Archiv für April, 2018

Ich hüte wieder einmal das Bett

Posted in Allgemein on Montag, 30. April 2018 by badana

Das ist Nathan – schreibst du unter das Bild des schönsten Hundes, den ich je gesehen habe. Ich hüte wieder einmal das Bett, wieder einmal habe ich mich zwischen glasverspiegelten Hochhäusern verloren, in Gemeinschaftsbüros, in Cafeterias mit schlechtem dünnflüssigem Kaffee, gekrönt von flackerndem Neonlicht. Kann mich grad nicht rühren, kann nichts, will dich nicht sehen, obwohl du mir fehlst, brauche Dunkelheit und Ruhe und unendlich viele Stunden Schlaf. Unbeweglich ist auch mein Hirn, das vor sich hindümpelt im morastigen Sumpf der Vergangenheit. So viele Menschen habe ich zurückgelassen, mein Weg gesäumt von Leichenbergen, unglücklichen Beziehungen, giftigen Freundschaften, flüchtigen Liebschaften, leeren Versprechungen – dahingesagt in die betrunkene Leere eines Endwochentags.

Das ist Nathan – schreibst du und ich muss das Foto immer wieder anschauen. Der Hund sitzt erwartungsvoll da, er hat zwei verschiedenfarbige Augen, sein Fell ist schwarzweiss gescheckt und ganz unten in der Ecke sieht man noch einen Teil deines Fusses, also deine Zehen, in einer blauen Socke mit roter Spitze steckend. Neben deinem Fuss liegt ein Stock auf der Treppe und dieses ganze Bild rührt mich so sehr, dass ich die Kraft habe, aufzustehen, das erste Mal heute aufzustehen – nach Tagen der vollkommenen Leere – und mir Kaffee zu machen, die halbverwelkten Blumen zu giessen und kurz aus dem Fenster zu schauen auf ein Draussen, das viel unwirklicher erscheint als mein kleines rabenschwarzes Schlafzimmer.

Es vergehen noch einige Stunden und irgendwann, es ist schon längst dunkel, werde ich wach, das erste Mal seit langem wieder wach, und beginne, Regung in mir zu spüren. Jetzt möchte ich mit dir am See entlang spazieren, in die Lichter der Stadt blicken auf dem gegenüberliegenden Ufer. Ich will innehalten und dir zuhören, wie du mir Geschichten aus deiner Jugend schilderst. Schweigen, dich manchmal ansehen, leise mitlachen, wieder zu mir kommen, bei dir bleiben – und mich nie wieder verlieren.

Philipp Igumnov: The Floating Woman.

Philipp Igumnov: The Floating Woman.

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Keinen einzigen Tag mehr

Posted in Allgemein on Donnerstag, 5. April 2018 by badana

Dann lieb mich von weitem, du Feigling. Lieb mich aus der Ferne, während ich durch’s Leben schreite, Geld verdiene, morgens aufwache, abends schlafen gehe, Sushi esse, Bier trinke, traurig bin und lauthals lache. Beobachte mich, während ich älter werde, mich verliebe, Kinder kriege, reisen gehe, auswandere. Schau mir zu, wie ich deine Träume lebe, während du dich vor der Welt verkriechst.

Aber vor allem eins: Lass mich in Ruhe, les mich nicht mehr, such nicht in der Stadt nach mir. Du hattest deine Chancen, unzählige sind es, unzählige Nächte, die du lieber in die Leere gehorcht hast, als mich in deine Arme zu schliessen. Suhl dich nun in Selbstmitleid, sieh überall Verrat und verneble deinen Verstand, damit er nicht denken muss. Zementier dein Herz zu, um nichts zu fühlen. Such dir eine Frau, die dir niemals widerspricht, niemals Lärm macht, mit dir Götzendienst für die Reichen und Dummen betreibt.

Keinen einzigen Tag mehr werde ich wegen dir weinen, keine Stunde wird vergehen, in der ich mich nach dir verzehre. Mein Leid hat heute sein Ende gefunden, während deines beginnt. Lass mich also in Ruhe meines Weges ziehen, der nicht deiner ist, der besser ist, schöner ist, frei ist von dir.

Nikolay_Pustatov

Nikolay Pustatov

Verrat

Posted in Allgemein on Montag, 2. April 2018 by badana

Guten Abend, Herr Dr. Fritz, wie komme ich zu der Ehre Ihres Besuchs? Sind Sie aus den dunklen Abgründen meines Geistes gekrochen, weil Sie meine Schwäche wittern?

Ja, es ist wahrlich so – hinter jeder Ecke lauert Verrat: Vertraute Gesichter werden zu Fratzen, ich stehe im Feuer auf dem Scheiterhaufen der Geisteskranken, rundum kalte Menschen. Sie schauen zu und applaudieren. Geister meiner Vergangenheit, stets sind sie bei mir.

Dr. Fritz, was soll ich hier. Nur mein Bett bietet mir Zuflucht. Das Leben zieht an mir vorbei und ich kann mich nicht rühren. Zu schmerzhaft die Wunden, sie sind noch frisch. Bitte nicht anfassen, ich bin zu müde, um mich zu wehren. Zu müde gerade, für diese Welt.

Cut me up and let me rest. (Suicide Boys)