Archiv für April, 2015

Und es gibt sie eben doch

Posted in Allgemein on Donnerstag, 16. April 2015 by badana

„Und es gibt sie eben doch, die Liebe.“

Die Nachricht erreichte sie inmitten eines Alltagsgewusels: Sie war gerade aus der Dusche getaumelt und halb schon auf der Strasse, dem nächsten Treffen entgegeneilend. Sie warf ihr Telefon in die übervolle Tasche, hetzte weiter und überlegte währenddessen, was noch zu tun war, heute, morgen, übermorgen, arbeitete im Geist Einkaufs- und Pendenzenlisten durch – bis die Worte sie wieder einholten, ihr Nachhall so anschwoll in ihrem Kopf, dass alle anderen Überlegungen innehalten mussten, abrupt verstummten.

„Und es gibt sie eben doch, die Liebe.“

Gibt es sie denn, die Liebe?

Früher, ja, früher hatte sie an die Liebe geglaubt. Sie hatte dieses Bild im Kopf, diese Vorstellung, dieses hohe Ideal. Etwas, das wie ein Leitstern ob ihr schwebte, ihr eine klare Richtung vorgab. Und jetzt? Ja, jetzt wagte sie es nicht einmal, sich Gedanken über die Liebe zu machen, aus Angst, dass nach all den Jahren, nach diesem Wechselbad der Gefühle, eine Abnutzung stattgefunden hatte, eine Abstumpfung, die nur noch Aquarellbilder in Pastellfarben in ihrem Herz zurückliess – verschwommen und blass.

In letzter Zeit war ihr die Sehnsucht zum treuen Gefährten geworden, einem stillen und fast angenehmen Begleiter, der das Gefühl der Entbehrung erträglich machte. Alles war übersichtlich und sicher, da gab es nichts, das Stürme in ihr hervorrief, sie zum Wanken brachte. Nur manchmal, da trafen sie Bücher ganz unvermittelt und erschütterten sie so, dass sie stundenlang atemlos in ihrem Bett verharrte und der Schlaf ihr verwehrt blieb. Als sie „Stoner“ von John Williams las, da fühlte sich etwas in sich aufbrechen, als wäre der Damm gesprengt worden, hinter dem sich Aufruhr verbarg:

Als William Stoner sehr jung war, hatte er die Liebe für einen vollkommenen Seinszustand gehalten, zu dem Zugang fand, wer Glück hatte. Als er erwachsen wurde, sagte er sich, die Liebe sei der Himmel einer falschen Religion, dem man mit belustigter Ungläubigkeit, vage vertrauter Verachtung und verlegener Sehnsucht entgegensehen sollte. Nun begann er zu begreifen, dass die Liebe weder ein Gnadenzustand noch eine Illusion war; vielmehr hielt er sie für einen Akt der Menschwerdung, einen Zustand, den wir erschaffen und dem wir uns anpassen von Tag zu Tag, von Augenblick zu Augenblick durch Willenskraft, Klugheit und Herzensgüte.

Da gab es etwas in ihr, das sich sicher war, dass schon bald die traumwirren, unruhigen Nächte Geschichte waren, in denen sich sich von einer Seite auf die andere wälzte, als würde sie nach etwas suchen oder vor etwas fliehen. So wurden die Gedanken in ihrem Kopf immer langsamer und sie bremste ihren Schritt, spürte diesen gewöhnlichen kleinen Tag plötzlich in all seiner einzigartigen Wucht und freute sich schon fast, ihrer Menschwerdung endlich entgegengehen zu können – bewusst, ruhig und mit undenklicher Gelassenheit.

Paula Rosa.

Paula Rosa.

Advertisements

Also, Mädel

Posted in Allgemein on Dienstag, 7. April 2015 by badana

Also, Mädel, steh jetzt auf, mach dein Haar, die Lippen rot, entscheide dich, die Kleider warten.
Geh da – nein, da lang – pass auf, die Pfütze. Vorsicht: Hundekot. Schon deine Schuhe, sammel deinen Schal ein, deine Kopfhörer, wie zerstreut du bist, wie ausgefranst. Hast du alles, was brauchst du noch, was hast du wieder vergessen? Drängel dich vor, schaff dir Platz, lass dich nicht herumschubsen. Fahr deine Krallen aus, deine Ellenbogen, deinen bösen Blick.
Zück deine Listen, halt dich an den Plan, den Plan von heute. Überwinde alles und jeden, der sich nicht daran hält. Sei grösser, sei schöner, sei schneller.
Und nun, ja, hetz jetzt heim, hast abgesessen, Liste leert sich. Kauf nicht ein, hast keine Zeit, iss nichts, treib Sport, lass gute Laune wachsen, steck andere an überm Telefon. Steh herum, vergiss deine Rückenschmerzen, deine Sehnsucht, deine Unsicherheit. Sei tough und scharf und selbstbewusst.
Es wird dunkel: Denk schon vor, denk an morgen, wann musst du auf, was ist zu tun?
Jetzt schlaf, schlaf sofort ein, träum milde, träum klein, träum so, dass es dich morgen früh nicht nach einem anderen Leben dürstet. Wach dann satt auf, wach jetzt auf, mach dein Haar, die Lippen rot, entscheide dich..

Lucian Freud: Head of a Girl. 1976.

Lucian Freud: Head of a Girl. 1976.