du müde bist. Daran, dass du deine Augen etwas zusammenkneifst beim Lächeln, wenn dich etwas berührt. Daran, dass mein Herz überläuft, wenn ich dich umarme und du dabei seufzt. Ich denke an deine Streitlust, deine Narben, deine Wut. Deinen roten Pullover, der mich wie ein Sputnik wohlbehalten durch die Nacht und ihre Abgründe führt.

Stunden, Tage, Wochen sind schon vergangen. Zähl sie. Es sind deren viele. Denkst du, du kannst mich vergessen, wenn nur genügend Zeit verstreicht. Oder ich dich. Das hätten wir doch schon längst, wenn es möglich wäre.

Sag, soll ich auch schweigen wie du.

 

Und du?

Posted in Allgemein on Mittwoch, 3. Januar 2018 by badana

Auch ich bin nun ein anderer Mensch, ein anderer Mensch durch dich geworden. Vielleicht bin ich gefährlicher – für mich, für andere, sehe Schwächen eher und weiss, wo ich zuschlagen muss und wann. Ja, mein Herz ist nicht mehr rein und das ist gut so. Du hast mich gelehrt, hart zu sein und umbarmherzig. Ich schnippe Nacken weg und Münder, die Unrat produzieren. Ich komme in einen Raum und sehe, wo mein Feind steht. Natürlich weiss ich, dass du das nicht wolltest. Aber wenn zwei Menschen sich begegnen, nehmen sie etwas vom anderen mit. Ich hab deinen Zorn mitgenommen.

Und du?

Dir habe ich meine Traurigkeit geschenkt. Du trägst sie jetzt mit dir wie einen verwundeten Vogel, lässt sie nicht los. Weshalb. Manchmal spüre ich, wie du mich beobachtest durch die Nacht. Hin und wieder laufen mir deine Häscher über den Weg, sie wollen meine Fehler zählen, dir berichten von meiner Raserei. Auch die sitzt tief, ich halt sie versteckt, niemand soll sie sehen. Vor allem nicht du.

In welchen Armen schläfst du heut Nacht. Zählst du Zeichen auf Frauenkörpern und Bilder, die sie von sich streuen. Flatterhaftes, vergängliches Zeug. Macht es dich glücklich, neben jemandem zu erwachen – neben jemandem, der nicht so ist wie ich.

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Adrian Ghenie: Pie Fight Study, 2012.