Archiv für Dezember, 2014

Verstorben am 22. Dezember 2014

Posted in Allgemein on Montag, 22. Dezember 2014 by badana

Das Brot wird zu Kreide
Worte ringen miteinander
wie Füsse unter gedeckten Tischen
Ein Trauermahl für die Sehnsucht
verstorben am 22. Dezember 2014
so sitzen wir beisammen
ein letztes Mal

Was nachher wird weiss niemand
Pssst
Sprachlose Besuche am Grab
trockene Blumen und blanke Steine
im leichten Nieselregen

Dazwischen viel Zeit
für Schlaf
und böse Träume
voller Wasser
in denen wir ertrinken

Wolgemut_-_1493_-_tanz_der_gerippe

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Feier, Küche etc.

Posted in Allgemein on Montag, 15. Dezember 2014 by badana

Er tigerte in seiner Wohnung umher, dabei murmelte er vor sich hin und kratzte sich lange hellrote Striemen auf seinen linken Unterarm. Seit er die Augen aufgeschlagen hatte, kam er nicht zur Ruhe. Es war vielleicht ein Traum gewesen, ein Traum, der ihn so umtrieb, ihn schliesslich rastlos und gehetzt in die Wirklichkeit zurückgestossen hatte. Und nun durchstreifte er diese Alltagsumgebung, berührte zwischendurch Dinge, vielleicht um sich bewusst zu machen, dass er wach war, dass er da war. Das da war seins und das auch. Nein, er musste sich konzentrieren: Denn in der letzten Nacht, da war irgendetwas passiert mit seinem Kopf, da musste etwas passiert sein mit ihm, als hätte sich dieser Kopf verformt, wäre geschrumpft und würde nun auf sein Gehirn drücken. Er konnte sich noch an diese gestrige Feier erinnern, ja, an eine verrauchte Küche, eine Fotografie, die in einem so kitschigen Rahmen hing – und dann noch schief, sodass er immer wieder hinschauen musste, immer wieder darauf starrte, womöglich in der Hoffnung, diese unnötige Wandverdeckung mit seinem Blick wieder geradebiegen zu können. Auch konnte er sich an einen grossen Rotweinflecken erinnern, der sich da auf den hellen Küchenplättchen ausbreitete, und er fragte sich ständig, weshalb denn niemand in diese Pfütze trat, weshalb alle, die er beobachtete, ganz instinktiv das eine Bein kurz anhoben beim Durchqueren dieses kleinen Raumes – wie kleine Hunde, dachte er gehässig und zwang sich gleich zum Weiterdenken. Ja, er erinnerte sich an einiges, dies und das, Kleinigkeiten – und jetzt – auch plötzlich an sie. Obwohl er sich anstrengte, ja, beide Hände an seine Schläfen presste, um sich ihr Gesicht zu vergegenwärtigen, verschwand es immer wieder hinter Rauchschwaden (so viel Rauch konnte doch keine Menschenansammlung produzieren, die in einer so winzigen Küche Platz fand), ein kleines blasses Oval, welches sich ihm hartnäckig entzog, sobald er es in seiner Erinnerung scharfstellen wollte. Gut, soweit war er: Feier, Küche, Bilderrahmen – nein, der Bilderrahmen spielte keine Rolle, er musste auf alle Details verzichten, die ihn vielleicht davon ablenkten, worum es eigentlich ging. Doch worum ging es eigentlich? Nochmals von vorn: Feier, Küche und dann sie. Hatten sie miteinander gesprochen? Worüber? War er wieder einmal in diese prahlerische Haltung gefallen und hatte ihr von seinen „Projekten“ erzählt? Das sah ihm wieder ähnlich. Er konnte sich erinnern, dass sie ihn sachte am Unterarm berührt hatte, ja, genau da, wo sich nun diese Kratzspuren aneinanderreihten. Sie hatte ihn berührt, genau da, und dann? Es sah ihm nicht ähnlich, sie daraufhin gehenzulassen, denn ihre Finger auf seinem Arm hatten etwas in ihm wachgerufen, das fiel ihm wieder ein – Flatterfinger – sagte er nun halblaut vor sich her und erschrak ob der heiseren Fremdheit seiner eigenen Stimme. Also: Feier, Küche, sie und ihre Finger auf seiner Haut. War sie zu ihm nach Hause gekommen? Aber es gab keine benutzten Gläser, keine Zigarettenasche, keine Frau in seinem Bett, keine Kleider, keine Zeichen einer gelungenen oder misslungenen Nacht. War sie bei ihm gewesen, ohne Spuren zu hinterlassen? War sie zu ihm gekommen, hatte ihn ausgetrunken, seine Erinnerung gefressen – um ihn ausgehöhlt und halbwahnsinnig zurückzulassen?

Endlich setzte er sich, erschöpft von seinen endlosen Wohnungsschleifen. Das Licht im Wohnzimmer hatte sich geändert, war weicher geworden, barmherziger. Wie viele Stunden mochten seit seinem Aufwachen vergangen sein? Er hatte Durst, war müde. Langsam liess er sich nach hinten sinken, auf sein Sofa, das war seins, auf diese kühle lederne Haut. Seine Augenlieder schlossen sich immer wieder und zuletzt gab er auf und liess sie ganz zu. Die herumflitzenden Gedankenfetzen beruhigten sich langsam. Sein inneres Karussell kam allmählich zum Stillstand. Da waren nur noch fliessende Bildersequenzen, etwas verschwommen, doch angenehm. Er sah Gesichter, die müder wurden, Räume, die sich leerten, er sah sie, wie sie vor ihm die Feier verliess, vor ihm durch das Treppenhaus ging, er erinnerte sich an ihren Gang, ihren Mantel, der dabei lose um sie wogte – an ihre Hand, die sich am Geländer abstützte, wieder ganz sanft, fast berührungslos. Er sah ihr Gesicht aus dem Profil, eine schöne, erhabene Nase, die Andeutung eines Lächelns, das sich im Mundwinkel verbarg. Sie drehte den Kopf weiter zu ihm und blieb stehen, plötzlich war er ihr nah, er sah, wie sich ihre Lippen bewegten, doch der Ton, der Ton fehlte. Ihre Augen lagen im Schatten, er sah ihren Ausdruck nicht, da waren nur diese Lippen, die sich bewegten, geräuschlose Geheimnisse formten. Ein Augenblick, an dem die Welt kurz stillsteht – zwei Menschen, die innehalten.

Er wusste nicht, weshalb anschliessend alles so schnell gegangen war, weshalb sie das Taxi herangewunken hatte, eingestiegen war – dann kurz die Hand zum Abschied anhob, ihr Gesicht abwandte und davonfuhr. Vielleicht hätte er etwas sagen sollen, vielleicht hatte sie ihn etwas gefragt, ja, sie musste ihn etwas gefragt haben – und vielleicht hatte er Angst bekommen. Ja, wahrscheinlich hatte er einfach wieder mal Angst bekommen. Wovor denn eigentlich?

Langsam übermannte ihn der Schlaf und in der letzten bewussten Sekunde vor dem Eintauchen in diese Schwärze, sah er kurz das kleine blasse Oval, das sanft aus der dunkler werdenden Dunkelheit auftauchte und dann wieder langsam verschwand.

Dennis Stock, 1968.

Dennis Stock, 1968.

Ohne ein jedes Gefühl des Verlustes

Posted in Allgemein on Dienstag, 9. Dezember 2014 by badana

Alles in ihr wollte liegenbleiben, ganze Tage lang einfach liegenbleiben, sich nicht rühren und auch nicht wirklich über etwas nachdenken, sondern einfach treiben in der assoziativen Kette von Bild- und Wortreizen, die sich in ihrem Kopf sachte abwechselnd die Hand gaben – um sich leise zu begrüssen und dann wieder zu verabschieden, ohne ein jedes Gefühl des Verlustes. Er flirtete nicht mit ihr, er betrachtete sie mit dem Ausdruckes von jemandem, der sich in einem fremden Zimmer umschaut. (aus: Wurfschatten, von Simone Lappert) Wann nimmt die Erinnerung Konturen an, wann hört sie auf zu schwanken und steht kurz still? War sie das? Und wer war er? Waren sie wahrhaftig und ehrlich in ihrem Aufeinandertreffen oder doch nur zwei verlorene Gestalten, die sich seit Jahren auf der Flucht befanden, immer bereit, in einem Augenblick zu verschwinden – wie dieser Freund, von dem er erzählt hatte, der plötzlich von der Erde verschluckt zu sein schien? Ja, da gab es Dinge, die blieben ein Geheimnis, auch wenn sie gerne alles aufgeschnitten, alles blossgelegt hätte, um den Kern der Dinge zu erkunden. Da gab es eine Unrast, ein Streben, ein Fragen, das in die Leere führte. Da gab es auch ein Summen, ein Lippen-Spitzen, eine wohlige Wärme, die nicht zweckgesteuert war. So dumm der Mensch, dass er zwischenzeitlich aufhört daran zu glauben, dass ihm absolutes Verständnis widerfährt. So dumm.

Einer sachten Berührung gleich.

Einer sachten Berührung gleich.