Archiv für März, 2018

Schulter an Schulter

Posted in Allgemein on Freitag, 30. März 2018 by badana

Du und ich, der Raum dreht sich, wir stehen im Nebel und tanzen, wechseln Worte. Du berührst mich immer wieder, hier und da – ich trau mich nicht, dich anzufassen. Wir sind gross, du und ich, wir schauen über Köpfe drüber, Schulter an Schulter. Ich spüre, wie ich wachse, neben dir, bis zur Decke und noch höher. Unantastbar sind wir zu zweit, das sehen alle, wir wecken Neid. Eigentlich möchte ich schon lange nach Hause, mit dir, aber ich befürchte, zu schüchtern zu sein, auf der Taxifahrt, dein Knie neben meinem – zu schüchtern, bei mir in der Küche, den Holztisch zwischen uns. Darum begiesse ich mich mit Bier, schütte rein, schüttle mich im düsteren Takt des Beats, du neben mir, du machst mich stark, auch wenn ich etwas betrunken schwanke.

Die Morgenstunden bringen Helligkeit, die in den Augen kneift, es regnet und ich finde meine Zigaretten nicht mehr, sie sind weg, der Schirm ist es auch. Du nimmst meine Hand – deine Hand und meine, sie passen gut, ich schaue verlegen auf meine Schuhe, die im Zickzack über Strassen stöckeln. Nichts ist mehr schwer, alles fliesst, wir fliegen nach Hause, schlafen schmollend ein und wachen lachend auf, so soll es sein. Du umarmst mich ganz fest und nein, du musst mir nichts sagen, ich brauch keine WhatsApp-Küsse, keine Versprechen: In deinen Armen weiss ich doch alles.

Du fragst mich: Was willst du jetzt tun? – Und ich sage: ein Kind. Du lächelst. Stattdessen essen wir Pasta und gerne würde ich mit dir auswandern und barfuss durch die Wälder streifen. Wir wohnen in einem Haus und du malst dort und ich schreib hier, zwischendurch wird zusammen Kaffee getrunken.

Du ziehst die Decke über unsere Köpfe und versteckst uns vor der Welt. Ich mag dich so.

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Josef Bolf

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Als ihr bang war

Posted in Allgemein on Donnerstag, 15. März 2018 by badana

Sie zögerte und schaute zurück in den dunklen Raum. Ja, es war an der Zeit zu gehen. Ein Teil in ihr wollte bleiben, endlos bleiben, warten auf ein Wunder, dass etwas geschah, doch eigentlich wusste sie, dass der Moment gekommen war, das halbleere Glas wegzustellen und sich zu verabschieden.

Aber in ihrem Kopf war das Glück bereits vollumfänglich da gewesen: ein heller Raum, Steinboden unter nackten Füssen, weisse Leinenvorhänge vor hohen Glastüren, die in einen Garten führten mit einer Pinie in der Mitte. Alles war schon da gewesen in ihrer Brust, sie hatte die Wirklichkeit gespürt. Nun war alles fort, das Bild erloschen, der Raum, der Boden, der Garten mit dem Baum verschwunden. Nur noch Leere, der Hauch an Erinnerung, ein leichter Schmerz.

Die Nacht war frisch, es hatte unlängst geregnet, hinter ihr pulsierte Musik, sie wollte nicht mehr zurück, nein, sie wollte nicht mehr dahin zurück – in dieses Gewusel schweissnasser Körper, die sich in ihrer Einsamkeit wanden und flüchtige Blicke um sich warfen. Sie wollte nach vorn, sie wollte sich in unbekannte Städte stürzen, in langwierige Diskussionen über Kunst, in starke Arme, die sie hielten und nicht wieder losliessen, wenn ihr bang war.

Hinter ihr der dunkle Raum und vor ihr die Nacht. So hielt sie inne. Das Laternenlicht glitzerte auf dem nassen Beton wie zersprungenes Glas. Sie zog die kalte Luft in ihre Lungen und liess die Zeit verstreichen, etwas Zeit verstreichen und dann, ja dann –

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Egon Schiele: Die Umarmung, 1917.

Wie oft

Posted in Allgemein on Freitag, 9. März 2018 by badana

Ein bisschen schaut er ja aus wie Dr. Fritz, denke ich, während ich Herrn Beer betrachte, der seine schlanken Beinchen übereinandergeschlagen hat. Wir trinken Kaffee und draussen nieselt es. Sein Raum ist freundlich und hell. Wahrscheinlich um die ganzen Irren zu besänftigen, die hier den lieben langen Tag herumsitzen und sich die Sorgen von der Seele reden. Er fragt mich, wie es mir geht und ich frage nach konkreten Resultaten: Wie oft muss ich herkommen, damit ich ein anderer Mensch bin? Er lächelt milde und erzählt mir, dass man sich heutzutage immer fremder wird, weil man nur macht und nicht ist. Ich sage ihm, dass sich die Leute zu wichtig nehmen und nur jammern und nicht handeln. Ab und zu nimmt einer von uns einen Schluck Kaffee, an meiner Tasse klebt Lippenstift, seine ist nicht aus Plastik.

Die Stunde vergeht wie im Flug und ich wickle mich traurig in den Schal, als ich sein warmes Zimmer verlassen muss. Es nieselt immer noch, aber ich weigere mich, einen Schirm herumzutragen. Die Menschen, die mir auf der Strasse begegnen, sind etwas grau im Gesicht und ihre Mundwinkel zeigen Richtung Asphalt. Es würde ihnen auch gut tun, mit Herrn Beer Kaffee zu trinken und sich etwas zu wärmen. Irgendwie vergesse ich bereits auf dem Heimweg, was ich alles machen will, um besser zu werden, ich muss an all die Lebensmittel denken, die ich kaufen muss, die Arbeit, die auf mich wartet, das Paket, das auf die Post soll. Der Alltag stülpt sich über mich wie eine Käseglocke und ich eile nach Hause, um Listen zu schreiben, die ich wieder verwerfe.

Vor dem Einschafen erinnere ich mich an meine Vorsätze und versuche, mich in Achtsamkeit zu üben. Die Frau fordert mich beruhigend auf, in meinen linken Daumen zu atmen und ich fühle Wut in mir hochsteigen, meine Glieder werden eiskalt. In den Daumen atmen, das geht ganz sicher nicht. Und wer redet so sanft, das geht auch gar nicht. Ich bin kurz davor, mein Schlafzimmer auseinanderzunehmen und zu toben, aber da ist es schon passiert: Ich bin eingeschlafen.

Morgen, ja – schon morgen vielleicht, bin ich ein anderer Mensch.

Caryn Drexel

Caryn Drexl