Archiv für November, 2013

She’s a Sad Tomato.

Posted in Allgemein on Samstag, 23. November 2013 by badana

Wenn ich etwas an mir verändern könnte, dann wäre es meine Wut. Mein Hang zur Wut hat mich schon in manch missliche Lage gebracht – und doch, möchte ich sie nicht.. fast hätte ich missen geschrieben, aber wie falsch wär das gewesen. Meine Wut kennt keine Lyrik, keine Alliteration, sie ist Tier und roh und ich lass sie eigentlich nur aus dem Käfig bei Menschen, denen ich abgrundtief vertraue. Natürlich würden diese vielleicht gerne auf diese zweifelhafte Ehre verzichten und sich zum restlichen menschlichen Geröll zählen wollen, mit dem ich hin und wieder Umgang pflege, doch dem soll so nicht sein. Sie haben mich mit Haut und allem und ich weiss, dass ich trotz all meiner Unzulänglichkeiten etwas in mir trage, das ihnen zuträgt.

Meine Wut ist gross und unbändig und unberechenbar. Sie sprengt sich einen Weg durch mich und alle, die um mich herum sind. Meine Wut ist aber auch verlässlich und hält mich davon ab, in Unwürde zu altern, sprich mich zu verraten.

Doch die Tage meiner Wut und Melancholie sind gezählt. Nicht darum, da ich bald verschwinden werde, sondern darum, dass die Traurigkeit, der Tiefsinn und die Schwere momentan nicht angesehen sind. Alles muss schnell gehen, schmerzlos sein und den Eindruck vermitteln, als wär das Leben ein verdammter Ponyhof. Ich weigere mich jedoch, kulturpessimistisch zu werden. Markus Werner hat mich gelehrt, dass Humor alles versöhnt, selbst das Leben, das es immer eilig hat und dabei schnoddrig wird und lieblos.

Nunja, ich werde vielleicht töpfern oder dem Ausdruckstanz frönen oder ich werde missmutiger und griesgrämiger werden. Wahrscheinlich auch etwas dümmer – man wird im Verlauf seiner Jahre faul und gleichgültig, man schaut mehr fern als zu sich. Ja, man muss Rechnungen zahlen, einkaufen, die Wände der leeren Wohnung anstarren, aber dann hört man dieses Lied, ein Lied aus der Vergangenheit, ein Lied, wofür man sich nicht schämen möchte und es doch tut – und da eröffnet sich wieder diese ganze Welt von Freiheit und man möchte hinauschreien, aus voller Brust und aus tiefstem Herzen:

Fickt euch, Stiernacken. Ihr kriegt mich nie. Eher verfüttere ich mich eigenhändig den Schwänen, diesen fiesen Flossentieren und verrecke einsamst in meinem kleinen trostlosen Tomatengarten, der da vielleicht kommen wird und der mir mehr Glück bescheren würde, als diese Enge, diese Ausweglosigkeit, die ihr Erwachsensein nennt.

Ich werde treu und hingebungsvoll verenden: Ich gebe nicht auf, ich werde nicht klein. Und auch dieser Tomatengarten kann mich mal kreuzweise. Ich mag weder Tomaten noch Katzen und ja, Arschloch, ich bin nicht bequem.

She's a sad tomato. She's three miles of bad road.                         (R.E.M. 1994)

She’s a sad tomato. She’s three miles of bad road.
(R.E.M. 1994)

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1 x hier 1 x da, die kratzigste Welt usw.

Posted in Allgemein on Donnerstag, 21. November 2013 by badana

.. schreibt Friederike Mayröcker in „ich sitze nur GRAUSAM da“. Ihre lyrische Prosa taumelt, schreit, aber irgendwie erstickt ihr Schrei im Intellekt, in den intertextuellen Verweisen, sie wiederholt sich, ein assoziatives Lamento, das wie Efeu wuchert, an meinen Nerven zehrt. Es gibt Bücher, die mir Schmerzen bereiten, die mich aussaugen, anstrengen. Sie machen mich wütend, diese Bücher, die ich bezwingen muss, statt sie friedlich in mich aufzunehmen. Ja, ich weiss, meist sind es diese Bücher, die für immer bei mir bleiben, mir etwas mitgeben, etwas, das einer Erkenntnis nahekommt, dem Gefühl, etwas erkannt zu haben.

Seit einigen Tagen durch eine Erkältung ans Bett gefesselt, übe ich mich im Alleinsein, male mir meine Zukunft teils in den buntesten Farben aus, teils in Tiefgrau. „Du trägst den Tod bei dir, hast ihn dir umgeschlungen wie ein Tuch, das dich wärmen soll.“ – Ja, das stimmt. Ich und meine ausgestopften Tiere, ich und meine Totenkopfshirts, ich und meine Hieronymus Bosch-Hölle über meinem Schlafplatz. Im Dunkeln fühl ich mich wohl und ich fühl mich auch wohl, wenn ich in Abgründe blicke. Angst machen mir Menschen, die behaupten, keine Abgründe zu haben. Angst machen mir der Alltag, die Trägheit, die Gleichmut, die Stille und der Schlaf.

Ich werde mich nun von Tag zu Tag retten und weiteratmen. Mayröcker sagte einst, sie lebe in Bildern. Das Leben in Bildern macht müde, denke ich. Die Wirklichkeit hinkt der Vorstellung ständig hinterher und wird so immer etwas hässlicher und lästiger. Ich möchte die Wirklichkeit mögen, möchte sie mir zum Freund machen. Mein Plan, um das zu erreichen: 1. zum Briefkasten gehen, mit einer unbändigen Neugier 2. Flaschen und Alu entsorgen mit lüpfigem Schritt durch die eiserne Kälte 3. Rollläden öffnen und den freundlichen Tag reinlassen 4. mich ins Bett legen und von meiner Beerdigung fantasieren 5. heulen ob der Vorstellung, wie die anderen heulen, dass ich nicht mehr da bin 6. heulen ob der Vorstellung, dass sich einige meiner wenigen bösen Freunde sogar noch dann das Maul hinter meinem Rücken über mich zerreissen 7. sauer werden 8. Flaschensammlung wieder bereichern 9. neuen Plan aushecken.

Where Are We Now?

Posted in Allgemein on Mittwoch, 6. November 2013 by badana

Punkt November ging’s los: Melancholie, fick dich ins Knie – sang Gisbert und mit ihm sang so Vieles in mir. So viel fast Vergessenes. Bisweilen betrachte ich die Ahnengalerie der verschollenen Freund- und Liebschaften, die verstaubten Gemälde, die verblassenden Gesichter. Bin ich mir näher oder ferner als früher: Ich weiss es nicht. Ich groll mir auch nicht, dass ich weicher geworden bin, nachlässiger. Nicht wirklich.

Gestern stieg ich spätabends aus der Bahn, ich fror, war glücklich. Ein Abend voller Synthie-Schnulzen, Rauch, Bier, Gespräche, in denen man für immer verweilen will. Dieses wohlige Gefühl hallte in mir nach, tanzte und schlug Purzelbäume, während ich durch die Bahnhofsunterführung schritt, und schliesslich auf die unbeleuchtete Strasse trat. Aus der Verzauberung auftauchend bemerkte ich zwei Männer, einer vor und einer hinter mir, zwei dunkle, schweigsame Gestalten, nein, eher Schatten, gesichtslos – und plötzlich packte mich die Angst. Eiskalte Angst im Genick, im Bauch, an den Händen. Am liebsten hätte ich mich sofort hingelegt auf den regennassen Asphalt, mich totgestellt wie bei Bären. Stattdessen zückte ich das Händi, gab vor, dich anzurufen – ja dich. Eigentlich wollte ich nur kurz den Augenblick überbrücken, aber ich konnte nicht aufhören mit dir zu reden. Wir reden ja sonst nicht viel. In diesem Gespräch war ich die, die keine Zeit hatte, die müde war, ich war die, die lieber nach Hause gehen wollte, als zu dir unter die warme Bettdecke zu kriechen. Ich hab dich auf Samstag vertröstet, war schwer fassbar, geheimnisvoll und schweigsam. Du warst alles andere. Mit versöhnlicher Stimme habe ich dir vor dem Abschied Fragen gestellt, wie deine Woche war, ob es dir gut geht und während ich ins tote Telefon lauschte, nachhakte, Sätze abbrach und lachte, fühlte ich mich dir so nah wie schon lange nicht mehr.

Bin ich dir näher oder ferner als früher: Ich weiss es nicht und kann’s auch nicht wissen. Du trägst gerade eine Version meiner Zukunft in deinen Händen. Sei bitte vorsichtig und lass sie nicht fallen.

„.. the moment you know, you know, you know..“

Melancholie, fick dich ins Knie.

Melancholie, fick dich ins Knie.

Look on My Works, Ye Mighty, and Despair!

Posted in Allgemein on Montag, 4. November 2013 by badana

Verfluchte Sinnkrise. Wohin mit mir? Wohin mit all der wertlosen verkopften Kunst, die stets vor Wirklichkeit und Existenzangst katzbuckeln muss? Was bewirkt ein Wort zu schlechten Zeiten und welchen Weg muss ich einschlagen, um gehört zu werden? Achtung, fertig, Kommerzkacke?

Was jetzt? Jetzt harr ich aus und warte auf bessere Zeiten. Oder ich wend mich der Literatur zu (das hatten wir zwar schon und es war nicht lustig, aber jenu) und schreibe einen tiefsinnigen und postmodernen Roman für Intellektuelle. Yes. Dann wird dieser exklusiv für 11 Stutz auf Weltbild oder Exlibris verkauft (natürlich inklusive Portokosten). Und wenn ich ganz fest Glück hab, führt ein Käseblatt ein Interview mit mir.

(Die Autorin ist schwarz gekleidet, wirkt etwas distanziert, übermüdet, in der einen Hand hält sie eine Zigarette, in der anderen eine angebrochene Weinflasche.)
K.B. Haben Sie gut geschlafen?
A. Nein.
K.B. Wie Ihre Protagonistin, die „unentwegt über kopfsteingepflasterte Strassen irrt“ (Anm.d.Red. Zit. aus „Arrest in der Postmoderne“).
A. Nein. (Sie setzt die Flasche an, nimmt einen gierigen Schluck, etwas Wein rinnt ihr Kinn runter, sie wischt ihn nicht ab, nimmt noch einen Zug ihrer Zigarette.)
K.B. Was hat Sie denn zu Ihrem Erstling, der ganze zwei Tage in der Top Ten der Weltbild-Tipps war (Anm.d.Red. bevor er von Prechts „Alt und hässlich und trotzdem einen zum Heiraten finden“ überflügelt wurde), inspiriert?
A. Weiss nicht. Mir war langweilig, hab schon alle Serien der Welt geschaut, ausser die brasilianischen, bei denen alle Figuren von ein und derselben Männerstimme synchronisiert werden, das hat mich immer zu sehr irritiert, vor allem in Liebesszenen.
K.B. Kokettieren Sie jetzt nicht etwas zu sehr mit diesem ganzen Massenkonsum? Wenn man Ihrem 2876-seitigen Roman Glauben schenken will, dann geht es doch darin hauptsächlich um den inneren Drang, sich als reflektierendes Wesen dem Kommerz zu entziehen, um sich seiner sozialen Aufgabe zu stellen – der Ergründung des eigenen Gehirns. Und auch in Ihrem 3-stündigen schwarzweissen Sockenpuppen-Stummfilm geht es gerade um die anstrebenswerte Vergeistigung des postmodernen Menschen.
A. Sockenpuppen, Sockenpuppen!
K.B. Möchten Sie unseren Lesern noch etwas mit auf den Weg geben?
A. „Look on my works, ye Mighty, and despair!“ (Anm.d.Red. Zit. aus dem Gedicht „Ozymandias“)

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