Archiv für Februar, 2017

Jede Scheiss isch ä Chance

Posted in Allgemein on Dienstag, 21. Februar 2017 by badana

Schreiben, jeden Tag. Um Mensch zu sein, um Mensch zu werden. Dieses Pathos, my dear. Ich weiss, das mochtest du nie wirklich an mir. Diese Unfähigkeit, den Alltag anzunehmen, dreckige Töpfe zu waschen, immer da zu sein. Ja, ich neige dazu, mich im Bett zu vergraben. Die Sonne auszuschliessen, an heiteren Sommertagen und alles andere auch. In meinem Bett zu verharren in der Hoffnung auf bessere Zeiten. Du kennst mich gut. Du kennst mein hässliches Katergesicht, meine Weltmüdigkeit, meine ungerechtfertigte Wut. Ich bin nicht gern, wo ich herkomme – ich bin nicht gern, wo ich bin. Und trotzdem. So bin ich eben. So wie viele andere. Der Mensch ist töricht, da er immer einzigartig sein will. Die Schwierigkeit am ganzen Sein, mein verschollener Freund, liegt aber im Grunde nur darin, dass man aufhört zu sein, wenn man zu denken beginnt, einer von Vielen zu sein. In dieser unserer Welt, die von Tag zu Tag virtueller wird, überlebt derjenige, der an seiner eingebildeten Einzigartigkeit festhält. Du bist also auf dem richtigen Weg, ha. So einfach ist es – oder nicht? Das Differenziert-Denken widerspricht doch meiner Natur, auch das weisst du, nicht wahr? Wie einfach! Nein! Lass uns doch straucheln, in der Überzeugung, allein zu sein auf der Welt. Lass uns hadern, Hasstiraden auf sozialen Kanälen streuen, mit politischen Parolen um uns schmeissen. Mit Freunden, die alt werden, Tee statt Bier trinken und auf das Fleisch verzichten, weil es uns zu besseren Menschen macht. Sei mir nicht böse, my dear, dass ich mich in dieser mir bewussten Widersprüchlichkeit verliere wie ein junges Äffchen. Der Gedanke, dass meine Traurigkeit einzig und allein mir gehört, ist der Sputnik in meinem öden widerstandslosen Alltag. Er ist mein Brot und mein Wasser, der mich nicht verhungern lässt und doch nie sättigt. Nichts kommt jetzt, was nicht schon war. Ich schreibe diese Sätze auf die Getränkeliste einer Bar, in der gerade kalter Elektro wummert. Um mich herum treiben verschwommene Gesichter und nein, ich werde niemals eine Brille tragen, um sie scharf zu sehen. Und bevor ich mich in weitere Gedankenlabyrinthe verirre: Lass dir sagen, dass mir immer alles Schmerzen bereitet. Diese Bar, die Theke aus falschem Holz, die heuchelnden Kerzen, das einlullende Gemurmel um mich herum. Es ist nicht so, dass ich nicht verstehe, was so um mich herum passiert. Aber ich will es nicht akzeptieren. Wieso bin ich hier und wo soll ich sonst hin? Ja, wieso bin ich hier?

Ja, da ist der Grund, der mich zwingt, auf diesem unbequemen Hocker hin- und herzuschaukeln, in der Hoffnung, dass er meinen Nacken bricht: Der Mensch da und nicht irgendeiner – die gute Freundin da, meine, die hinter der Theke aus falschem Holz fadenscheinig freundlichen Gästen volle Gläser zuschiebt. Niemand weiss, wieso sie das tut, aber sie tut es gern. Sie sieht auch stark dabei aus, mit ihrem zu weiten Pullover, der ihrem Teint kein bisschen schmeichelt. WITS steht auf ihrem Rücken. Wofür soll das stehen? Niemand weiss es, wetten, nicht mal sie. Aber ich mag sie. Irgendwann schaut sie auf, zischt mir was zu, verdreht die Augen und ich lache. Und für einmal ist die Welt ein bisschen erträglicher geworden. Für einen kleinen Augenblick. Und ich schreibe: Jede Scheiss isch ä Chance.

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Zum Teufel

Posted in Allgemein on Montag, 6. Februar 2017 by badana

Egal, was passieren würde, auch das würde sie überleben. Sie sass auf feuchter moosüberwachsener Erde und versuchte sich zu erinnern, wie es sie in diesen Wald verschlagen hatte. Da waren Bilderfetzen, Gesprächsrauschen – sie war zu einem Abendessen eingeladen gewesen, ja, genau: Wein, Muscheln, noch mehr Wein und dann Dunkelheit. Langsam stand sie auf und schnalzte mit der Zunge, die sich pelzig anfühlte und geschwollen. Ihr Kopf tat weh und als sie die Schläfe mit ihren Fingerspitzen berührte, fühlten sich ihre Haare an der Seite klebrig an. Plötzliche Übelkeit überfiel sie und sie erbrach sich in ein kleines Gebüsch, hielt sich dabei an einem Baum fest. Sie hielt anschliessend die Stirn gegen seine kühle glatte Rinde und schloss erschöpft die Augen.

Ruhig atmen musste sie. Sie musste erstmal ruhig atmen und versuchen, die Orientierung wiederzuerlangen und aus diesem Wald herauszukommen, in trockene Kleider, nach Hause. Wahrscheinlich hatte ihr jemand irgendwelche Drogen verabreicht, sie griff sich prüfend in die Hose, nein, alles intakt. Beim Abendessen waren sie eine kleine Runde gewesen, da konnte die Vergiftung nicht passiert sein. Waren sie also noch weitergegangen? Sie konnte sich an nichts erinnern. Auch das deutete auf diese K.-o.-Tropfen hin, der Gedächtnisverlust, die Langsamkeit des Denkens. Behutsam setzte sie einen Fuss vor den andern. Es war nicht mehr hell und das Moos unter ihren Füssen war uneben, unvorhersehbar in der Dämmerung. Sie hielt sich an Bäumen, Ästen fest, rutschte auf dem Hintern Hügel runter, kam schleppend voran, musste immer wieder rasten, verschnaufen.

Ihr Gedächtnis steckte ihr mittlerweile kleine Erinnerungshappen zu – okay: Wieder Küche, Muscheln, Wein. Wie weiter? Sie hatte irgendwann ihr Mobiltelefon aus der Tasche genommen: Ja, da waren so viele neue Nachrichten von ihm, plötzlich waren sie da, von ihm, und ihr Lachen erstarb, sie wich fragenden Blicken aus. Sie war rasch aufgestanden, stumm und blass auf den Balkon gegangen, alleine, mit ihrem Telefon in der einen Hand, dem Wein in der anderen, sie stand lange da und las jeden seiner seelenlosen Sätze, die sie wie eine Klinge verletzten. Er erschien ihr fremd und kalt, und am liebsten hätte sie ihn sofort aus ihrem Leben gelöscht wie einen zu spät entdeckten Schreibfehler. Jedes seiner Worte kreiste nur um ihn und auch in ihrem Kopf begann nun alles zu kreisen, alles drehte sich und sie spürte all den Wein und die Wut, die wie Gift aus seiner Litanei des Selbstmitleids in ihren Körper fuhren. Ja, so war es gewesen.

Und da konnte sie plötzlich nicht mehr atmen, ja, der Balkon wurde kleiner, schien zu schrumpfen, sie liess alles fallen, es war alles viel zu schwer geworden in ihren Händen. Das Glas hörte sie noch zerschellen, dann ging sie, verliess den Balkon, die Wohnung ihrer Freunde, hörte jemanden rufen, stieg die Treppen hinab, öffnete die Eingangstür und lief der Strasse entlang. Sie rannte und rannte, bis alles vor ihren Augen verschwand: Die Hässlichkeit seiner Sätze, der dunkle Asphalt mit den Kaugummi-Markern, die Erinnerung mit ihren Schattengestalten. Sie tauchte in absolute Dunkelheit, in der das Denken aufhörte und nichts mehr existierte ausser der besänftigenden Leere ihres abgestumpften Herzens.

Lesley Oldaker: Looking Back

Lesley Oldaker: Looking Back.