Archiv für Juni, 2015

Die schrecklichste Frau der Welt

Posted in Allgemein on Montag, 29. Juni 2015 by badana

Sie sass an ihrem Schreibtisch in ihrer Wohnung. Homeoffice nannte man das. Montag, 8 Uhr morgens. Natürlich war es grau draussen. Natürlich hatten die Bauarbeiten nebenan bereits um 6.30 begonnen. Ihr Schreibtisch blickte an diesem Morgen auf einen Lieferwagen, der direkt vor ihrem Fenster parkte. Ein Arbeiter lud Baumaterial aus: Er holte einen Packen links ab und brachte ihn nach rechts in ihrem Bildausschnitt. Jedes Mal, wenn er an ihr vorbeiging, warf er ihr einen Blick zu und ein Lächeln. Einmal nickte er ihr zu und einmal tippte er sich mit dem Zeigefinger an seinen Helm, einem galanten Herrn aus vergangenen Zeiten gleich.

Wie er so ständig an ihr vorbeiging und nach ihrer Aufmerksamkeit haschte, sie von ihrer Arbeit abzulenken suchte, da spürte sie allmählich, wie die Wut aus ihrem Magen herauskroch, den steilen Weg ihrer Speiseröhre erklomm und sich dann schwerfällig in ihrer Kehle niederliess, wie ein erschöpfter alter Mann nach einem beschwerlichen Aufstieg. Sie würde diesen nett lächelnden Bauarbeiter, der ihr Geräusche und entgleiste Gesten aufdrängte, gern kopfvoran in das ausgebuddelte Loch da stossen, mit einem plumpen und doch überraschend kommenden Arschtritt. Er erinnerte sie an ihren Ex-Freund mit seinen flauschigen Haaren und diesem wippenden Gang, der eher zu einem kleinen Jungen als zu einem erwachsenen Mann passte.

Als der Bauarbeiter das nächste Mal ihr Blickfeld kreuzte, ging sie nah ans Fenster ran, streckte ihm vulgär die Zunge raus und betätigte die automatischen Rollläden. Sie holte sich anschliessend noch einen Kaffee, knipste das Licht im mittlerweile verdunkelten Zimmer an und arbeitete sich den Rest des Tages sorgsam und beflissen durch die anstehende Pendenzenliste – im Wissen, gerade die schrecklichste Frau der Welt gewesen zu sein.

Christine Preuß: Allegorie der zeitgenössischen Fotografie (ohne Korsett).

Christine Preuß: Allegorie der zeitgenössischen Fotografie (ohne Korsett).

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… verzichtete auf jegliche anekdotischen Elemente

Posted in Allgemein on Donnerstag, 25. Juni 2015 by badana

[…] Im Mittelpunkt von [Alexej] Jawlenskys Kunst stehen koloristische und formale Aspekte; ikonografische und narrative Bezüge spielen dagegen eine marginale Rolle. So konzentrierte er sich bereits sehr früh auf drei Gattungen – Bildnisse, Stillleben und Landschaften – und verzichtete auf jegliche anekdotischen Elemente. Die Reduktion auf das Wesentlichste stand im Zentrum seines Interesses; für diese vereinfachte Bildsprache entwickelte er die Bezeichnung »Synthese«, die Natureindruck und innere Vision umfasst. […] Bis zu seinem Tod beschäftigte er sich überwiegend mit Darstellungen des menschlichen Antlitzes, die schließlich als Meditationen mit ihrem streng abstrahierten Formenschema zu beinahe ikonengleichen, vergeistigten Andachtsbildern wurden. […]

(www.lenbachhaus.de)

Alexej Jawlensky: Bildnis des TäŠnzers Alexander Sacharoff, 1909.       66 x 70 cm, Öl auf Leinwand/Papier/Karton.

Alexej Jawlensky: Bildnis des TäŠnzers Alexander Sacharoff, 1909.       66×70 cm, Öl auf Leinwand/Papier/Karton.

Am Bahnhof Bubikon

Posted in Allgemein on Sonntag, 21. Juni 2015 by badana

Ich tigere in der Wartezelle
am Bahnhof Bubikon herum.
Es ist Sommer,
draussen stehen Menschen
dicht beisammen.
Meine Haut trägt deinen Anstrich.
Ich tigere in der Wartezelle
am Bahnhof Bubikon herum.
Da blättert Farbe,
das Plexiglas ruft deinen Namen,
während Züge rückwärts fahren.
Ich stehe still.
Es kann kein Leben geben
ohne dich.
Mit dir endet der Tag,
die Nacht,
die Wirklichkeit.
Ich tigere in der Wartezelle
am Bahnhof Bubikon herum.
Noch eine Weile
will ich hier verweilen
– mit dir und gegen alles:
den Bahnhof,
die Züge,
die Farbe,
das Glas.
Ich weigere mich,
wach zu werden.
Ich warte auf dich,
warte auf dich,
warte auf dich,
bis du kommst.

Paul Klee: Tanz des trauernden Kindes II., 1922.

Paul Klee: Tanz des trauernden Kindes II.

Schon jetzt

Posted in Allgemein on Donnerstag, 18. Juni 2015 by badana

Sie schlief noch, als er sich im Bett aufsetzte und auf die gegenüberliegende Wand starrte, mit diesem stumpfen Blick des Halbschlafs, der noch nichts wirklich erfasst. Im Zimmer war es dunkel, allmählich konnte er die Umrisse der Rotweingläser erkennen – da auf dem Boden, wo sie sie gestern abgestellt hatten. Eines der Gläser war umgefallen. Er blickte sich zu ihr um, zu ihr, die ganz in der Bettwäsche vergraben war – er sah nur Haare und einen bleichen Arm der das Kissen umschlungen hielt. Er hörte ihren Atem und drehte sich wieder der Wand zu, betrachtete das Weiss, das in der Abwesenheit von Licht bläulich erschien. Es wirkte beruhigend auf ihn, wie ein leeres Blatt Papier.
Gestern hatte sie ihn gefragt, ob er über Nacht bleiben werde und er hatte leicht genickt, fast unmerklich den Kopf bewegt, es war, als wäre ihm plötzlich das Genick eingefroren. Er hielt sie in diesem Moment fast nicht aus, diese sichtbare neue Weichheit, diese hoffnungsvolle Offenheit, die sie seit kurzem so mitten in ihrem Gesicht spazieren führte. Der Griff zum Glas ersparte ihm den Augenkontakt für eine kurze Zeit und er atmete innerlich auf. Für solche offenen Zärtlichkeiten war er definitiv zu wenig betrunken. Er zog sich in seinen Kopf zurück und stellte sich vor, alleine auf einer Lichtung in einem Wald zu stehen, mitten im Winter. Der Schnee würde jedes Geräusch dämpfen. Er malte sich die Szene auf der Lichtung bis ins kleinste Detail aus, hörte den Schnee unter seinen Schuhen knirschen und spürte die Schneeflocken auf seinem Gesicht, seine Nase fühlte sich taub an und zwickte. Eine Schneeflocke verhedderte sich in seinen Wimpern.
Woran denkst du? – hatte sie mitten in seine Lichtung hinein gefragt, mit einer Stimme, die das Drängende nicht ganz verheimlichen konnte. Denkst du an etwas Bestimmtes? – fragte sie noch einmal und schon war da wieder dieses Zittern in ihrer Stimme. Sie hatte Angst. Schon jetzt hatte sie Angst, ihn zu verlieren. Schon jetzt trug sie den Abschied in sich, obwohl sie erst am Anfang standen.
Er trank sein Glas aus und schaute sie aufmunternd an. Ich denke an dich – sagte er und lächelte sanft. Ihre Gesichtszüge entspannten sich und sie zündete sich eine Zigarette an. Er mochte es, wenn sie rauchte, sie hatte dann etwas von ihm Abgegrenztes. Ja, er mochte sie eigentlich sehr viel mehr, wenn sie nicht da war.
Sie hatte darauf bestanden, die Rotweingläser ins Schlafzimmer mitzunehmen und er hatte nicht widersprochen, auch wenn er es nicht mochte, neben Rotweingläsern aufzuwachen. Das verlieh dem neuen Tag schon von früh auf etwas Trostloses.
Gerne wäre er nun aufgestanden, hätte Kaffee gekocht, sich das Gesicht mit kaltem Wasser gewaschen, sich an den Tisch gesetzt, auf sie gewartet.
Als die Kirchenglocken zu läuten begannen, schienen sie beinahe wie ein Zeichen und er raffte seine Kleider zusammen und ging ins Badezimmer. Er würde keinen Kaffee kochen. Er würde gehen und würde ihr einen Zettel hinterlassen, ihr darauf die Lichtung beschreiben, in der Hoffnung, dass sie endlich alles begreifen würde. Weshalb er gehen musste, weshalb er nicht bei ihr bleiben konnte. Nicht heute und auch nicht morgen.

Wenn ein Freund weggeht, muss man die Türe schließen, sonst wird es kalt.

(Bertolt Brecht)

Serge Poliakoff. Composition Red and Green, 1956.

Serge Poliakoff. Composition Red and Green, 1956.

Natürlich schreib ich nicht über dich

Posted in Allgemein on Montag, 1. Juni 2015 by badana

Das würde ich nie tun. Darf ich dir aber trotzdem sagen, dass ich bereits auf der Suche nach dir war und einen Text gefunden habe, einen Text über dich und da stand ein Satz, der mich sehr berührte? Der Satz kam vor einigen Jahren aus deinem Mund und einer hat ihn aufgeschrieben, ein Mensch mit einem sehr ernsthaften Namen (wahrscheinlich raucht er immer Pfeife, allein). Und dieser ernsthafte Mensch hat deine Worte veröffentlicht und heut Morgen hab ich sie gelesen, diese deine Worte, und nun spuken sie mir im Kopf herum und ich bereue es, dass ich dir keine Löcher in den Bauch gefragt habe, denn dann wäre ich vielleicht jetzt nicht so hungrig nach Sätzen von dir.

Schlimm ist natürlich, dass ich so durcheinander bin und dass ich nicht weiss, wo Wirklichkeit beginnt und Hirngespinste aufhören. Nein, eigentlich ist es schön, denn es gibt Hoffnung; ich weiss, du magst Hoffnung und Idealismus und dieses und jenes Land nicht, weil sie dich in deiner Vorstellung verletzen. Eigentlich ist es ja so, dass wir uns gar nicht kennen, dass ich deine Traurigkeit gar nicht kenne, aber ich wollte dir sagen, dass ich dir gerne zuhöre und ja, ich rede oft lieber von mir selbst als zuzuhören, aber deinem Singsang hab ich gerne zugehört, er klang wie raue Seide und hat mich in diesen Augenblicken an dich gefesselt. Und irgendwie machst du mich zu einem besseren Menschen, weil ich mit dir Härte ablegen kann; aber ich möchte jetzt lieber über die anderen Dinge nachdenken, die kleinen Dinge, denen du plötzlich Leben eingehaucht hast und die mich nun fortan in meinem Leben begleiten werden – Handflächen, Butter und Salz, Tee aus Tassen mit oder ohne Henkel. Du hast neue Spuren in mir hinterlassen und dafür möchte ich dir danken.

Ich werde heute viel kaltes Wasser aus sauberen Gläsern trinken, mich nicht allzu schnell bewegen und auf einen Satz von dir warten und mich davor fürchten und darauf warten und mich davor fürchten. Doch ich weiss, der Tag wird schnell vorüberziehen und dann noch einer und noch einer und ich werde mich zögerlich wieder meiner Ordnung zuwenden, meinen Listen und Plänen. Aber ich werde dabei ein wenig mehr Sanftheit in mir tragen, sie schützen vor der Struktur und Arbeit, ihr einen kleinen Bunker in mir bauen, ganz tief in meinem Bauch, auf dass sie mir nicht wieder verlorengeht.