Archiv für Oktober, 2014

Ich bin schweigsam, ungesellig, verdrossen, eigen…

Posted in Allgemein on Sonntag, 26. Oktober 2014 by badana

Worüber möchtest du reden?

Ich weiss es nicht, nicht über Nächte, in denen die Gespräche fliessen wie mundiger Wein, auch nicht über die Abende, an denen es so Spass macht Zigaretten zu rauchen, wie es jeweils in schwarzweissen französischen Stummfilmen den Anschein erweckt.

Worüber dann?

Über Künstler – so wie sie beispielsweise in „1913“ von Florian Illies beschrieben sind.

Mhmm, ist das nicht der, der ein Buch mit so einem unsäglichen Titel geschrieben hat?

Jaja, du hast Recht, „Generation Golf“. Darum war ich auch wirklich wahnsinnig skeptisch, als ich mit „1913“ begann, aber es ist so unglaublich lustig. Ich liebe Bücher, die mich so laut zum Lachen bringen, dass mich Menschen in öffentlichen Verkehrsmitteln argwöhnisch beäugen, weil sie denken, dass die Frau, die da so alleine vor sich hinlacht, sicher verrückt und gefährlich sein muss.

Und wieso musstest du so laut lachen?

Es beschreibt das Jahr 1913 und was da alles so abgegangen ist, vor Ausbruch des 1. Weltkrieges, als alle noch ganz ahnungslos waren, ausser vielleicht vereinzelte Künstler, welche schon damals den Weltuntergang witterten, aber das tun vereinzelte Künstler immer – auch jetzt. Jedenfalls lernt man so viel und der Lernprozess ist keineswegs mühsam oder schmerzvoll (wie sonst), sondern man saugt alles gierig in sich auf und möchte eigentlich nur noch so Bücher lesen, in denen man Benn-Zitate und Lasker-Schüler-Zitate liest, die während ihrer Liebschaft entstanden sind und Bezug nehmen aufeinander und gleichzeitig erfährt, was Schiele malt und was Klimt unter seinem Künstlerkittel trägt (nämlich nichts!), welche Drogen Trakl nimmt und wie sie alle fast verhungern und an irgendwelchen Krankheiten leiden und wie jämmerlich Kafka versagt, als er bei Felice Bauer’s Vater um deren Hand anhält mit den Worten: „Ich bin schweigsam, ungesellig, verdrossen, eigennützig, hypochondrisch und tatsächlich kränklich. (…) Neben einem solchen Menschen soll ihre Tochter leben können, deren Natur, als die eines gesunden Mädchens, sie zu einem wirklichen Eheglück vorherbestimmt hat?“

Eigentlich klingt das doch ziemlich tragisch, nicht?

Jaja, aber der Autor geht so liebevoll mit den Figuren, nein, also mit diesen Künstlern um – auch wenn er Rilke die ganze Zeit fertig macht, aber auch das macht er mit einer Zärtlichkeit, die so wahnsinnig einnehmend ist.

Wie macht er denn Rilke fertig?

Naja, eben all die Künstler, all die kreativen Köpfe, die beschrieben werden – die erschaffen so Grosses und währenddessen liest man, dass Rilke Schnupfen hat oder beim Zahnarzt ist oder gerne ein Igel wäre. Ja, jedenfalls geht es nicht nur um diese einzelnen faszinierenden Künstlertypen, sondern mir geht es auch um diese Interaktion zwischen ihnen, den künstlerischen Austausch, die Konkurrenz, die Inspiration, die sie sich auf die eine und andere Art beschert haben und so auch aneinander wachsen konnten, sich kreativ entwickeln konnten. Und ja, ich kann mich nur noch schwach an das letzte Mal erinnern, als ich so ein Gespräch hatte, so eins, wo man vergisst, dass man den ganzen Tag vor einem grossen Teller Erbsensuppe verbracht hat und dann nach Hause geht und erstmal sein Werk zerreisst, um dann die Schnipsel sorgsam wieder aufzuheben und sie neu zusammenzusetzen, sodass etwas Besseres daraus entsteht.

Mhmm, klingt ganz gut. Du, ich muss jetzt heim, sollte früh raus morgen. Ich glaub, ich kauf mir das Buch, dann kann ich das nächste Mal auch was dazu sagen.

Ja, tu das – und kauf es in meiner Lieblingsbuchhandlung!

Das ist Rilke.

Das ist Rilke.

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Lach, bitte.

Posted in Allgemein on Dienstag, 21. Oktober 2014 by badana

Nicht über mich, nein, und sei auch nicht wütend, wenn ich deinen Ansprüchen gerade nicht gerecht werde.
Mir reicht es, wenn wir einfach nur über Dinge lachen, Dinge, die vorgefallen sind und früher vielleicht einmal traurig waren und jetzt nicht mehr. Es beruhigt mich, dass traurige Dinge irgendwann lustig werden, als hätte Traurigkeit ein Verfallsdatum.
Ja, das stimmt, das muss doch stimmen, denn sonst würde ich an diesen und jenen Menschen zurückdenken mit einem grauen Gefühl im Herzen, aber so ist es nicht. Eigentlich ist das Leben ja versöhnlich.
Mir wurde immer wieder gesagt, dass sich der Mensch zu ernst nimmt und erst jetzt begreife ich, was das wirklich heisst und wie wahr es ist. Eigenartig, dass man Worte hört und sie fallen durch einen hindurch und es gibt einen dumpfen Knall, wenn sie zuunterst ankommen. Eigenartig, dass man gewisse Worte aufsaugt (Spiel/Einhorn/Du) und andere (Konsens/Katze/ich) wiederum nicht. Es gibt so viel ganze Sätze, die ich nicht verstehe und die ich immer wieder höre. Und ich verstehe nicht, weshalb ich sie nicht verstehe oder was es daran zu verstehen gäbe:

Du darfst nicht in Bildern leben.
Schau mal – diese Aussicht!
Bestellst du Grüsse von mir?

Es braucht nicht viel und schon denke ich, dass alle um mich herum verrückt geworden sind und ich die einzige bin, die nach einer gehirninfizierenden Naturkatastrophe noch klar denken kann. Es ist dann ganz schlimm, da ich dann auch weiss, dass ich zu anderen gehen kann und sagen kann:

So schau doch, das macht doch keinen Sinn, dass man immer wieder jemandem Grüsse bestellt, wo kämen wir denn da hin, wenn das jeder machen würde. Da treffe ich seit langer Zeit wieder einmal einen alten Freund und dann muss ich ihm eine halbe Stunde Grüsse aufzählen, an die ich mich kaum noch erinnere – und wen der Freund noch zu treffen hat und und wer beleidigt ist, dass er nicht auch beim Treffen dabei ist und von wem der Freund noch DVDs ausgeliehen hat. Das ist doch Wahnsinn.

Und ich schau dann beifallsheischend zum Gegenüber, gerade aus meinem eifrigen Monolog auftauchend und sehe seinen Blick und erkenne:

Der denkt, ich sei verrückt, dass ich mich über so normale Dinge aufrege. So aufregen tut sich nur ein Verrückter, wenn es doch um gar nichts geht und ich denk lauter:

Wenn ihr mich die ganze Zeit immer zwingt, mich mit so Nebensächlichkeiten zu beschäftigen, dann komm ich doch nie dazu, zum echten Leben hervorzudringen. Ich mein, ich muss ja schon den lieben langen Tag ackern und dann, dann komm ich heim und muss Briefe öffnen und die sind nicht mal persönlich verfasst und die, die sie mir geschickt haben, kennen mich in den meisten Fällen gar nicht. Also öffne ich Briefe und brate Biofleisch und zahle Rechnungen und beantworte organisatorische SMS mit Emoticons – was zwar prinzipiell ganz und gar gegen meine Prinzipien ist, aber nach einem anstrengenden Tag und einer Freizeitdosis Bürokratie und Hausarbeit bin ich so etwas von hundsmüde und scheissunausgefüllt, dass es mir furzegal ist, ob ich nur noch in Emoticons kommuniziere. Denn dann spar ich wenigstens einige Minuten, immer wieder einige Minuten, die ich dann alle irgendwann aneinanderhängen kann – um, ja, um zum echten Leben hervorzudringen. Was denn sonst.

Ein Satz, den man einfach immer versteht: Look at these boobs.

Ein Satz, den man einfach immer versteht: Look at these boobs.

So wie du

Posted in Allgemein on Freitag, 10. Oktober 2014 by badana

Was schaust du so ernst, Vater?
Weshalb verdecken dunkle Wolken deinen Blick – quälen dich etwa Erinnerungen an ein vertanes Leben, an verpasste Strassenbahnen?
Wenn ich dich betrachte, erkenne ich, wie schnell ein Menschenleben schwindet.
Ich sehe, wie überrascht du bist, dass dein Körper plötzlich knarrt und ächzt, dass seine Scharniere stocken und der Schlaf dich nicht mehr sanft umschmeichelt.
Ich sehe deine Verlorenheit im Alter.
Wenn ich an deine Vergänglichkeit denke, dann empfinde ich nicht nur Trauer, sondern mich erfasst ein schlechtes Gewissen. Und etwas, tief in mir, drängt danach, die Rolle mit dir zu tauschen, dich auch wieder einmal Kind sein zu lassen.
Würdest du die gleichen Fehler wieder machen?

Ja, dein Blick, der zeigt mir, dass man sich die Fehler nie verzeiht, dass man zwar mit ihnen leben lernt, aber dass sie Risse hinterlassen, die nie gekittet werden können. Und dein Blick, ja dieser Blick ist schuld, dass ich hier an diesem Scheideweg stehe und keinen Wank machen kann. Denn ich weiss, ich weiss genau, dass nun jeder Schritt in eine Richtung ein ganzes Leben nach sich ziehen wird. Und ich habe Angst, ein falsches Leben zu wählen. Verstehst du, Vater? So wie du.

Also stehe ich da, lausche dem Wind und zähle die verblühenden Blumen am Strassenrand.
Ich warte, dass die Liebe mich im Sturm erobert, auf dass ich meinen Kopf verliere und nie mehr nachdenken muss. Ich warte auf ein Wunder, ein ganz kleines, dass mich aufatmen lässt – wenn auch nur für einen kurzen Augenblick.

Konstantin Dmitrijewitsch Flawizki: Fürstin Tarakanowa.

Konstantin Dmitrijewitsch Flawizki: Fürstin Tarakanowa.