Archiv für Januar, 2009

Ein Versuch

Posted in Allgemein on Samstag, 31. Januar 2009 by badana

Ich habe für meine Liz-Arbeit ein Gedicht von Marina Cvetaeva aus dem Russischen ins Deutsche übersetzt.. Das war ausserordentlich schwierig, auch wenn es sich um ein kurzes Gedicht handelt oder gerade auch deshalb, denn Cvetaevas Stil war prägnant, klar und elliptisch.. Diese Vorgabe auch im Deutschen zu erfüllen, erschien mir damals beinahe unmöglich, denn zu sehr unterscheiden sich die zwei Sprachsysteme – das Deutsche neigt zu Länge und Trägheit, das Russische verzichtet gerne auf Verben und Partikel.

Seit mir meine Übersetzung vor einigen Wochen wieder in die Hände gefallen ist (ich wollte schon sagen, beim Putzen, aber das wäre gelogen), verfolgen mich ihre wenigen Worte regelrecht.. 

Bist fort – esse nichts:
Trocken – das Brot.
Alles – Kreide
Wonach ich greife.

… Du warst mein Brot.
Und warst mein Schnee.
Doch der Schnee ist schwarz
und das Brot ist hart.

(Marina Cvetaeva: „Ushol – ne em“. 1940)

Beispielsweise heisst es im russischen Original in der zweiten Zeile „Öde/fade – des Brotes Geschmack“ – das Attribut „trocken“ habe ich gewählt, da es die gleiche Stimmung vermittelt, inhaltlich stimmt und lautlich stimmig ist (tROcken/bROt). Nun frage ich mich andauernd, ob die Entscheidung zu gerade diesem Wort nicht unzureichend legitimiert ist, da sie hauptsächlich einer lautmalerischen Motivation entspringt. Vielleicht muss es doch ein Attribut sein, das von der Bedeutung her präziser ist („bröckelig“, „mehlig“) und sich auf die nachfolgende „Kreide“ bezieht?

Fragen über Fragen. Sie rotieren. Alice sagt immer: Effekt vor Logik. Doch welcher Effekt ist hier wichtiger.. Der lautmalerische oder metaphorisch-bezogene?

Merde.

Weshalb kann ich nicht immer alles wissen?

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Der kleine Mörder

Posted in Allgemein on Freitag, 30. Januar 2009 by badana

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Er wußte nicht, warum er so elend war

Und warum der Himmel an jenem Abend so schwelend war.

Sein Schädeldeckel war aufgeklappt und Fliegen setzten sich auf sein rosiges Hirn

Und leckten daran. Göttliche Gedanken schienen ihn zu durchirr’n.

Wenn er das Messer nähme und sich die große Zehe abschnitt?

Oder ginge er lieber auf den Abtritt,

Und spielte mit sich, über den Abfluß geneigt?

– Da hat sich seine kleine Schwester in der Küche gezeigt.

Er hob ihr den Rock hoch und stieß ihr die große Kelle

In den Schoß, daß sie schrie. Ihn trug die Welle

Des Abendrotes durch die Wolken hin.

Er sah nichts mehr.

Er fühlte nichts mehr.

Ihn trieb die rote Flut, das rote Meer

Zu einem uferlosen Ziel.

Er fiel

Lächelnd über die kleine Leiche hin.

(In: Klabund. Die Harfenjule. 1927)

Küssen, nur ohne Lippen

Posted in Allgemein on Donnerstag, 29. Januar 2009 by froileincharlotta

Heute habe ich zuunterst in einer Kiste ein altes, vergammeltes Taschenbuch gefunden. Hinten drauf hatte es einen hässlichen, türkisen Kleber mit der Aufschrift: „Leseexemplar für Ihre Taschenbuch-Abteilung“. Da ich persönlich keine Taschenbuchabteilung führe in meinem Sammelsurium diverser Abteilungen (eine Abteilung für Vergesslichkeit könnte ich zum Beispiel bieten oder eine Abteilung für Abteilungen im Sinne von Abzweigungen), wollte ich das Buch zurücklegen. Da ist mir der Text aufgefallen, halb unter dem hässlichen, türkisen Kleber verborgen: „Schreiben Sie mir, Emmi. Schreiben ist wie küssen, nur ohne Lippen. Schreiben ist küssen mit dem Kopf.“

Nicht hinsehen! Sie schreiben sich gerade lange Briefe!

Nicht hinsehen! Sie schreiben sich gerade lange Briefe!

Schreiben ist küssen mit dem Kopf? Also: Kopfküssen? Wahnsinn. Darüber muss ich nachdenken. Früher, da hatte ich mal Brieffreunde. Diesen Brieffreunden konnte ich Psychobriefe schreiben und sie haben artig zurückgeschrieben. Ich will wieder Brieffreunde haben! Sofort! Denn wer wollte nicht Kopfküssen? Ich stelle mir das lustig vor. Und abenteuerlich. Und seltsam aufregend. Hach, spannend, spannend.

I’m gonna blog my fuckin’ brains out

Posted in Allgemein on Dienstag, 27. Januar 2009 by drunkenjudge

Irgendwann im Leben eines Blogschreibers kommt der Tag, an dem er das thematisiert, was er macht. Blogs schreiben.

Die einfallsloseste Möglichkeit, dieses Thema zu behandeln: Die Unfähigkeit beklagen, sich ein Thema aus den Fingern zu saugen. Ich weiss nicht, dass ich nichts weiss, aber es ist mir gelungen, dieses Nichts zum Ausdruck zu bringen, und ihr müsst das nun lesen. Ich bin ohne Einfall, also bin ich.

Wie selbstreferenziell darf's denn sein?

Auf sublimere Formen greift der routinierte Blogger zurück, um seine Tätigkeit zum Gegenstand seines Schreibens zu machen. Er kündigt an, seine (allzu unbeachtete) Schreibtätigkeit heute/morgen/übermorgen aufzugeben. Seine Gründe sind oft diffus oder läppisch, letztlich aber immer auf Eitelkeit zurückzuführen: Schliesslich besteht die vage Hoffnung, dass gerührte Leser eingreifen und versuchen, den virtuellen Suizid zu stoppen. In den meisten dieser Fälle ist zu sagen: Hätte er doch schon gestern aufgehört!

Die bange Frage, die dem geneigten Leser schon vor mehreren Zeilen aus den Eingeweiden Richtung Hirn gekrochen sein mag, lautet nun: Wie wird Drunkenjudge den Feuerreif der Selbstreferenz durchspringen? Kopf voran, mit einer Schraube? Oder mit einem eleganten Salto?

Die Antwort lautet nein, ist aber vermutlich ein Betrug.

Was für die Motten das Licht

Posted in Allgemein on Mittwoch, 21. Januar 2009 by froileincharlotta

Heute geht mir dieser Gedichtsatz nicht mehr aus dem Kopf, er dreht und dreht und dreht: „Wenn der Falter fliegt, denkt er dann, sobald das Licht ihn trifft, an Untergang?“ Denken wir beim grossen Glück (oder sagen wir vielleicht besser: beim grossen Taumeln, der grossen Leichtigkeit und Glückseligkeit) an den Absturz, den Tod, das Ende? Und wenn wir daran denken, was nützt es uns? Wenn wir das Ende, den Schmerz und das Elend voraussähen, was würden wir daraus ziehen können? Wahrscheinlich ist es eine Frage der Zeit. Ich weiss, dass Rauchen ungesund ist und dass es mich umbringt. Trotzdem rauche ich. Ich weiss auch, dass ohne Fallschirm aus einem Flugzeug springen ungesund ist und es mich umbringt. Darum tue ich es nicht. Geht es um den Zeitfaktor und um die Möglichkeit wider erwarten doch nicht zu scheitern, sei sie auch noch so gering? Ich wusste, dass ich mein Herz verlieren würde (und das ist viel weniger romantisch, als man meinen könnte) und trotzdem habe ich mich mit Freude fallen lassen. Und in der Tat, heute fühlt es sich wie ein Sturz ohne Fallschirm aus einem Kampfjet an.

Blutendes Herz = schlicht und ergreifend nur menschlicher Abfall

Blutendes Herz = schlicht und ergreifend nur menschlicher Abfall

Und das schlimmste ist: Ich mag nicht poetisch sein, ich mag nicht weinen, ich mag nicht jammern, nicht hysterisch und tränenverschmiert durch die Strassen laufen, ich mag keine Gedichte schreiben, ich mag mich nicht blutüberströmt vor Haustüren legen.

Keine Gesten. Nichts.

Lüsterne Lyrik

Posted in Allgemein on Mittwoch, 21. Januar 2009 by badana

Ich liebe Gedichte, insbesondere, wenn sie schön versaut sind. Auf der Zugfahrt nach Wien habe ich einen ganzen Band voll poetischer Schlüpfrigkeiten verschlungen – mit erhitztem Gesicht und roten Wangen.

Einer der Höhepunkte war: 

Engel verführt man gar nicht oder schnell.
Verzieh ihn einfach in den Hauseingang
Steck ihm die Zunge in den Mund und lang
Ihm untern Rock, bis er sich naß macht, stell
Ihn das Gesicht zur Wand, heb ihm den Rock
Und fick ihn. Stöhnt er irgendwie beklommen
Dann halt ihn fest und laß ihn zweimal kommen
Sonst hat er dir am Ende einen Schock. 
     

Ermahn ihn, daß er gut den Hintern schwenkt
Heiß ihn dir ruhig an die Hoden fassen
Sag ihm, er darf sich furchtlos fallen lassen
Dieweil er zwischen Erd und Himmel hängt —

Doch schau ihm nicht beim Ficken ins Gesicht
Und seine Flügel, Mensch, zerdrück sie nicht.

(„Über die Verführung von Engeln“, Bertolt Brecht)

Das hat mich wiederum daran erinnert, dass ich letztens in der S-Bahn sass und einen mit Kulli hingekritzelten Tag aufm Abstelltischchen entdeckt habe: 

ich bin groggy 
und meine sloggi 
wollen den doggy style

Da soll nur einer sagen, Poesie sei verstaubt..

Pah pah. Penis.

Ich bin der Zorn Gottes

Posted in Allgemein on Dienstag, 20. Januar 2009 by badana

„Wenn ich, Aguirre, will, dass die Vögel tot von den Bäumen fallen, dann fallen die Vögel tot von den Bäumen herunter. Ich bin der Zorn Gottes. Die Erde, über die ich gehe, sieht mich und bebt.“

(„Aguirre, der Zorn Gottes“ von Werner Herzog, Deutschland 1972)