Archiv für Juli, 2008

Die musikalische Hölle

Posted in Allgemein on Donnerstag, 31. Juli 2008 by badana

Hieronymus Bosch trat 1488 der religiösen Bruderschaft „Unserer-Lieben-Frau“ bei, die Kontakt pflegte zu den höchsten Kreisen des Adels, der Geistlichkeit und der städtischen Eliten in den Niederlanden. In ihren Prozessionen machten sie sicherlich komische Dinge, so wie es jede Sekte tut. Aber um diese Schweinereien geht es hier nicht, sondern um den folgenden Innenflügel des Triptychons „Garten der Lüste“, auf welchem die Hölle abgebildet ist. (Schon wieder schreibt sie über so was Deprimierendes – denkt ihr nun. Und ich sag euch: Jaja, die Welt ist düster, meine Lieben, da gibt es einfach nichts schönzumalen, das wusste der Bosch schon damals. Wenn ich jetzt eine abgegriffene Bibel hätte, würde ich einen prima Weltuntergangsverschreier auf der Strasse abgeben.)

 

Dies ist ein Ausschnitt aus Boschs bekannter Unterweltsdarstellung mit dem Titel „musikalische Hölle“. Letzterer rührt daher, dass Musikinstrumente als Folterwerkzeuge gegen wehrlose Menschen eingesetzt werden (was schon ziemlich abgefahren ist und auch irgendwie erheiternd – give it to me baby, mit der Klarinette, auf meinen sündigen Hintern).

Das Augenmerk auf sich zieht der sogenannte Baummensch, der installiert ist auf zwei kleinen Booten. Sein dem Betrachter zugewandtes, nachdenkliches Gesicht ist auf einem Korpus montiert, der an ein geborstenes Ei gemahnt. Auf seiner Kopfbedeckung, einem Mühlstein, steht ein roter Dudelsack inmitten – das Symbol für sexuelle Ausschweifungen und Obszönität. 

Unterhalb des Baummenschen (siehe den nächsten Ausschnitt) ist ein wehrloses Opfer in die Saiten einer Harfe eingespannt, ein anderes Opfer wird von einer großen Flöte niedergedrückt, ein weiteres liegt unter der Leier gefangen, auf sein Hinterteil sind Noten geschrieben, nach der die hier Herumgruppierten unter Anleitung eines Monsters singen müssen. 

Das Bild hängt in meinem Zimmer und ich dacht immer: Ach, was für krullige* Viecher, die wuseln so in der Hölle rum und lächeln selbstversunken.

Ha, nixda, falsch gedacht. Die hauen sich gegenseitig mit Flöten.

Ach, ich wünscht, ich wär musikalischer..

 

* (ich weiss, das Wort passt hier nicht, ich find aber, es klingt so, als würd es passen. Ich darf machen, was ich will.)
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Müde.

Posted in Allgemein on Dienstag, 29. Juli 2008 by badana
 

Als die schwarzen Raben

Durch Nebelschwaden

Das Blut ihrer kleinen

Schwester spritzen sahen

Da zogen sie ihre Bahnen

Die Schnäbel zerrissen zu

Garstigem Geschrei

 

Im Wind aus Metall ringt

Das Mädchen die Hände

Verwundet durch Nesseln

Besudelt durch Schmutz

Das leichte Hemdchen

Weiss und entkräftet

Möchte bloss schlafen

 

Auf moosigen Grund

Sinkt darnieder das Kind

Während die Vögel es

Kreischend umkreisen

Der Atem bricht leise

Das Auge irrt suchend

Durch surrendes Flügelgewirr

 

In nächtlicher Stille

Des düsteren Waldes

Stirbt einsam die Schwester

Verraten von Liebe

Verstossen von Welt

Der kleine Körper

Bald leblos und kalt

 

Ein Nieseln spielt Trauer

Zu diesen Stunden

Die wispernd beklagen

Das Opfer der Nacht

Keine Feder die träge

Zur Erde segelt

Kein Menschenlaut

Der Blätter durchdringt

 

Ein verwundeter Himmel

Verbirgt sein Gestirn.

   

Schmerz, lass nach..

Posted in Allgemein on Dienstag, 29. Juli 2008 by badana

heute…

Posted in Allgemein on Donnerstag, 24. Juli 2008 by kobrra

…wurde ich durchschossen und zerrissen.

mir gegenüber sass eine, wie ich glaube, schöne junge frau. auch wenn das von zeit zu zeit vorkommt, und mir das sonst ganz und gar nicht unbehaglich ist, heute musste ich weichen, mich geradezu verstecken, und auch meine unfähigkeit, zu parieren. um die situation etwas zu klären: beide waren wir vertieft in unsere dinge, von zeit zu zeit jedoch liessen wir, unabhängig voneinander, die blicke durch den raum schweifen. bis mein kopf durchschlagen wurde, wie von einem projektil: es trat durch die augen in meinen kopf hinein, verliess ihn beim genick, wo es eine klaffende wunde riss und einen sanften schmerz hinterliess, oder vielleicht doch eher ein steifes, taubes gefühl. gleichzeitig geriet ich in einen sog, schwarz und grün und tief und flach, und ich wollte mich ihm hingeben, auch wenn er meinen untergang bedeutete, wollte mich einkerkern lassen, doch ich konnte nicht.

ich konnte ihren blick nicht ertragen. und ich konnte ihn nicht erwidern. er zerriss mich in einem bruchteil einer sekunde, in demselben ich eine reise durch raum und zeit antrat und beendete, in dem sie in mich hinein und alles sah, und mir im gegenzug zu verstehen gab, dass…

fuck, keine ahnung.

That’s a sorta fairytale with you

Posted in Allgemein on Mittwoch, 23. Juli 2008 by badana

Clip von Tori Amos

.. ein Stück faul Holz

Posted in Allgemein on Mittwoch, 23. Juli 2008 by badana

Also, es sieht so aus: Ich brauche Kohle, eine Holzhütte im Nirgendwo-Wald (s. obere Markierung), viel Ruhe und Stille und ein wildes Tier, das ich zähmen und kraulen kann. Ein Fuchs wäre schön oder ein Wolf oder Bär.

Ich entwerfe massenweise Schlachtpläne, um mein neues Leben bald starten zu können (alle vererbten Goldringe verkaufen, Flohmarkt organisieren, hochdotierten Literaturpreis gewinnen und alle Bekannten anpumpen), doch irgendwie komm ich nicht in die Gänge. Mag es das meteorologisch eher herbstlich anmutende Sommerloch sein, das falsche soziale Umfeld (ja, meine lieben Freunde, ich versuche gerade, Verantwortung abzuschieben), die Tagträumereien oder der schwere Rotwein – irgendwie krieg ich den Arsch nicht hoch.

Immerzu muss ich an dieses Märchen denken, das die Grossmutter in „Woyzeck“ (Georg Büchner) den Kindern erzählt:

Es war einmal ein arm Kind und hat kei Vater und keine Mutter war Alles tot und war Niemand mehr auf der Welt. Alles tot, und es ist hingangen und hat gerrt Tag und Nacht. Und wie auf der Erd Niemand mehr war, wollt’s in Himmel gehn, und der Mond guckt es so freundlich an und wie’s endlich zum Mond kam, war’s ein Stück faul Holz und da ist es zur Sonn gangen und wie’s zur Sonn kam, war’s ein verwelkt Sonneblum. Und wie’s zu den Sterne kam, warn’s klei golde Mücken, die warn angesteckt wie der Neuntöter sie auf die Schlehe steckt und wie’s wieder auf die Erd wollt, war die Erd ein umgestürzter Hafen und war ganz allein und da hat sich’s hingesetzt und gerrt, und da sitzt‘ es noch und ist ganz allein.

Und hier noch die musikalische Interpretation dieser Gute-Nacht-Geschichte von Tom Waits.

Was ist das, das uns teilweise so lähmt und innehalten lässt, während das Leben an einem vorüberrast? Es bleibt das Gefühl zurück, wie wenn man in einem entlegenen Kaff dem letzten Zug, den man um ein Haar verpasst hat, nachblicken würde.. 

Wie komm ich denn jetzt nach Hause?

exit(us)08: am rande notiert.

Posted in Allgemein on Montag, 21. Juli 2008 by kobrra

skifahren im sommer. wer hätte das gedacht, in serbien kein problem. pfff, die schweiz schimpft sich „wintersportparadies“. üetliberg-schlittelbahn, weisse weihnacht in st. moritz, schneeballschlacht vor der uno – was nützts, wenn der style ist, dies bei 35° im schatten zu tun.

england ist ein balkanstaat. kein weiterer kommentar notwendig.

engländer verletzen serbische quarantänebestimmungen. tja, da organisiert man mal ein festival, und fast alle engländer reisen krank an. (irgendwie erinnert mich das an cortez und südamerika.) so war der meistgehörte englische satz denn auch: „do you know where i can find some pills?“ meinen äusserst gastfreundlichen hinweis auf die 24h-apotheke auf der stadtseite der brücke wollten sie aber nicht so recht verstehen und schüttelten verdattert die köpfe. komisches volk.

mary-lou, der emo. hatte immer gedacht, emos gibts nur in westeuropa und in nordamerika. falschfalschfalsch: auch in serbien gibt es leute, die eine klinge lieber an sich selbst, als am wetzstahl schärfen. keine ahnung aus welchem grund, aber ich war davon überzeugt, dass die kombination aus emotionaler leere bei gleichzeitigem übermass an erfüllung von wünschen und daraus sich aufbauendem inneren druck eine begleiterscheinung der kapitalistischen und hochindustrialisierten weststaaten ist, dabei ist es bloss… mode. fuck. und serbien bietet doch alles, was es für gute gesundheit braucht: miese infrastruktur, schlechtbezahlte jobs, nichtexistente zukunftsaussichten und die garantie für ein leben von der hand in den mund. wie findet man da bloss zeit für ausgefallene schnittmuster an armen und beinen, sowie das erfinden von haustieren?
nun, vielleicht waren die emos am festival ja auch engländer, die dachten, dass sich „exit“ auf einen organisierten massenselbstverstümmelungsevent bezieht. wär’ auch zu schön gewesen, aber nein, es dreht sich bloss um musik. (nur so am rande: „exit“ geht zurück auf den versuch des ausbrechen aus einer gesellschaftlichen enge, erzeugt durch nationalismus, konservativismus, isolation und ignoranz. wenigstens einmal pro jahr sollte sich der horizont etwas weiten, das festival ein fenster nach europa sein, einen ort und ein leben, so unerreichbar nahe wie der mars.)

serbien, das gelobte land. für einige von euch ist das ein alter hut, aber ich will’s gleich nochmal hinausschreien: serbien ist mein tibet. slavoj žižek, ein slovenischer philosoph, hat es auf den punkt gebracht: wir kümmern uns um tibet, weil wir eine projektionsfläche für unser schlechtes gewissen brauchen. wir idealisieren eine für uns exotische, aber ein stück weit nachvollziehbare kultur, die wir als rein und gut und schön identifizieren, und wir möchten sie erhalten, damit die tibeter an unserer statt ein reines und gutes und schönes leben führen. wir sitzen am fernseher, sehen ihnen dabei zu, und koppeln zurück auf uns – wir werden tibeter, und erfahren für einen kurzen moment erlösung und glückseligkeit. genug, um dann zwei monate lang wieder wie ein schwein zu leben.
doch, was kümmert mich tibet? kenne ich tibeter? darf ich mir ein urteil erlauben über die chinesische staatsmacht? weiss ich denn, dass die tibeter unterdrückt werden? soll ich richard gere blind glauben, nur weil er ein west-buddhist ist? stattdessen kümmert mich serbien, ein land, zu dem ich gehöre und das zu mir gehört. und ja, ich begehe denselben fehler: ich idealisiere eine volkskultur und blende all ihre unzulänglichkeiten aus. aber wenigstens ist es meine eigene, und wenigstens lache ich mich in dem land jedesmal tot und saufe mich ins koma und betreibe völlerei und enerviere mich über die bullerei und drehe beinahe ab ob der schönheit der frauen und des kreativen potenzials der belgrader und novi sader musikszene.
gehet hin und sehet die milch und den honig aus dem boden sprudeln und labet euren geist an der süssen sünde. denn das geheiligte babylon liegt an der donau.