Archiv für September, 2015

.. die schon lange keine Zuschauer mehr hat

Posted in Allgemein on Mittwoch, 23. September 2015 by badana

Wenn die Tage vorüberziehen wie verzerrte Landschaften vor dem Zugfenster, dann bleibt nur noch dieses Innehalten, dieser eine Moment, in dem man die Stirn an das kühle Glas drückt, die Augen schliesst und innig hofft, dass das alles bald vorüber ist und nie wiederkehrt. Weder dieses Gefühl der Ohnmacht soll wiederkehren noch diese Müdigkeit, die ganz tief im Innern Wurzeln geschlagen hat, sich nicht ausrotten lässt, einerlei, wie viel Schlaf da kommen mag. Wenn dann diese Mattheit Teil geworden ist vom eigenen Kopf, nicht wegdenkbar und die alte Version von sich selbst so abgerückt ist wie eine alte zerknitterte Fotografie der eigenen Mutter, die damals jung war, so jung war, jünger als man selbst in diesem Moment (wie absurd und unheimlich, dass es einen Moment gibt, in dem die eigene Mutter jünger ist). Als die Fotografie von der Mutter gemacht wurde, da lag wohl „ihr ganzes Leben noch vor ihr“, wie man so schön sagt – ihr ganzes Leben – was ist nur aus diesem ganzen Leben geworden und ist es so geworden, wie sie sich es ihr erhofft hat? Wäre vielleicht auch sie gerade froh darüber, wenn das alles endlich vorbei wäre, wenn sie das alles endlich hinter sich lassen könnte, die Stirn ans Fenster gelehnt, von einer plötzlichen Traurigkeit übermannt, die lebensmüde werden lässt. Ja, jedenfalls, wenn diese Mattheit Teil geworden ist vom eigenen Kopf und dem eigenen Fleisch und selbst die Haut ein schläfriger Schatten scheint, dann sollte man sich überlegen, ob man nicht in einem völlig falschen Leben gelandet ist – in einem Leben, das zu unpassend und zu traurig ist, um das richtige zu sein. Doch im Grunde genommen hat man das Recht auf eine andere Wahl noch nicht verspielt. Da liegt noch immer was drin, da lässt sich noch was retten, was machen. Also, steh nun auf, du trauriger alter Sack, steh von deinem Fensterplatz auf und trenn dich von diesem kühlen Stück Scheibe, an dem du fast schon festgewachsen bist. Steh auf und mach deinen Abgang von dieser Bühne, die schon lange keine Zuschauer mehr hat, da es so grottenschlecht ist, das Stück, das du gerade aufführst, schon eine Weile, einfach anstrengend und todlangweilig. Steh also auf und verlass den Zug an der nächsten Station, steig auf einen anderen Zug oder geh ein bisschen den Gleisen entlang spazieren, bis du einen kleinen Flecken Erde entdeckst, an dem du aufatmen kannst und nicht mehr denkst, du seist nur noch eine wandelnde Hülle inmitten von wandelnden Hüllen in einer modrigen dusteren Gefängniszelle, die sich da scheinbar Leben nennt.

Marco Mazzoni, 2011.

Marco Mazzoni, 2011.

Advertisements