Archiv für November, 2015

Für dich

Posted in Allgemein on Montag, 30. November 2015 by badana

Was – hast du?
Seine Augen waren zwei graue Kieselsteine.

Ich habe eine Wolke in meinem Kopf, sagte sie, nunmehr etwas leiser als zuvor.
Sie senkte den Blick auf ihre Knie, die sich beschämt gegeneinander drückten, und fuhr fort.
In meinem Kopf wurde mein Gehirn von einer dunklen Wolke vertrieben. Die hat sich unter meiner Schädeldecke eingenistet – hier – sie tippte leicht mit einem Finger an ihren Kopf, berührte dabei nur ihre Haare, sachte und rasch.
Der Finger senkte sich und kehrte an seinen ursprünglichen Ort zurück, war aber auch dort überflüssig, sodass sie ihn in den Rocksaum einwickeln musste, um ihn versorgt zu wissen.

Ich verstehe nicht – murmelte er – den Blick immer noch umbarmherzig auf sie gerichtet und trank schnell einen Schluck des kalt gewordenen Kaffees, der in dieser weissen Tasse wässrig und unappetitlich aussah.

Du musst auch nichts verstehen – sagte sie, gerade dann, als sie beide wohl vermuten mussten, dass sie nichts mehr sagen würde.

Du musst nicht verstehen, was in meinem Kopf vorgeht, da ich es auch nicht verstehe, meinte sie schliesslich.
Die Wolke wird irgendwann wieder weggehen und bis dahin bleiben wir hier sitzen – ich, in diesem Rock, der mich frieren lässt und mit Armen und Beinen, die nirgends hingehören – und du dort, mir gegenüber, mit deinen starren Vogelaugen, die umherirren und doch immer auf mich gerichtet sind. Ich verstehe, dass ich dich wütend mache, aber lass mich noch eine Weile so verweilen. Sieh doch nur, ich habe meine Lippen geschminkt und mein Gesicht zurechtgerückt, für dich. Mehr kannst du nicht verlangen, mehr kann ich dir in diesem Moment nicht geben – als diese Wolke, dieses Rot meines Mundes, diese beschämten Knie, die sich bald ein wenig öffnen werden, ja, für dich.

 

Laura Makabresku, 2015.

Laura Makabresku, 2015.

 

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Gedankenfetzen, hier und da

Posted in Allgemein on Mittwoch, 4. November 2015 by badana

„Sternberg weiss, was wenige wissen: dass die Kunst mit der Schönheit, nicht mit der Natürlichkeit anfängt.“ (Arnheim (1977) Kritiken und Aufsätze zum Film, S. 243.)

Plötzlich – die Tage verkürzt, fast verstümmelt: Dazwischen kleine Zeitfenster für Textarbeit. So rasch muss Wissen gefressen werden, dass es sich hinter dem müde blinzelnden Auge staut. In mir häufen sich Worte, Erkenntnisse – all zwei Minuten ein leises Aha, das einem leichten Schauer folgt. Der Mensch ist ein kleines Gefäss, so klitzeklein. (Ja, und so gemein.. Genau jetzt, in diesem Moment der ratternden Einsichtsverkettung kein Platz für eigene Kunst, kein Platz für Ideen. Also: Pssst.)

Aber es wird nicht gejammert. Das wolltest du doch. Hast du dich nicht immer beschwert, dass deine Tage vergehen und du immer dümmer wirst? Dass dich das Getrinke und Gerede langweilt, die Lichter der Stadt nicht mehr lecker flackern, sondern verzweifelt um deine Aufmerksamkeit buhlen, während dein Kopf dem nächsten Gedanken bereits vorauseilen, sich in Theorien betten möchte? Wann hat denn dein Leben das letzte Mal so Sinn gemacht?

Ja, eben. Also, dann denk jetzt darüber nach: Wenn doch nicht die Authentizität oberstes Ziel der Kunst ist, sondern die Schönheit – wie kannst du dich dann von den vergangenen Fesseln befreien, die in dir so lautstark postulieren, dass beispielswiese ein Filmdialog wie ein echtes Gespräch wirken sollte? Wenn doch die Flächigkeit des Films gerade das Element ist, welches dieses Medium auszeichnet, wie kann sie dann in ihrem Vorteil bezüglich der Dreidimensionalität ausgeschöpft werden? Wie kann ich den Zuschauer austricksen in seiner Erwartungshaltung, welche geweckt wird durch die Perspektive der Kamera? Wie kann der ganze Körper im Spiel eingesetzt werden, um eine Emotion auszudrücken, ohne dass es in der heutigen Zeit zu grotesk wirkt?

Gedankenfetzen, hier und da. Ich hoffe, dass die Tage bald länger werden.

Aus: Der letzte Mann, Friedrich Wilhelm Murnau, DE 1924.

Aus: Der letzte Mann, Friedrich Wilhelm Murnau, DE 1924.