Archiv für Dezember, 2013

All is Consequence.

Posted in Allgemein on Donnerstag, 26. Dezember 2013 by badana

Sie wusste nicht genau, weshalb sie diese Telefonnummer immer noch bei sich trug. Beim Durchblättern eines Theatermagazins hatte sie die Notiz auf der letzten Seite entdeckt: „Lust auf Bier? – Dann ruf Tim an: 07..“ Das war nun über ein Jahr her und wahrscheinlich war Tim ein Marketing-Gag oder Tim gehörte nicht mehr zum Ensemble oder Tim war verliebt und in Berlin und trotzdem trug sie seither Tims Telefonnummer mit sich herum, einerlei ob es ihn nun überhaupt gab oder nicht. Es geschah zwar nicht oft, doch hie und da stolperten ihre Finger beim Entrümpeln von alten abgelaufenen Fahrkarten über diesen Zettel. Aber irgendwie schaffte sie es nie, diesen kleinen ausgefransten Fötzel wegzuwerfen. Vielleicht auch deswegen, da die blosse Existenz dieser wahrscheinlich nichtexistenten Telefonnummer in ihrem Geldbeutel ihr auf irgendeine Weise Abenteuerlust attestierte. Menschen mögen halt Spiegelbilder, die ihnen schmeicheln und schauen drum auch länger hin.

Nun sass sie in dieser Bar und fragte sich, weshalb sie sich dann schlussendlich doch dazu durchgerungen hatte – nach all der Zeit – eine kurze Nachricht an die Nummer zu schreiben mit dem Inhalt: „Ja, hab Lust auf Bier – heute um 8 im Kaiser Franz.“ Das Selbstbewusstsein, das ihrer Aufforderung (ja, es handelte sich um eine Aufforderung, keine Frage) anhaftete, hatte sich schon längst verflüchtigt. Und nein, sie hatte keine Antwort, bzw. Erwiderung darauf erhalten, aber wieso sollte sie, ihre Botschaft hatte ja nichts offen gelassen – und trotzdem.. Jetzt sass sie hier, fingerknetend, um sich blinzelnd, vor ihr irgendein aufgeschlagenes Magazin, das nicht zu intellektuell aber auch nicht zu trashy wirken könnte und versuchte, so cool wie irgend möglich zu wirken. Natürlich war sie sich bewusst, dass die Wahrscheinlichkeit sehr gering war, dass hier nun gleich ein Tim hereinspazieren und sie auf Anhieb erkennen würde (wie sollte er denn wissen, wie sie aussah). Aber wahrscheinlich war das gerade die Definition von Coolness: Nicht zu viele Worte verlieren und sich auch gar keine Gedanken darüber machen, ob man missverstanden werden könnte. Also, so stellte sie missmutig fest, war sie so weit entfernt von cool wie ein steifbeiniger salsatanzender Stiernacken zmittst in der Midlifekrisis.

Ihr Kaffee war wahrscheinlich schon längst kalt geworden, schliesslich war sie viel zu früh eingetroffen und eigentlich hatte sie ja ein Bier bestellen wollen, aber ihr gefiel das Bild nicht: Sie, wartend, alleine, mit Bier – als hätte sie es nötig, sich für ein Abenteuer Mut anzusaufen. Und sowieso konnte sie sich immer noch nicht erklären, weshalb sie denn nun hier sass, alleine, und auf irgendeinen imaginären Tim wartete, statt daheim Tom Waits zu hören und ihre Fingernägel anzumalen und zwischendurch an dies und das zu denken und sich vorzunehmen, ein besserer Mensch zu werden, ganz bald. Im neuen Jahr, spätestens Anfang Januar, wenn nicht sogar schon an Silvester, punkt Mitternacht.

Wahrscheinlich hatte die Tatsache, dass sie nun hier sass, auch ein wenig damit zu tun, dass sie sich überall und nirgends zu Hause fühlte, stets jedem Radwechsel mit Ungeduld beiwohnte, sich im Alltag wand und zappelte, sich mit jedem und vor allem mit sich selbst bekriegte. Kurzum: Sie musste sich dauernd auf Trab halten, um vor Langeweile nicht wahnsinnig zu werden. Darum sass sie also hier – so zog sie einigermassen zufrieden Bilanz – und liess von weiteren Erklärungsansätzen ab.

„Aber was genau soll ich machen?“
„Tanzen“, sagte der Schafsmann. „Immer weitertanzen, solange die Musik spielt. Verstehst du, was ich meine? Tanzen. Weitertanzen. Und nicht darüber nachdenken, warum du tanzt. Versuche nicht, einen Sinn darin zu finden. Es gibt nämlich keinen. Sobald du anfängst zu denken, versagen dir die Beine. Und dann kann ich nichts mehr für dich tun.“

(Haruki Murakami: Tanz mit dem Schafsmann)

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Töricht

Posted in Allgemein on Dienstag, 10. Dezember 2013 by badana

Ich sehe dich an jeder Strassenecke, rieche dich in jedem Windstoss, während ich durch die Stadt hetze, ob mir funkelnde Lichterketten, unter mir pechschwarzer nasser Asphalt. Ja, vielleicht war ich töricht zu denken, dass der Schmerz schneller vergeht. Vielleicht ahnte ich nicht, wie schwer es ist, dich mit mir herumzutragen, so weggeschlossen, ins Innerste zurückgedrückt. Du fühlst dich an wie ein Faustschlag in meine Magengrube.

(Jedes Gegenüber trägt deine Gesichtszüge, dein Lachen, dein Feixen. Jedes Strassenplakat hält mir deinen edlen Pullover vor die Nase und fast höre ich deine zornige Stimme, wenn Menschen in Zügen sich viel zu laut und zu dumm miteinander unterhalten. Ja, wir haben uns so oft verstanden und leider so oft nicht.)

Ich weiss nicht, wann ich aufhören werde, die Tage-von-dir-weg zu zählen. Schliesslich sind sie nur rote Striche in meinem Kalender, stumm und vorwurfsvoll. Manchmal wünsche ich mir, die Zeit zurückdrehen zu können, an dir vorbeizugehen, ohne ein Wort, dich ganz aus meinem Leben auszulassen: Verwischt, verweht – hinfort.

Christian Schloe

Christian Schloe

Ich bin ein Mensch.

Posted in Allgemein on Mittwoch, 4. Dezember 2013 by badana

Es gibt nicht Vieles, das dem Gefühl von Wahrhaftigkeit nahekommt. Oft bringt mich das Denken so aus dem Gleichgewicht, dass selbst der einfachste Schritt unsicher wird und zittrig. Ich stehe im Supermarkt und plötzlich überfordert mich der gewohnte Griff zu den bunten, bekannten Verpackungen. Wenn ich den Automatismus von Handlungen hinterfrage, bleibe ich mitten in der Bewegung hängen. Ich vergesse in einem einzigen Augenblick, wie es ist, so selbstverständlich Ich zu sein.

Im ewigen Gedankenkarussell verzieht sich nach einigen Umdrehungen jede Form der Wahrnehmung. Die einzelnen Kopfbilder zerfliessen ineinander, gleichen allmählich einer unbeholfenen Kinderzeichnung. So verflüchtigt sich Wirklichkeit, nein, sie verändert sich vollkommen. Eine neue Realität stellt sich nach dem Denkprozess ein, eine neue Bedeutung des Geschehenen. Die Vergangenheit wechselt ihr Gesicht, oft wird es zur Fratze.

– Was dachtest du denn, wie es war?
– Ja, so.
– War es nicht eher ganz anders?
– Kann sein, ich weiss es nicht. Die Erinnerung ist verschwommen – war ich denn nicht gross und schön und besonnen?
– Neinnein, im Gegenteil, im Gegenteil. Dein bisheriges Leben ist eine stinkende Kloake, aus der du niemals entkommen wirst.
– Aber kann ich denn nicht auf eine wohlwollendere Zukunft hoffen?
– Ach Kind, dein Herz ist schwarz, du wirst einsam sterben und nicht mal deine ausgestopften Tiere werden dir das Leid lindern, das ein einst so vielversprechendes und nun verpasstes Leben hinterlässt.
– Und jetzt?
– Jetzt atme weiter und versuche, in Würde zu leben. Denn das ist das einzige, das dir übrigbleibt.

Ich bin ein Mensch, dort komm ich her, da geh ich hin.
(aus „Amphitryon“ von Heinrich von Kleist)

Ach.

I always suffer..

Posted in Allgemein on Montag, 2. Dezember 2013 by badana

Gerade regt sich grosse Lebensgier in mir: Werde getrieben durch Sehnsucht nach Kälte und Wolle – rieche an meinen Fingerspitzen, die nach Mandarinen duften, geniesse langsame bewusste Bewegungen (vor dem Spiegel das eigene Gesicht berühren: He du Mensch, ja du, ich verzeih dir. Alles? – Ja, alles.). Schwarzer Kaffee, selbstgedrehte Zigaretten – das Leben fühlt sich gerade so an wie in einem guten Arthouse-Film. Das Lachen kehrt zu mir zurück und ich höre mir verwundert zu: Ja, das bin ich. In meiner Brust ein leichtes, angenehmes Schaukeln wie auf einem Segelschiff, während ich durch gedrängte Einkaufszentren pflüge. Eine kindliche Vorfreude auf Weihnachten, neue Bücher (neue Freunde), die sich stapeln, auf mich warten.

Ich frage mich, ich frage mich wirklich, ob das Wirklichkeit ist, auf die ich so lange gewartet habe, die Wirklichkeit, die mich mit allem versöhnen soll und in deren JETZT ich mich fallen lassen kann wie in ein weiches, frischbezogenes Bett.. Zwischendurch befällt mich leise Angst, pssst, ich trau dem Frieden nicht so ganz – dieses leise Flattern in mir: vielleicht Vorboten des Wahnsinns? Neinnein, ruhig Blut, da gibt es nichts zu wälzen, nichts zu zerfleischen. So fühlt sich die Mitte an – wattig, weich und unaufgeregt.

„Ich verlange keinen Wandel
von den Wellen am Ufer,
die mal flink sind, mal träge
und mir nicht gehorchen.“

(Wisława Szymborska: Himmel, In: Auf Wiedersehen. Bis morgen. 4. Auflage 1996.)

I always suffer when living too chastely.

I always suffer when living too chastely.