Archiv für Juli, 2018

Ich wollte bleiben

Posted in Allgemein on Dienstag, 31. Juli 2018 by badana

Es war schon spät. Die Nacht brach über die Stadt herein wie eine Krankheit.

Schau doch, sagte er und zeigte in die Ferne: Da sind wir, dort drüben, wo die Lichter blinzeln. Dort drüben leben unsere besseren Versionen – die, die ohne Makel sind, wagemutig und klar. Da sind wir gesund, zanken uns nie, nein, das liegt alles längst hinter uns, da wir wissen, dass es nichts bringt, dass das alles vergebene Mühe wäre. Wir ruhen in uns, bisweilen ineinander, ohne Angst und Scheu. Dort sind wir grossherzig und leidenschaftlich, fürchten keine Verluste, da wir im Grunde nichts verlieren können.

Und hier? – fragte ich ihn und zeigte auf die hiesige Seite des Sees.

Ja, hier – sagte er zögernd und seufzte.

– hier sind wir schwach, wir streiten, da wir nicht wissen, wohin mit uns und unseren kleinen Leben. Wir bewegen uns ängstlich durch die Welt, als wäre sie unser Feind, statt sie zu umarmen. Wir blasen uns auf, weil wir die Leere nicht ertragen und schirmen uns ab aus Furcht vor Blessuren. Wir sind immer auf der Hut und verpassen drum alles und bleiben allein, ein jeder in sich verwildert, gefangen, verirrt.

Schulterzuckend wandte er sich ab und liess mich dort zurück, mit meinem fehlerhaften, kleinherzigen Ich, das seinen Worten trotzen wollte. Ich begann Steine zu schiefern, doch die Dunkelheit verschluckte die Bilder und die Klänge wurden übertüncht vom dumpfen Bass einer Schiffsparty, die ganz in der Nähe stattfinden musste. Ich dachte nach über den See und das dortige Ufer, verwarf den Gedanken einer nächtlichen Überquerung, verschob sie auf den nächsten Tag oder den übernächsten und machte mich pfeifend, mit den Händen in den Hosentaschen, einen Schritt vor den andern ausholend, auf meinen steilen, langwierigen Weg zu dir.

Nerine Tassie: Dark Wave I.

Nerine Tassie: Dark Wave I.

„Aber ich wollte bleiben, mich häppchenweise verlieren und nie wieder aufsammeln.“ (Olga Grjasnowa: Der Russe ist einer, der Birken liebt. 5. Auflage 2015)

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Suche dich

Posted in Allgemein on Sonntag, 8. Juli 2018 by badana

Die Sehnsucht treibt mich tief hinein in die Nacht. Ich irre auf Strassen herum, suche dich in verlassenen Hinterhöfen, frage herumstreunende Hunde nach deiner Spur und rauche mir die Lunge teerig. Auch wenn es nur ein Schatten deiner selbst ist und wir in Wirklichkeit nicht zusammengehören – ich verzehre mich nach dir. In meinem Kopf vermengen sich Wahn und Vorstellung, du trägst Myriaden von Gesichtern. Ich weiss nicht mehr, wer du bist.

Menschenmengen überall, ich dränge mich an aufgerissenen Fassaden vorbei. Es wird gebaut, die Stadt verändert sich. Kräne ragen in den Himmel, Unkraut aus Metall. Wo bist du, wenn es dunkelt? Bist du allein und heulst wie ich den Mond an? Umarmst du jemanden, lässt ihn herein, in deine halbleere Wohnung, dein halbleeres Herz? Hast du jemanden gefunden, der dir stundenlang zuhört, dich in den Schlaf wiegt, der nie zu dir kommen will?

Ich erlaube mir nur selten, an dich zu denken. Und wenn, dann schüttle ich dich schnell wieder ab. Du bist nicht mehr willkommen in meinem Kopf. Ich verbiete mir dich jeden Tag von vorn. Doch manchmal, da treibt mich die Sehnsucht tief hinein in die Nacht. Ich irre auf Strassen herum, suche dich in verlassenen Hinterhöfen, frage herumstreunende Hunde nach deiner Spur und rauche mir die Lunge teerig. Und manchmal, da frag ich mich: Wo bist du, wenn es dunkelt?

Tanja Jeremic

Tanja Jeremic

Detox

Posted in Allgemein on Donnerstag, 5. Juli 2018 by badana

Tja, so häng ich also hier rum. Vor einem kleinen Minze-Tee und einem säuerlichen Birchermüsli. Während dieser Tage lese ich unverständliche Gedichte, mach den dreibeinigen Hund und meide alle giftigen Bösewichte. Man flüstert mir ins Ohr, ich solle mich in Achtsamkeit üben, um zu mir zu finden, dann wiederum, dass Selbsttranszendenz gerade in diesen narzisstischen Zeiten unentbehrlich ist und schliesslich, dass ich nur durch Läuterung zu mir oder von mir wegfinden kann. Ich bin tiefenentspannt und tiefenverwirrt, träume viel und schlafe wenig. Die Tage dehnen und strecken sich und das Glück tritt anders auf, in kleinen Mini-Dosen – wenn das Sonnenlicht durch die Bäume bricht und ich mit dem Velo über menschenleere Seitenstrassen radle – wenn die zwei braungebrannten Schweizer mit Lederhaut sich in der Badi zwinkernd den Doppeladler zeigen – wenn ich jemanden so fest zum Lachen bringe, dass ihm der Kafi aus der Nase spritzt und die Tastatur besudelt – dann, ja, dann, bereue ich es nicht, dass ich die meisten Abende alleine zu Hause verbringe, mich einsperre und ausharre bei Philosophie und verstörenden französischen Schwarzweiss-Filmen aus den 60ern – gierig auf meine Katharsis wartend, damit ich besser werde oder irgendwas.

Ich bereue es nur, also dies alles, den Lifestyle, mein Life, wenn jemand lachend an meinem Fenster vorüberzieht, mich mitten in der Nacht dadurch weckt, ich schlaftrunken auf die Uhr blicke und denke
– fuck, früher wärst du jetzt da und da und würdest das und das
und ich schlaf wieder ein und denk dabei
– noch 5 Stunden, ich muss noch 5 Stunden schlafen, so mega lange noch schlafen und was mach ich morgen, mit all der Zeit, jetzt, wo all die Selbstzerstörungswut sich in die Karibik verpisst hat und ich und mein nettes Ich uns gegenseitig Herz-Emojis und Mandelblüten-Naturkosmetik auf den Bauch pinseln, Scheisse.

Dann werd ich kurz wütend, da ich irgendwie doch viel besser damit umgehen kann, wenn ich dauernd verkatert bin und Dummheiten anstelle und eben doch den zurückgebliebenen Pavianärschen zurückschreibe, auch wenn ich nachher wieder heulend im Bett liege und so Sachen nachlese wie „9 Signs how to know he is a sociopath“.

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Normal 0% – oder was?