Archiv für August, 2017

Wie ein verwundetes Tier

Posted in Allgemein on Donnerstag, 31. August 2017 by badana

Er sah den Gletscher, wie er sich vor ihm aufbäumte wie ein verwundetes Tier. Die Sonne brach auf das jahrhundertealte Eis ein und glitzerte im Licht wie eine zerbrechliche Kostbarkeit. Dieser Koloss wird keine hundert Jahre überdauern, dachte er, und eine Schwere befiel ihn, gefolgt von Ehrfurcht.

Als er da stand und nach sauerstoffarmer Luft schnappte, da fühlte er: Wie alles ganz und gar vergänglich war. Er sah die Menschen aus einer weiten Entfernung, wie sie kämpften, litten, lachten, tranken – und alles nur, um zu vergessen, wie endlich sie waren in ihrem Hadern und Zaudern. Wir alle wollen geliebt werden und lieben und wir alle haben Angst vor der Nichtigkeit, so dachte er und kämpfte mit der Kälte des Windes.

„Wenn er allein im verdunkelten Zimmer lag und das Sonnenlicht in Bohlen durch die Spaltluken der Fensterläden fiel, überkam ihn ein tiefes Gefühl von Einsamkeit und Trauer. Er sah sein Leben vor sich wie einen Weg durch düsteren Wald; er wußte, daß er immer einsam sein würde. In diesem kleinen Rundschädel gefangen, in dieses unerforschliche, pochende Herz gesperrt, würde sein Leben immer einsame Wege gehn. Verloren. Er verstand, daß die Menschen einander immer fremd bleiben, daß keiner je um den andern weiß; daß wir aus der Haft des dunklen, mütterlichen Leibes entlassen werden, ohne der Mutter Angesicht zu kennen; daß wir als Fremde an ihre Brust gelegt werden … daß wir nie die eisernen Gefängnismauern des Seins durchbrechen können, gleichviel, wessen Arm uns umfängt, wessen Mund uns küßt, wessen Herz uns erwärmt. Nie, nie, nie, nie, nie.“ (Thomas Wolfe: Schau heimwärts, Engel!)

So sei es, dachte er, wendete den Blick vom sterbenden Gletscher ab und machte sich auf den Weg zur Stadt, irgendeiner, in der ihn erleuchtete Fenster empfangen würden, vor denen er stände, still und rauchend. Vor Fenstern, die Wärme beherbergten, Familien, Sorgen und Freuden. Er würde ausharren, bis die Lichter erlöschen, die Fenster ins Dunkel wanderten – dann käme die Zeit, in sein einsames Bett zu pilgern, ohne Zweck und ohne Sinn, nur um des Schlafes willens. Er würde schlafen, aufwachen, fressen, scheissen, arbeiten – um dann wieder schlafen gehen zu können. Ohne Zweck und ohne Sinn. Draussen vor den Fenstern der Welt. Immerfort.

J. M. W. Turner: Shade and Darkness. 1843.

J. M. W. Turner: Shade and Darkness. 1843.

 

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Dä Läbä

Posted in Allgemein on Mittwoch, 9. August 2017 by badana

Huäräsiäch, sagte er und schlug mit seiner Faust in die Wand. Seine Knöchel explodierten, sofort wurde der Handrücken taub. Er war gerade aufgewacht, hatte all ihre Nachrichten gelesen. All diese hingeworfenen Worte der Verzweiflung und des Abschieds. Die Wut liess sein Inneres kochen, er hätte alles niederreissen können. Dieses Bild, diese Lampe, dieses Bücherregal. Er wollte alles niederbrennen sehen, bis auf den Grund.

Natürlich hatte er geahnt, dass das Glück rasch durch seine Finger sickern würde. Natürlich wusste er, dass er es auch dieses Mal nicht schaffen würde, jemanden davon zu überzeugen, dass er der Richtige war. Sie, mit ihrem Haar aus Geschenkpapier und Keksen, hatte es schliesslich auch eingesehen: dass er es nicht wert war. Nicht die stundenlangen Gespräche, die Spannungen – und all das, was darunter verborgen war und das er nie erreichen konnte. Denn das Denken fiel ihm bisweilen schwer.

Alles hatte schön begonnen, denn Anfänge waren so: wunderbar und erhaben. Sie gaben stets den Anschein von Leichtigkeit, Hoffnung und luftiger Zuckerwatte. Doch dann kam die Mitte und die Mitte war Alltag, zäh und klebrig wie abgestandener Sirup, der am Flaschenhals zu austrocknen begann. Und wie war das Ende – fragte er sich und versuchte vorsichtig, eine Faust zu machen, doch der Schmerz zog bis in seinen Unterarm und er liess es bleiben.

Das Ende, ja, das war immer schrecklich und unbarmherzig und wechselte seine Gesichter so häufig wie er seine Unterhosen. Nie konnte man sich wappnen, fuck Schiller, die Konfrontation mit dem Erhabenen liess einen bloss schwächeln, bloss durchscheinend werden wie Pergamin. Denn nichts konnte der unaufhaltsamen Verwahrlosung des menschlichen Herzens entgegenwirken. Nichts, ausser die Grösse, die ihm abhanden gekommen war und die er nicht einmal mehr vermisste. Denn, ja: Leicht lässt sich’s weinen, wenn warme Suppe wartet und das Leben so blossliegt wie ein aufgeschnittener Fisch.

Ja, dachte er, so muss es wohl sein und kühlte seine Hand unter einem Strom kalten klaren Wassers.

 

Kein Gespräch

Posted in Allgemein on Sonntag, 6. August 2017 by badana

Hej du.

Hej.

Wie geht’s?

Gut und dir?

Auch gut. Du fehlst. Aber ich sag’s dir nicht.

Ich dir auch nicht.

Ich muss dir so viel erzählen, hab so viel gesehen, erlebt. Gestern zum Beispiel, da hab ich einen Obdachlosen kacken sehen. Geschieht nicht alle Tage.

Haha.

Ja. Und weisst du, das sieht ganz ähnlich aus wie bei Hunden. Darum hat mich der Anblick auch gar nicht so überrascht.

Wo hat er denn hingekackt?

Er war im Park. Und hat neben einen Baum gekackt, nicht hinter, neben. Und zwar am helllichten Tag.

Und wie haben die Leute reagiert?

Irgendwie gar nicht. Die Kanadier sind seltsam, sie lachen wenig und wenn, dann erreicht das Lachen ihre Augen nicht. Manchmal denke ich, sie sind etwas unheimlich. Ihre Stadt ist aus Glas, sie tragen kalte Herzen in ihrer Brust.

Wow. That’s deep.

Mach dich nicht lustig, nur so ein Gedanke, ist ja nicht in Stein gehauen, was ich so sage, den ganzen lieben Tag lang.

Ich mach mich nicht lustig über dich. Ich habe Angst, etwas Falsches zu sagen, daher sage ich nur Blödsinn oder am liebsten nichts.

Okay. Dann lass uns schweigen. Ich hör dir gern beim Atmen zu, aber ich sag’s dir nicht.

Gut. Ich dir nämlich auch nicht.

 

Do You Want My Pee Too?

Posted in Allgemein on Freitag, 4. August 2017 by badana

Was ist das für eine Welt, in der Fingerabdrücke verlangt werden, um an einem Sprachtest teilzunehmen? Do you want my pee too? – wollte ich sagen, aber ich war viel zu feige, zu feige. Gern wär ich auf den Tisch gestanden, hätte nach Kaffee gebrüllt (auch der war mir verboten worden, nebst den Mandeln) und eine Meuterei angezettelt. Aber nein. Stattdessen sass ich da, mit starrem Rücken, der sich immer mehr verkrampfte, je mehr Zeit verging. Ich sass stramm da, ein braver Soldat, der in seiner Freizeit mal hin und wieder bierselig die Klappe kurz aufreisst, um gleich wieder zu verstummen.

Ich kam mir erbärmlich vor, in meinem senfgelben Pullover und der ordentlichen Frisur, die ich zurechtgemacht hatte für den Sprachtest am Nachmittag. Und als ich dann der Expertin gegenübersass, da fragt sie mich doch: What do you think, should we live in a more controlled and risk-free society?

Da ist alles aus mir herausgebrochen, ein ganzer Monolog über 1984 von Orwell und Kontrolle und über den Verlust unserer Identität im digitalen Zeitalter. Sie schaute immer wieder auf die Uhr, hektisch, aber ich hab sie ignoriert, ich musste so viel loswerden, da brach ein Damm und ich wusste nicht mehr, in welcher Sprache ich sprach, was ich sagte, alles war plötzlich da – die Wut, der Mut, der Widerstand. Schliesslich fragte ich sie: What kind of a world are we already living in, where students have to get fingerprinted before they can participate in a shitty English exam?

Da hatte ich sie. Sie schaute endlich von ihrer Uhr auf und ihre hektischen Augen hielten für einen kurzen Moment meinem Blick stand. Thank you. – sagte sie ruhig. Your speaking exam is over. Ich stand wortlos auf und ging.

Schlaflied

Posted in Allgemein on Mittwoch, 2. August 2017 by badana

Pssst, liebes Mädchen. Denk nicht an die Narben, die schmerzen, wenn es regnet. Sei nicht töricht, sei ruhig, werde ruhig. Dein Herz war mal ein Ziegelstein, nun ist es rein. Ein Vogelherz, zittrig und klein. Denk nicht mehr an die Männer aus dem Osten, aus dem Norden, dem Westen und Süden. Die Zeit hat sie gefressen, mit Haut und allem. Nur der eine, der ist noch da. Der mit den breiten Schultern und mit dem Nacken aus Samt. Er denkt an dich, in diesem Augenblick.

Pssst, mein Herz, sei jetzt still. Dr. Fritz ist auf Besuch – lass ihn nicht wissen, wie du leidest, wie du dich quälst, dich windest in seinen trockenen harten Händen. Lass ihn nicht wissen, dass du noch da bist. Kann er dich riechen? Dein Versagen, deinen Zwiespalt, deinen Wahn?

Pssst, meine Kleine, sei jetzt still. Wisch alle Gedanken weg, heb den Arm, tu es jetzt. Wisch den Schmutz auf den Boden, hau die Stühle um, schmeiss die Fenster in die Ecke, lass es dunkel werden. Dies alles ist nicht wirklich. Atme ein und aus. Lass Leere rein, leg dich hin.

Und nun mein Mädchen, deck dich zu. Wenn du die Augen schliesst, verschwindet die Welt. Es ist ganz leicht. Morgen ist ein neuer Tag.