Archiv für Mai, 2017

Ich werde dunkel

Posted in Allgemein on Mittwoch, 24. Mai 2017 by badana

Ja, so ist das jetzt und doch unerwartet. Du und ich und dieser Tisch und alles ist genau so, wie es sein sollte. Nur: Mein Vogelherz hat den Mut verloren in all den vorangegangenen Schlachten. Es muss rasten – dieses feige Organ.

Rasten, warten.. Warten worauf – bis dieser Tisch uns entzweit? Diese höhnischen Teller, die perfiden Gläser, die so tückisch im hereinbrechenden Licht funkeln. Ihr seid meine Feinde, Boten des trostlosen Alltags, der Streitgespräche und der Differenzen. Du da und ich hier, dazwischen eine Tischplatte, die sich so weit erstreckt. Du bleibst vage, dann bin ich es auch und diese Gegenstände gewinnen gegen uns. Ein Ozean zwischen uns und du willst vage bleiben? Ist es so, mein Freund?

Ja, ich werde dunkel, sobald du mir zu nahe kommst. Ich werde dunkel und bleiern und ja, du kannst wieder gehen. Da ist die Tür. Ich habe zu viel Tage verschwendet mit Menschen. Mit Menschen, die zu wenig wussten von sich selbst, von ihrem Gegenüber. Die an Wände laberten, Reden schwangen. Bist du so einer, mein neuer Bekannter?

Siehst du mein grosses starkes Herz und willst es im Sturm erobern? Oder wartest du darauf, dass die Tischplatte immer mehr Platz einnimmt zwischen uns, bis wir uns kaum noch erkennen können, immer kleiner werden und kleiner, bis wir irgendwann mal aus dem Blickfeld des Anderen sang- und klanglos verschwinden, ohne eine einzige Spur hinterlassen zu haben? Als hätte es uns gar nie gegeben?

Willst du das, mein grosser starker Mann?

Eva Christin Laszka: Longing.

Eva Christin Laszka: Longing.

 

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Zu grossen Teilen fremd und kalt

Posted in Allgemein on Dienstag, 16. Mai 2017 by badana

Was? Es war laut. Der Raum war so verraucht, dass die Augen brannten und jedes Ziehen an der Zigarette fühlte sich an, als würde man in einem brennenden Haus stehen und tief Luft holen. Er hatte sie zuerst nicht gesehen und unerwartet stand sie vor ihm. Immer noch in Einzelheiten vertraut, aber zu grossen Teilen fremd und kalt. Gerne hätte er ihr laut ins Gesicht gelacht, doch nun stand er vor ihr auf unsicheren Beinen und wusste nicht, wohin mit seinen Händen. Also noch eine Zigarette, noch ein Bier, um seine Finger zu beschäftigen – noch ein Versuch, Erklärungen zu finden für Dinge, die das Leben macht, ohne Erklärungen abzugeben. Die Wut lag schwer in seinem Magen, füllte ihn aus, ihm war schlecht vor Sattheit.

Er konnte bleiben, darauf warten, bis sie ging, er ihr nachsehen musste. Diesen Augenblick würde er immer wieder durchspielen: Er, mit unbeholfenen Händen, verharrend – sie, wie sich den dicken Rauch durchschnitt, den Raum verliess. Danach Dunkelheit und noch mehr Flaschen und noch mehr Nikotin, bis der Husten in seiner Brust rasseln würde wie in einer Musikstunde für Anfänger. Später läge er im Bett, vielleicht nicht in seinem, und dieser Moment würde in seinem Kopf Kreise ziehen – bis zum Zerfall. Danach Dunkelheit und Kopfschmerzen, gefolgt von weiteren verrauchten Räumen und weiteren Musikstunden in seiner Brust.

Er konnte nun bleiben. Er könnte auch woanders sein. Das Leben fühlte sich an, als hätte es sich von ihm entfernt, als hätte es ihn zurückgelassen in einem brennenden Haus, ohne Wissen um seine Ausgänge. Gerne würde er diese Mauern niederreissen, ins Freie treten. Sich langsam bewegen, ganz langsam – Richtung Zukunft durch die Nacht.

Daniel Sequeira

Daniel Sequeira

 

Inniglich

Posted in Allgemein on Sonntag, 14. Mai 2017 by badana

„Die postmoderne Haltung erscheint mir wie die eines Mannes, der eine kluge und sehr belesene Frau liebt und daher weiß, dass er ihr nicht sagen kann: ‚Ich liebe dich inniglich‘, weil er weiß, dass sie weiß (und dass sie weiß, dass er weiß), dass genau diese Worte schon, sagen wir, von Liala° geschrieben worden sind. Es gibt jedoch eine Lösung. Er kann ihr sagen: ‚Wie jetzt Liala sagen würde: Ich liebe dich inniglich.‘ In diesem Moment, nachdem er die falsche Unschuld vermieden hat, nachdem er klar zum Ausdruck gebracht hat, dass man nicht mehr unschuldig reden kann, hat er gleichwohl der Frau gesagt, was er ihr sagen wollte, nämlich dass er sie liebe, aber dass er sie in einer Zeit der verlorenen Unschuld liebe. Wenn sie das Spiel mitmacht, hat sie in gleicher Weise eine Liebeserklärung entgegengenommen. Keiner der beiden Gesprächspartner braucht sich naiv zu fühlen, beide akzeptieren die Herausforderung der Vergangenheit, des längst schon Gesagten, das man nicht einfach wegwischen kann, beide spielen bewusst und mit Vergnügen das Spiel der Ironie … Aber beiden ist es gelungen, noch einmal von Liebe zu reden.“

Eco, Umberto: Postmodernismus, Ironie und Vergnügen (Randbemerkungen zu Der Name der Rose, 1983). In: Welsch, Wolfgang (Hg.): Wege aus der Moderne. Schlüsseltexte der Postmoderne-Diskussion (1988), S. 75 – 78 (hier S. 76). Berlin 21994: Akademie Verlag.

(Liala° = Autorin von Liebes- und Familienromanen)

 

Notizen an mich

Posted in Allgemein on Sonntag, 7. Mai 2017 by badana

1. Die Arbeit frisst auf, süüferli. Immer mehr gilt etwas von mir als vermisst. Irgendwann war ich unerschrocken. Jetzt zahle ich meine Rechnungen pünktlich.

2. Ich penetriere Monitore und schlucke im Gegenzug Terror – die Angst lebt neben mir und klopft jeden Abend an die Tür. Ich mach nicht auf.

3. Da gibt es Dinge, da draussen, ich bin mir sicher. Hinter diesen Mauern ist die Welt. Aber wieso seh ich nichts, wenn ich aus dem Fenster blicke?

4. Der Kopf darf nicht verschleissen. Das Kopfkarussell hinterlässt tiefe Schneisen, dem andere Gedanken blind und dumm hinterherdackeln. Obacht. Gewisse Gedanken gehören ungedacht.

5. Ich möchte Unabhängigkeit von Objekten. Nur Tisch und Stuhl und Bett brauch ich. Der Rest geht an arme Studenten.

6. Meine Koffer sind gepackt und schauen schon ungeduldig. Und genau jetzt kommst du.

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Dilemma

Posted in Allgemein on Mittwoch, 3. Mai 2017 by badana

Die Welt des aufsteigenden Kriminellen im Gangsterfilm ist wie eine Pyramide aufgebaut – durch Ambitionen getrieben erkämpft er sich die Spitze, ohne Rücksicht. Die natürliche Folge ist, dass sein Erfolg Neid weckt, den nächsten nachrücken lässt. Er büsst seinen Durst nach Erfolg durch den Tod – und wenn er vorher scheitert, geht er sowieso unter. Das ist das ewige Dilemma des Gangsters: Er ist so oder so im Arsch. Die Gangster-Pyramide verkörpert den Kapitalismus mit seinem ihm inhärenten Konkurrenzkampf. Dabei gilt es, nicht aus der existierenden Ordnung auszubrechen, seinen ihm zugewiesenen Platz nicht zu verlassen. Der Zuschauer schaut den Gangsterfilm und fühlt sich bestärkt, scheitern zu können.  (vgl. Hess Wright, Judith: „Genre Films and the Status Quo“, 1974.)

Ich schau nie mehr Gangsterfilme.

Ich spiel nur noch mit Puppen.

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Tony Montana: „You know what capitalism is? Getting fucked!“

 

Auf auf!

Posted in Allgemein on Dienstag, 2. Mai 2017 by badana

… sagt das Herz und der Kopf ist ganz benommen von all den Dingen, die ihn füllen, immerfort. Da gibt es nichts zu sagen, nichts anzumerken, ausser Zuckersäcklisprüche: Es ist eben so. Und ja, so ist es eben. Eben noch erschöpft und schwer wie Blei und im nächsten Augenblick leicht. Nur in den Träumen reissen die Wunden wieder auf und man erwacht mit einem Gefühl des Erdbebens in der Brustgegend.

Es geschieht trotzdem eine leichte Verschiebung, ein unmerkliches Verrücken der Sinne. Und Küsse schmecken wieder. Und fremde Haut ist angenehm. Und Worte aus anderen Mündern langweilen nicht. Was will man mehr. Ach.

Eigentlich will man wieder Kind sein. Unbesorgt. Schwärmerisch. Wagemutig. Auf hohe Bäume klettern und sich erst oben überlegen, wie man wieder runterkommt. In jedem Park auf Dinosaurierjagd gehen. Himbeeren von den Fingern essen. Aus Kirschen Schmuck machen. Aus fremden Nachbarskindern die besten Freunde für einen langen Sommer werden lassen.

Das Alter ist nicht schrecklich, weil es Falten gibt und müde macht. Es ist schrecklich, weil das Herz dabei schrumpft. Jeden Tag haben die Welt und seine Menschen etwas weniger Platz darin.

Auf auf! – soll das Herz sagen und der Kopf schweigen, ganz beschämt. Nur für einen langen Sommer wenigstens.

Andreas Diefenbach: Endless Summer, 2007.

Andreas Diefenbach: Endless Summer, 2007.