Archiv für März, 2015

Die Beiden da..

Posted in Allgemein on Mittwoch, 18. März 2015 by badana

In der Gondel war es stickig und eng. Es roch nach alten Menschen, nach nahem Tod – ein süsslicher, modriger Duft. Die Kinder plärrten und ihre Eltern versuchten sie offenbar mit forschen Zurechtweisungen zu übertönen. Die Manifestation der Hölle, in fünfzig Metern Höhe. Besten Dank, du lieber Tag, für diesen grossartigen Nachmittagsausflug, ich würd grad gern in Ohnmacht fallen, für immer – so dachte sie und vergrub die Nase in ihrem frisch gewaschenen Halstuch.

Die Aussicht langweilte sie schnell. Jaja, schon noch schön das alles, aber diese Art der Schönheit blieb bei ihr nicht hängen, floss durch sie hindurch, hinterliess keine Spuren. Kurz konnte sie im Anblick des glitzernden Sees versinken, welcher dort, am linken Ufer, so aussah wie dieses irisierende durchsichtige Papier, mit dem sie früher in der Schule Dinge bastelten. Es trug alle Farben des Regenbogens in sich und hatte sie ständig irritiert, da sie es gleichzeitig hässlich und schön fand.

Talaufwärts kroch zuerst ein ebenmässiger Wiesenteppich unter ihren Füssen hinweg, dann immer mehr Gestein, dann Wald, noch mehr Wald, die Bäume änderten sich allmählich, wurden zu Tannen. Sie liess den Blick über die Mitreisenden gleiten: Alt, alt, alt, plärrendes Kind, nervige Eltern, schlafendes Kind – und die beiden.

Die Beiden sassen nebeneinander, die Blicke ins Tal gerichtet. Sie sahen aus wie gemalt: Ihren Arm hatte sie nachlässig um ihn gelegt, seine Hand lag auf ihrem Knie und sie waren beide gutaussehend, gutgekleidet und wirkten, als wären sie gerade einem Katalog entsprungen. Profil neben Profil, eine vollkommene Einheit.

In ihr kam plötzlich Neid auf, giftiger Neid, der ihr die Kehle zuschnürte. Er stand auf, präsentierte einen wahnsinnigen Hintern in wahnsinnig gutsitzende Hosen, sogar seine sportliche Multifunktionskleidung wirkte perfekt, kein bisschen ausgeleiert, sondern in Form getragen. Ihr ungeschminktes Gesicht war fesselnd, mit gesund geröteten hohen Wangen, umrandet von locker zusammengebundenen Haaren, unter einer hübsch drapierten Mütze. Sie ergaben zusammen ein so harmonisches Bild, dass sie sich im Kontrast dazu vorkam wie ein Monster. Ein hässliches, künstliches Ungeheuer, das bereits Rost ansetzte und Öl leckte, ein beschädigtes Ding, das zuhinterst in einen abgeschiedenen Lagerraum gehörte, weggesperrt, staubbedeckt.

Endlich oben angekommen, verliess sie die Gondel, zittrigen Schritts, als hätte ihr jemand in einem einzigen Augenblick jedwede Daseinsberechtigung entzogen. Als wär sie in Sekundenschnelle verblasst, hätte sich selbst in der Höllengondel zurückgelassen. So setzte ein fader Schatten ihrer selbst vorsichtig Fuss vor Fuss, trat trotzdem in den gelben Schneekreis, in dem sich wahrscheinlich ein dummer Hund erleichtert hatte, setzte Fuss vor Fuss und war sich sicher, das Hotel niemals erreichen zu können – als wäre sie auf ewig verdammt, die Fahrt von Tal zu Bergspitze zu wiederholen, und das im Wissen um ihre eigene erbärmliche Unzulänglichkeit.

Julia Hetta, AnOther Magazin.

Julia Hetta, AnOther Magazin.

Advertisements

Kantig, karg und helvetisch

Posted in Allgemein on Dienstag, 10. März 2015 by badana

Letztens fragt mich jemand: Seit wann ist denn dein Hochdeutsch so schweizerisch? Und ich so: Wie bitte? Ich mag meinen Akzent, ich finde ihn charmant. Und ich verstehe nicht, weshalb ich ihn wegpolieren sollte. Es gibt doch nichts Komischeres, als wenn ein Schweizer in einem aufgesetzten Bühnendeutsch daherparliert wie ein sich anbiedernder Schmierenkomödiant.

Sprachkolorit kann ausserdem eine unglaubliche Bereicherung sein, wie man zum Beispiel am Buch „Simeliberg“ von Michael Fehr erkennt, das so beginnt:

Grau
nass trüb
ein Schweizer Wetter
ziemlich ab vom Schuss
nur über einen pflotschigen Karrweg von oben
   herab zu erreichen
in einem Krachen ein wüstes
tristes Bauernhaus mit ungestümem Dach
ein zerklüfteter Haufen aus grauen und schwarzen
Tupfen
unter dem ein Haufen blinder Fenster leer in die
Öde starrt
[…]

Michael Fehr hat einen Hang zur lyrischen Form – sein Ausdruck ist kantig, karg, lautmalerisch und liebevoll, gespickt mit Helvetismen. So hangelt man sich durch die Geschichte, die sich weniger über die Handlung eröffnet, als über die sperrigen Figuren und die finstere Atmosphäre – nicht zuletzt auch über Telefongespräche, von denen man oft nur die Gesprächsbeiträge einer Seite mitbekommt: nämlich vom Gemeindsverwalter Griese, dem Paradebeispiel eines nervigen bünzligen Bürokrats, der einem in seiner starrköpfigen Unbeholfenheit mit der Zeit doch ans Herz wächst.

Nicht vielen Autoren glückt ein solcher Drahtseilakt zwischen Standarddeutsch und Dialekt. Markus Werner ist so einer, dem dies glückt, offenbar immer glückt, der virtuos mit dem Heimischen und Fremden in der Sprache jongliert und dabei nie seinen alles versöhnlichen Humor verliert. So wird in seinem Roman „Bis bald“ verdeutlicht, wie gross die Schlucht zwischen Standarddeutsch und Mundart sein kann – vor allem zwischen zwei Menschen:

Gerade Herzenssachen erwiesen sich für mich, sobald ich sie formulieren wollte, als muttersprachliche Herzenssachen, und je heißer das Empfinden war, desto kühler tönte die Übersetzung. Es ist uns Schweizern, zumindest im mündlichen Verkehr und abgesehen von der Furcht vor Kasusfehlern, kaum möglich, auf hochdeutsch Liebe oder Leidenschaft zu äußern, ohne uns künstlich zu finden. Und umgekehrt, uns klingen Liebesworte, hochdeutsch in unser Ohr gestammelt, ein wenig unvertraut, ja fast gestelzt, so stammelt man sonst nur am Bildschirm und im Schauspielhaus, kurzum, es hat mir immer weh getan, daß Fremdheit ausgerechnet im intimen Bereich spürbar wurde.

Lasst uns also dem Sprachkolorit frönen und uns gegenseitig dialektale ungeschliffene Ferkeleien ins Ohr flüstern: Ich zeig der mol, wo dä Bartli dä Moscht holt. Das mutet doch schon an wie alte Holzfässer und Stroh und knarrenden Dielen und heimliches Rumgefummel in dunklen Räumen. Es heisst zwar nicht wirklich: Lass uns in den Keller gehen und vögeln. Aber klingen tut es danach.

Liu Wei: It looks like a landscape, 2004.

Liu Wei: It looks like a landscape, 2004.

Bewegung mit Ring

Posted in Allgemein on Freitag, 6. März 2015 by badana

Ich hatte sie seit zehn Jahren oder vielleicht länger nicht gesehen. Sie sah genau gleich aus wie damals, bleich und ernst.  Schon damals dachte ich: Ah, das ist jetzt also eine, über die man sagt, dass sie aus gutem Haus kommt. Das ist eine, die es zu was bringen wird. Ja, das war eine, die bereits im Teenageralter Wolle trug und Filz, nicht synthetischen Firlefanz wie ich – das kleine Jugo-Mädchen. Das war eine, die schweigsam war und der man trotzdem immer in den frühen Morgenstunden über den Weg lief. Sie wirkte nie betrunken, im Gegensatz zu mir. Sie wirkte nie ausufernd, und ich schon. Ich weiss nicht mehr genau, ob wir uns grüssten, reden taten wir allenfalls nie. Aber ich denke, wir schauten uns an, warfen uns diesen einen Blick zu, der uns für einen Augenblick verbündete.

Sie kam gestern etwas zu spät zu dieser Podiumsdiskussion, sie kam mit einer kleinen lauten Freundin und sie setzte sich vor mich hin, in die erste Reihe. Ich war allein, verknautscht von einem langwierigen Arbeitstag und hungrig. Ich fragte mich, ob sie auch fand, dass ich mich seit damals nicht verändert hatte. Ihr Haar hatte die gleiche Länge wie früher, es glänzte wie wahnsinnig und ich schämte mich ein bisschen, dass ich so ungekämmt und ungeordnet hinter ihr hockte – ein Sack voll Trockenfutter.

Das Gespräch vorne auf der Bühne war langweilig und ich dachte ruckartig mal hierhin mal dorthin. Die Anspannung in mir wuchs und wuchs, ich wusste nicht wieso. Ich betrachtete ihren Hinterkopf und in diesem Moment griff sie sich in ihre Glanzhaare, befreite eine Strähne aus dem Kragen und mein Blick glitt über ihren grau-gehäkelten Pulswärmer bis zu ihren schmalen weissen Fingern. An einem prangte ein Ring, aus Altgold, mit einem Stein in Altrosa. Der Anblick versetzte mir einen Stich, irgendwo ganz tief in mir drin. Als sie sich am Schluss erhob, sich umdrehte und nach ihrem Mantel griff und mich dabei sah und wieder diesen Blick aufsetzen wollte, diesen Blick von früher, da wendete ich meine Augen ab. Ich war so unglaublich wütend und schämte mich. Auf dem Nachhauseweg rauchte ich eine Zigarette und dachte, dass sie sicher nicht raucht, sondern an Karotten knabbert, und bei diesem Gedanken wurde mir irgendwie etwas leichter ums Herz.

Félix Thiollier

Félix Thiollier

Interview mit der Autorin

Posted in Allgemein on Montag, 2. März 2015 by badana

Interviewer: Erzählen Sie mir aus Ihrem Leben.

Autorin: Wie – was möchten Sie denn wissen?

I: Erzählen Sie einfach ein Detail.

A: Sie meinen, mhmm, eine Anekdote?

I: Jaja, so etwas, in der Art.

A: Oh, mhmm, es ist eben so: Unter Druck werde ich unglaublich humorlos. Innerhalb von Sekunden fällt alles Geistreiche, Charmante von mir ab. Ich vertrockne förmlich, so wie, na wie Brot, das, ach, das war jetzt eine schlechte Metapher..

I: Haha, Sie übertreiben, das war doch ganz witzig.

A: Nett, dass Sie so flunkern, aber Sie brauchen mir nicht zu schmeicheln, dadurch wird es nur schlimmer. Ich meine, da draussen, da gibt es Leute, die – ja, die haben das sozusagen studiert, die beschäftigen sich jahrelang mit dem Verfassen von, ja von Aphorismen, oder vielleicht mit diesen Sprüchen, die auf Kalendern oder Zuckersäckcken, mhmm, und auch in Glückskeksen abgedruckt sind.

I: Gut, dann erzählen Sie mir, wie Sie zum Schreiben gekommen sind.

A: Ja, also – okay, wieder so eine schwere Frage. Mhmm, lassen Sie mich überlegen, wie ich mich einigermassen elegant aus der Affäre ziehen könnte. Nun, das war schon so, als ich klein, also im Kindesalter hat das irgendwie, aber ich komme mir lächerlich vor, dies auszuführen, es sagt doch jeder so etwas wie: Meine erste Geschichte habe ich mit Buntstiften gemalt, ein richtiges Buch, da war ich ein Baby oder ein Embryo, oder so ähnlich. Das sind doch immer die gleichen Geschichten, bei denen man sich irgendwie überbieten will. Das mit dem Schreiben, das kam halt irgendwann, mit dem Lesen, mit dem Denken, das schrieb einfach. Ohje, jetzt hab ich nun doch so etwas gesagt, was ich vermeiden sollte – so etwas, ähm, Intellektuelles. Es schreibt. So wie Chapeau. Das kann einem den besten Flirt versauen, und da sprech ich aus eigener Erfahrung. Da gibt es schon ziemlich viele erotische Stolpersteine in der Sprache.

I: Gut, ich sehe, Sie sind ein harter Brocken. Aber da Sie gerade die Erotik ansprechen. Können Sie dazu etwas sagen, also, ich meine im Hinblick auf Ihr künstlerisches Schaffen?

A: Äh, ja, das ist schon wichtig, jaja, die erotische Komponente. Mhmm, ich würde es vielleicht eher als Sinnlichkeit beschreiben. Zum Beispiel die Szene in meiner Kurzgeschichte („Der Mann im Zug“ Anm. der Redaktion), da tropft das Blut nicht einfach zu Boden, es tropft saftig und dickflüssig zu Boden. Tja, da wurde ich dann auch von dem Kursleiter später kritisiert, aber der hat mit Logik argumentiert – und ich im Gegenzug: mit Erotik.

I: Also, Sie meinen, das Saftige und Dickflüssige am But macht es erotisch?

A: Mhmm, ich denke, wir sind abgeschweift. Was wollten – Sie wollten etwas aus meinem Leben – oder Kindheit – oder?

I: Nein, nicht aus der Kindheit, Sie haben dann angefangen, von Buntstiften –

A: Ah, jaja, natürlich – die Buntstifte.

I: Äh, ja, also, ich hatte Sie nach einem Detail aus Ihrem Leben, dass, also damit die Leser sich –

A: Sagen Sie jetzt nur nicht, damit sich die Leser ein besseres Bild machen können. Denn das ist doch eines der grössten Probleme, die es gibt – ein Leben in Bildern.

I: Was ist an einem Leben in Bildern denn problematisch? Und das sagen Sie als Filmemacherin?

A: Ja, das sage ich als – mhmm, Filmemacherin – das klingt irgendwie, naja, das sage jedenfalls ich. Denn ja, ein Leben in Bildern macht doch mit der Zeit verrückt, da, ja, da verblasst die Wirklichkeit doch immer mehr. Alle wollen grosses Kino, aber schlussendlich machen sie doch bloss ein Riesentheater, um von ihrer – wie soll ich sagen – von ihrer Unfähigkeit abzulenken.

I: Unfähigkeit? Das ist aber ein ziemlich harter Ausdruck.

A: Jaja, eben, genau – was, soll ich es beschönigen? Also, für Ihre Leser, damit die nicht beleidigt sind?

I: Neinnein, ich frage mich nur, weshalb es so, also so vorwurfsvoll klingt. Der Film soll doch auch diesen Trost beinhalten, Hoffnungen spenden und –

A: So ein Kitsch, der Film soll doch aufrütteln, fast Schmerzen bereiten, nicht Möglichkeit zur Flucht bieten, sondern zur Epiphanie, also zum Erkennen, zum Öffnen der Augen, zur Offenbarung, was die hässliche nackte Wahrheit des eigenen Lebens ist.

I: Jaaaa, ist also der Film für Sie ein Mittel, eine Moral zu vermitteln?

A: Schreiben Sie das ja nicht, das wäre Rufmord, ich lass mich doch nicht als Moralapostel bezeichnen, nur weil ich hier, also, versuche – philosophische Fragen zu – aufzuwerfen.

I: Oh, nein, das haben Sie doch.. – aber lassen wir das. Ein neues Thema: Wie sind Sie vom literarischen Schreiben zum Film gekommen, also zum Drehbuch?

A: Das, ja, das kann ich jetzt mal beantworten, ja, keine sehr innovative, naja, aber solide Frage. Die literarische Prosa, die wurde mir irgendwann zu eng, das ist dann auch wieder das Ding mit der Realitätsferne, das mir vorher fast den Kragen platzen liess, ja, während im Film, ja, da muss man nicht alles so ausdeutschen, da ist das meiste ganz tief unten und brodelt vor sich hin. Und auch die Dialoge, das ist nicht diese steife, ja, sterile Sprache, sondern, äh, voller Brüche, fragmentarisch – ja, so ein Unwort wieder, aber es drückt das aus, was ich sagen will, da wird nicht rumgeeiert, das ist dann so wie jetzt gerade, das hat keinen richtigen Anfang und auch kein Ende – es ist, wie soll ich sagen, mhmm, ja, eigentlich mitten aus dem Leben gerissen.

Joséphine Cardin

Joséphine Cardin