Archiv für Mai, 2018

Kein Update

Posted in Allgemein on Dienstag, 15. Mai 2018 by badana

Naja, da war sie also. In dieser Stadt. Der Sitz neben ihr im Flugzeug blieb leer und sie dachte zurück an die vage Erinnerung eines Traumes. Auch damals war sie alleine geflogen, er musste wieder zurück, etwas holen, was war es – ach ja, sein Herz, er kam zu spät, nun war er fort. Tjadann. Es fühlte sich nicht seltsam an, alleine anzukommen in dieser Stadt. Die Fahrt zum Yoga Retreat war kurz und holprig, der Fahrer wortkarg. In der ersten Nacht schlief sie unruhig und träumte davon, dass sie jemanden tragen musste, befreit wachte sie auf. Noch einmal wollte sie schlafen, noch einmal träumen, besser träumen, aber das leise Klopfen an der Holztüre hinderte sie daran.

Um 6 Uhr in der Früh trafen sie sich draussen und sie hätte gerne die Socken angelassen. Die meisten waren in Leinen gekleidet, auf ihrem Shirt stand „We suck young blood“. Gerne hätte sie erklärt, dass sie Radiohead mochte. Doch es herrschte angestrengte Stille, die sie sich nicht zu stören traute. Um 10 gab es die erste Banane, ihre Knie zitterten und ihre Handgelenke schmerzten. Die ersten geflüsterten Worte wurden ausgetauscht. Sie hatte zum ersten Mal im Leben Lust auf ein Nickerchen und Gummibärchen.

Abends wurde Tee getrunken nach einer veganen Mahlzeit, die ungekocht serviert geworden zu sein schien. Der Tee war ungesüsst und schmeckte nach heissem Wasser, irgendwie ging es ihr immer schlechter und die anderen meinten, das sei ihre Abhängigkeit von raffiniertem Zucker. In ihrem Magen klaffte ein Loch und sie begann sich nach wildem Sex, Schnaps und lauter Rockmusik zu sehnen. Weit und breit keine Zerstreuung, der einzige Ort der Zuflucht befand sich scheinbar zwischen ihren Nasenlöchern und der Oberlippe.

Natürlich war es wie immer – wie das Leben so spielt: Die ersten Tage glichen einer Verdammnis, am vierten Tag erwachte sie frisch und munter und am fünften war es an der Zeit, wieder nach Hause zurückzukehren. Eigentlich war es doch stets die gleiche Leier – der Anfang war schwer, die Mitte lästig und das Ende schmerzlich. Nundenn, dachte sie, als sie im Flugzeug sass, ihre Jacke und ihr Nackenkissen auf dem leeren Sitz neben sich drapiert: Wenigstens trug sie ihr Herz stets mit sich im Handgepäck – und das nächste Abenteuer wartete bereits.

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Henri Rousseau: Der Traum, 1910.

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Etwas menschlich

Posted in Allgemein on Dienstag, 8. Mai 2018 by badana

Mann, jetzt macht mal, ich will wieder rein – rief sie ungeduldig zu den Beinen ihrer Freundinnen, die unter dem dunkelroten Vorhang des Fotoautomaten hervorlugten. Die Freundinnen hörten sie nicht, sie gackerten, ein Glas fiel zu Boden – eine von ihnen – es musste Anna sein, sagte erschrocken – oh nein – Trina schrie „Schofseckel“ und lachte wiehernd.

Ihr war kalt, doch alleine wollte sie nicht in den Club zurück. Da drin war’s muffig und die Druffis erinnerten sie an zuckende Zombies – so – so wollte sie niemals werden. Sie tauchte eine ihrer Turnschuhspitzen in die Pfütze vor ihr, darin spiegelte sich das Rot einer Lichterkette, die an der Dachrinne über ihrem Kopf befestigt war. Eine Glühbirne flackerte – rasch wendete sie ihren Blick ab.

Anna tauchte endlich aus der Fotobox auf, sie lächelte. Anna war niemals wirklich betrunken. Ob das wohl daran lag, dass Anna an Gott glaubte? Vielleicht. Anna ass ausserdem viel Gemüse, kein Fleisch, nein; sie mochte Tiere und streichelte jeden Hund auf der Strasse. Anna nervte sie manchmal, mit ihren bunten Gummistiefeln und ihrer Ausgeglichenheit. Nun stand ihr Anna gegenüber und fragte: Willst du auch mal – mit einem Wink zum Fotokasten, der nun verlassen dastand. Anna und ihre Fürsorge. Anna und ihr Mitleid. Sie schüttelte den Kopf.

Trina schwankte derweil vor der Fotoausgabe und bückte sich, wobei man ihren violetten Tanga hervorblitzen sah. Sie beobachtete Trina und wie diese erwartungsvoll den Bildern entgegenstarrte. Trina war unflätig, liederlich und manchmal rochen ihre Kleider nach Mottenkugeln und Zwiebeln. Trotzdem war ihr Trina lieber, denn Trina konnte poltern, saufen und fluchen wie ein Seemann. Das machte Trina etwas menschlich, menschlicher als Anna, so meinte sie.

Und ja: Weder die nette Anna noch die lasterhafte Trina konnten die Leere füllen, die sie so oft in sich trug. Immer war da etwas in ihr, das fehlte, das ausgefüllt werden wollte, ein Abgrund, eine Grube, ein Riss in der Mauer. Und ja: Auch dieses Mal würde sie hölzern vor Einsamkeit in ihr Bett sinken, auch dieses Mal ihren müden Kopf auf das Kissen betten, das einmal einen Mann beherbergt hatte, der nicht mehr da war. Von nun an wollte sie niemanden mehr hereinlassen, keinen Fremden, keinen, der nur über sich sprach und all die Dinge übersah, die sie heimsuchten: die flackernde Glühbirne, die Glasscherben auf dem Boden, die lauten Stimmen in der Ferne – in einer lauen regnerischen klaren Nacht.

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Gerhard Richter: Betty, 1988.