Archiv für Juni, 2018

Alles gut

Posted in Allgemein on Freitag, 29. Juni 2018 by badana

Der Sommer ist bald vorbei, weisst du?

Was wird danach übrigbleiben, ausser einigen Blessuren, Bikinistreifen und dem Bedürfnis, ganz lange in einer einsamen Berghütte zu hocken? Nicht viel, vielleicht nichts – okay cool.

Ja, so sickern die Sonnenstrahlen durch unsere Finger. Durch meine und deine. Und ja: Während die Welt dem immergleichen Wahnsinn verfällt, ich die schlechten Nachrichten horte wie unangenehme Erinnerungsstücke und versuche, dem eskapistischen Fussballgejohle zu entrinnen (ja, du auch, ich seh dein Lächeln in die Kamera, Daumen hoch, Mittelfinger, dein Lächeln, nicht durchgezogen, so kontrolliert, my dear), schwelgen manche in verpassten Gelegenheiten. Es ist schön, sich in anderen Augen zu spiegeln, vor allem, wenn man nicht bei sich ist, nicht wahr?

Und sonst so? Alles gut. Ein Sturm in mir oder zwei. Das Telefon ist aufgeregt, ich stopf es unter das Kissen und schlaf darauf ein. Ich lasse überflüssige Kritzeleien aus meiner Wohnung verschwinden, lösche schmollende Kontakte und kaufe ein Fahrrad. Es ist blau und ich liebe es innigst. Damit kann ich endlich Fische jagen, durch die Stadt flitzend Fische jagen. So wie du.

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Ein schmutziger Strom

Posted in Allgemein on Samstag, 23. Juni 2018 by badana

Ich kann keinen festen Fuss fassen im Leben – heult sie, sie heult und heult schon seit Stunden in meiner Küche. Ich schaue sie rauchend an. Der Rotz tropft ihr von der Nase auf die Oberlippe, sie leckt ihn weg und ich wende meinen Blick ab. Verstehst du, was ich meine – beschwört sie mich und ich nicke beschwichtigend in Richtung meiner weissen Turnschuhe. Nein, eigentlich keine Ahnung, aber ich sag das nicht laut. Das Leben erscheint mir wie eine willkürliche Abfolge von Tagen, nichtssagend, traumlos. Trotzdem scheine ich seit eh und je auf irgendetwas zu warten, auf mein Vergehen vielleicht, meinen sanften Untergang, meine Beisetzung in schwarzer Erde – möge sie mir leicht sein, auf dass ich zu guter Asche werde, fruchtbarer: In mir sollen Pflanzen wachsen, Punkt.

Zurück: Ich möchte sie gerne aus meiner Wohnung werfen und sehne mir innig ein Verebben ihrer Traurigkeit herbei. Wenn es wenigstens regnen würde, aber nein, die Sonne scheint mit einer Dreistigkeit ins Zimmer, dass es weh tut. Weiter im Text: Es geht ihr um das, nein das, sie will es mir erklären, was sie genau meint und warum das alles mit ihrer Kindheit zu tun hat. Mit ihrem Vater, der sie nicht genügend beachtet und mit ihrer Mutter, die sie zu sehr beachtet hat. Ich habe Hunger, will ihr aber nichts anbieten, um ihre Existieren in meinem Beisein nicht noch zu verlängern. Wenigstens erwartet sie keine Antwort, keine Abfolge von leeren und floskelhaften Worten, die ich mit grossem Widerwillen auf die Tischplatte zwischen uns speien müsste. Wenn es doch wenigstens Alkohol gäbe, aber nein, vor mir thront spottend eine Tasse Nieren- und Blasentee, der langsam kalt wird. Sie hat ihr Ingwerwasser ausgetrunken – ich bleibe störrisch sitzen.

Verstehst du – fleht sie nochmals, Punktpunktpunkt, und ergreift plötzlich meine Hand. Ich sage etwas zu laut JA und starre auf ihre bleiche Klaue, die meine umklammert hält, so sehr umklammert hält, dass ich grünbläuliche Adern durch ihre Haut schimmern sehe. In mir regt sich Wut. Klammer auf: All diese Berührungen, all diese Worte, diese Erwartungen, all diese Gegenüber, diese Beisitzer, Danebenlieger – mit ihren Köpfen, in denen fröhlich Chabis und Nüsslisalat zu wachsen scheint. Sie sitzen mir gegenüber, stehen, schauen, labern mich voll, sind immer da, wollen immer etwas und nichts und dazwischen, dazwischen lassen sie mir einen klitzekleinen Raum, eine Miniatur-Vorratskammer, in der ich mich unterzubringen habe – oder sonst aus dem Bild plumpsen muss, Klammer zu. Ich denke schliesslich an Nietzsche und zünde mir eine Zigarette an, obwohl mir sofort schlecht wird, der Magen sich zusammenkrampft und in meinem Mund nichts anderes als der Geschmack einer abgestandenen Erinnerung zurückbleibt. Ich denke und rauche trotzdem:

„Wahrlich, ein schmutziger Strom ist der Mensch. Man muss schon ein Meer sein, um einen schmutzigen Strom aufnehmen zu können, ohne unrein zu werden.“

(Friedrich Wilhelm Nietzsche: Also sprach Zarathustra. Ein Buch für alle und keinen, Kapitel 4.)

Fische jagen

Posted in Allgemein on Mittwoch, 20. Juni 2018 by badana

Dieser Sommer, so heissheiss. Alles tropft, die Blumen spriessen, die Schnecken vermehren sich in Windeseile. Ich lass sie machen, esse Eis am Stiel unter meinem gestreiften Sonnenschirm. Weiss, Orange, Weiss, Orange, dann das stechende Blau des Himmels. Die Hitze lässt mich wegdämmern, ich träume vom Meer, Salz auf meiner Haut. Stimmen vom Strand, die sich unter das Geräusch der Wellen mischen. Deine Küsse schmecken nach Urlaub, Sorglosigkeit. Ich packe meine Dämonen zu den Winterkleidern in den Keller und versuche, dich nicht gleich wieder zu vertreiben. Denn du bist nettnett, bist du zu nett für mich und meine Hirngespinste? Ich hoffe nicht und hoff, ich bin auch nicht zu nett für dich. Lass dich kurz links liegen, damit wir wieder locker werden. Sicher willst du jagen, durch den Sommer auf deinem Fahrrad Fische jagen. Meine Welt ist so viel dunkler als deine.

Ich hatte dich vergessen

Posted in Allgemein on Montag, 11. Juni 2018 by badana

Du. Ich hatte dich vergessen. Denn Zeit vergeht und ich geh mit ihr. Nun stehst du wieder in meiner Küche. Langgliedrig, abwesend, und wieder da. Ich möchte dich schütteln, dich auf die Strasse werfen, dich fragen, was das soll. Du plötzlich wieder da, mit Bier in deiner Hand, einer selbstgedrehten Zigarette, die bisschen schief liegt zwischen deinen schlanken Fingern. Nie komme ich dazu, dir etwas zu sagen: Jedes Wort von mir lachst du weg, rauchst du weg, schiebst du weg, streckst dich aus auf meinem Bett und flüsterst mir ins Ohr. Ob ich das will – was will – ich weiss es nicht. Dein Griff wird enger um mein Handgelenk. Ich weiss nicht, was wir hier tun. Vielleicht töten wir die Tage, die uns an unsere Einsamkeit erinnern. Zusammen sind wir nicht allein. Du könntest auch jemand anderer sein oder ich. Es kommt eigentlich gar nicht drauf an. Das ist nur ein kurzer Sommer in einer kleinen Stadt in einem kleinen Land. Nichts hier ist wirklich von Bedeutung.

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Peter Brown: Early Evening, 2015.

Denn sie waren nie bei mir

Posted in Allgemein on Mittwoch, 6. Juni 2018 by badana

Vor meinem Fenster unterhalten sich zwei Männer über das kaputte Kopfsteinpflaster und zeigen vorwurfsvoll auf den zersplitterten Boden. Der eine meint, dass das sicher ein Lastwagen gewesen wäre und der andere sagt, dass da im Winter das Wasser reinlaufen und den ganzen Boden drumherum zerfetzen werde. Ich habe im Zimmer kein Licht angemacht, denn so kann ich unbemerkt durch das Fenster die Menschen draussen beobachten. Die Männer gehen davon und ich schaue ihnen mit Bedauern hinterher – sie sind mir fast schon ans Herz gewachsen. Gerne hätte ich ihnen noch weiter zugehört, wie sie über die Sauordnung wettern, die sich da unter ihren Birkenstocksandalen erstreckt.

Momentan bin ich mit meinem Garten beschäftigt, sprich seiner Neukonzeptionalisierung. Ich komme nur schwer voran, da es mir leichter fällt, meine Nase in saubere Bücher zu stecken als die Hände in Töpfe, in denen es vor Kreuzspinnen, Kellerasseln und Schnecken wimmelt. Ich verliere zu viel Zeit mit der funktional optimalen Einteilung meines Sitzplatzes, die ich rauchend und sitzend von meiner Treppe aus plane. Ich habe in einem fast schon vergessenen Keramiktopf viele Minigrips gefunden, die wohl jemand dort gebunkert haben muss. Der Regen hat die Drogen unkenntlich gemacht und ich frage mich, was aus der Person geworden ist, die sie hier versteckt hatte.

Während der Gartenarbeit denke ich pausenlos an die Vergänglichkeit. Manchmal stelle ich mir vor zu sterben und wie alle an meiner Beerdigung um mich weinen. Dann wieder sehe ich sie hinter meinem Rücken flüstern, ich sehe falsche Tränen und Menschen, die es nicht verdient haben, um mich zu trauern, denn sie waren nie bei mir, als ich lebte. Während der Abendhimmel allmählich seine Farben verliert, tauche ich ein in die Abgründe meines Kopfes und finde mich wieder in verschiedenen Szenarien eines möglichen Lebens, das so viele Scheidewege hinter sich bringen muss, bis es endlich irgendwann, irgendwo, irgendwie ankommen wird. Nur schon der Gedanke an dieses ganze Bangen und Ringen macht mich müde und ich lege mich nieder auf den vom Sommertag aufgeheizten Sitzplatz – auf Erdkrümel und kleine Steinchen bette ich meinen Kopf und schaue in den Himmel, der mir heute leider gar kein Happy End zu versprechen vermag. Weit oben sehe ich einen Punkt; er bewegt sich nur leicht und sein sanftes Glühen begleitet mich in einen traumlosen Schlaf.

Lourdes Castro: Sombra Projectada de Claudine Bury, 1964.

Lourdes Castro: Sombra Projectada de Claudine Bury, 1964.

 

So meta

Posted in Allgemein on Samstag, 2. Juni 2018 by badana

Schau, sagst du und zeigst auf eine Wandmalerei im Altstadtquartier Lissabons, Alfama. Da steht: Tourists kill Alfama – und du machst ein Foto davon – und ich sag: so meta – du sagst: voll meta – und wir lachen beide. Ich bin froh, dass du da bist, dass du mich verstehst. Am Abend essen wir Fleisch vom Grill, es ist etwas angekokelt und wir lecken uns die Finger sauber wie Kinder und spülen die Müdigkeit mit Super Bock herunter. Der Kellner ist über 50 und trägt so enge Hosen, dass wir kichern müssen beim Anblick seines festgezurrten Hinterns. Ich falle ins Bett und bin schon eingeschlafen, bevor mein Kopf auf das Kissen trifft.

Anderntags schlendere ich durch das Museu Coleção Berardo in Belém, einem Aussenbezirk Lisboas. Die Bilder entführen mich in fremde Zeiten, Pinselstriche zeugen von Rebellion, die Abwesenheit von Figuration zeigt den Ahnen den Mittelfinger. Ich höre von einem verschollenen Bekannten: Wo bist du, was machst du – fragt er mich in die Kühle der hohen Ausstellungsräume hinein. Ich antworte abwehrend: Ich bin da, wo ich hingehöre und erfreue mich am Leben, es ist gerade etwas unzähmbar. Gerade jetzt, wo ich Ruhe schätzen würde, geschieht so viel, aber ich mag mein Herz, es ist warm und weich und lässt sich forttragen mit dem Wind, dem „vento de Belém“ – wohin auch immer.

Und jetzt? Jetzt wieder hier, in der angenehmen Abgeschiedenheit meines vertrauten Zimmers, dein „Komm jetzt“ blinkt und ich überlege mir, meinen neuen Lippenstift auszuprobieren und im Pyjama zu dir zu gehen und zu deinen coolen Freunden mit den bunten Hosen, die viel schweigen, um nichts Falsches zu sagen. Vielleicht aber giess ich meine Blumen im Garten und setz mich auf die Treppe in den Innenhof und rauch eine oder zwei und schreib ein Gedicht oder zwei oder ich bleibe hier liegen, einfach liegen und atme ein und atme aus und schlafe ein, denn etwas anderes, etwas anderes brauche ich einfach nicht zu tun, an einem Sommerabend in Zürich – das reicht vollkommen.

Nan Goldin. C.Z. and Max on the Beach, Truro, Massachusetts, 1976.

Nan Goldin: C.Z. and Max on the Beach, Truro, Massachusetts, 1976.