Archiv für September, 2011

Mein Leben ist Le Bémont

Posted in Allgemein on Sonntag, 25. September 2011 by badana

Ich war gestern mit Romy im Jura. So ganz spontan haben wir uns dicke Pullis und Klatschhefte eingepackt (und Stefan Zweifels überaus lesenswerten aber gehirnwindungsverdrehenden Artikel im DU über Bolaño – denn wahrscheinlich wird jeder, der über Bolaño schreibt auch selbst etwas Bolaño), sind in den Zug gestiegen, dann umgestiegen, dann nochmals umgestiegen und schliesslich in einem der hässlichsten Orte, die ich je gesehen habe, angekommen. Da war eine Beiz mit bunten Plastik-Nestea-Stühlen, das ekligste Limo-Ingwer-weisswasich-Bier ever, etwas Natur zerfetzt von fetten Strassen, Geranien vor dem rostigen Jesus am Kreuz, der aussah, als würde er bluten.. Wir setzten vorsichtig einen Fuss vor den anderen, aus der Angst heraus, plötzlich aus der Realität herauszukippen – es war ja offensichtlich: Le Bémont ist ein Wurmloch, das uns nach einer turbulenten Reise irgendwohin ausgespien hätte, vielleicht wären da die Plastikstühle grün statt blau, Esel würden Wagen ziehen und Schmetterlinge würden in der Nacht im Zimmer herumfliegen, einfach geräuschlos, stichlos.

Brooke Shaden: The Buoyancy of Drowning.

Brooke Shaden: The Buoyancy of Drowning.

Schliesslich ist die Nacht überstanden, die uns Spontaneität bezeugen sollte, wir brechen überhastet auf, stolpernd fast, verpassen zwei Züge, weil uns Le Bémont nicht freigeben will. Dann endlich wieder im deutschsprachigen Teil der Schweiz, in Laufen wirds uns leichter ums Herz und wir lästern über suppenkochende Weiber und stellen fest, dass wir im Grunde doch die härtesten Kerle sind, die wir kennen.

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Das Tal des Grauens

Posted in Allgemein on Dienstag, 13. September 2011 by badana

Hier werde ich meinen ersten Horrorfilm drehen, in diesem Berghotel. Es wird neblig sein, wenn „das grauenhafte Greiss“ auftaucht und alle ahnungslosen Rucksacktouristen dahinrafft. Es wird ein harter Kampf sein und es wird viel Blut fliessen in den dunklen Wäldern an den steilen Hängen des Tales.

„Der wilde Wald, der harte und gedrängte,
Der in Gedanken noch die Angst erneuert.
Wie ich hineinkam, kann ich kaum berichten..“
(Aus: „Dantes Inferno“)

Kaltes Wasser aus sauberen Gläsern

Posted in Allgemein on Dienstag, 6. September 2011 by badana

Es gibt wilde Erlebnisse – solche, die sich währenddessen schön und richtig anfühlen, jedoch jäh verblassen, im Rückblick rasch abrücken und fremd werden.

Da steht man zuerst um Mitternacht im Regen und tanzt barfuss im Schlamm. Im nächsten Moment findet man sich wieder in einem überfüllten Club und küsst zwei Brüder – einen nach dem anderen – und dann wieder ein neues Bild: Eine Wohnung, Rotwein am Nachmittag, zwischendurch bisschen „Glory Hazel“, Coco Rosie, weiches Sonntagslicht, das durch die Fenster dringt – eine Stimmung, als würde man sich schon sein Leben lang auf Reisen befinden.

Irgendwann ist die Erschöpfung so gross, dass man auf einem Sofa einfach einschläft, da sich unbemerkt Verstellung eingeschlichen hat, alle Masken tragen, alles unaussprechbar wird. Und am nächsten Morgen ergreift man im Morgengrauen die Flucht, da alles roh und hässlich erscheint. Ja, wenn das Leben plötzlich blossliegt wie ein aufgeschnittener Fisch, da wird es Zeit, sich zu verabschieden. Dann die Strassen, die zwinkernden Bauarbeiter, es beginnt in Strömen zu regnen und man lacht halblaut vor sich hin: Life is a bitch and then you die.

Der Einstieg in die Woche wirkt surreal, der Kopf gerät ganz heftig durcheinander und das Herz fühlt sich an, als würde es fortwährend jiddische Lieder spielen. Ich sitze in der S-Bahn und frage mich, welches Gesicht mir da im Fenster entgegenblickt. Mich dünkt, als wäre mir meine Identität plötzlich abhanden gekommen. Mir fällt der Comic ein, in dem ich immer wieder vor dem Schlafengehen schmökere: „Pride and Prejudice and Zombies“.

Es braucht manchmal so wenig, damit ein Mensch aus den Fugen gerät, verlorengeht in den Übergängen zwischen zwei Tagen. Danach braucht es Karottensaft und viel Ruhe und kaltes Wasser aus sauberen Gläsern und Nektarinen und „White Chalk“ von PJ Harvey, bis das Gleichgewicht wiederhergestellt ist.

Heute wasche ich den Schlamm von den Hosen und schreibe an einem Artikel über „Die Auswirkungen von dünnen Zahnkränzen“. Heute gehe ich früh schlafen und morgen auch. Übermorgen werd ich mich dann so langsam wieder an meinen eigenen Namen erinnern können. Bis dahin heisst es einatmen und ausatmen, einatmen und ausatmen, du trauriges Tier.