Archiv für März, 2019

Another Day in the Books

Posted in Allgemein on Freitag, 29. März 2019 by badana

Der da sitzt an der Bushaltestelle und kotzt in seine Tasche rein. Die Tasche ist rot und es ist Tag und ich frage mich, ob er betrunken oder krank ist. Ich frage mich, ob ich ihm meine Wasserflasche reichen soll. Da – nimm einen Schluck – er schaut mich verdattert an – ich kann sie ja später heiss auswaschen (kleines Lächeln) – denk ich. Das müsst ich tun, als guter Mensch, anderen helfen. Ich denke das ganze Gespräch, das nie stattgefunden hat und nie stattfinden wird. Und das alles, während ich deiner Stimme lausche, die Sonne knallt hart gegen meine Kopfhaut. Wir sind so verkrampft, du und ich. Wir bemühen uns, locker zu sein, ganz locker und ich beisse die Zähne zusammen, um nichts Falsches zu sagen, also sage ich wenig. Manchmal weiss ich nicht, was ich hier soll, was ich mit dir soll und du mit mir. Wir mühen uns ab, ich in dieser erbarmungslosen Mittagssonne stehend und du da am anderen Ende der Leitung, in deiner halbaufgeräumten Wohnung – ein jeder für sich und ganze Ozeane aus Zement zwischen uns, und dieser Typ da, der in seinen roten Hipsterbeutel kotzt.

Manchmal kommt die Angst wie ein Gewitter im Dunkel und Blitze erhellen den Himmel und lassen die Nacht kurz zum Tag werden. Mein Kopf spielt mir Streiche, hinter jeder Ecke lauert Abschied und Verrat. Geister aus der Vergangenheit suchen mich heim. Neinnein, euch will ich nicht. Euch nicht, das ist vorbei. Ich bin jetzt eine andere, eine, die lacht und nicht dauernd trauert hinter geschlossenen Rollläden. Nein, ich bin jetzt die mit den farbigen Kleidern ohne Lippenstift, die mit den Turnschuhen, die mit dem Muskelkater und dem störrischen Jasmin auf dem Fensterbrett. Ich bin die mit der neuen Wohnung, die mit der Liebe im Bauch, die, die nicht trinkt und die, die Glück hatte im Leben. Ich bin jetzt eine von denen und trotzdem fühl ich es nicht, ich fühle nichts und schäme mich und hoffe, dass ich irgendwann begreifen werde, wie kurz das Leben ist, viel zu kurz, um immer neben sich zu leben und ausgeschlossen zu sein aus allem, vor den erhellten Fenstern der Welt wartend darauf, dass sie einen endlich hereinlässt ins Warme.

Edward Hopper’s Night Windows, 1928.

Edward Hopper’s Night Windows, 1928.

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