Archiv für Dezember, 2011

Unheimlich

Posted in Allgemein on Montag, 26. Dezember 2011 by badana

„Ist das Leben nicht unheimlich schön“ sagte der Bär zum Tiger.
„Ja“ sagte der Tiger „ganz unheimlich und schön“.

(aus: Janosch „Komm, wir finden einen Schatz“)

Advertisements

Sehnsucht, unstillbar

Posted in Allgemein on Donnerstag, 15. Dezember 2011 by badana

Er bereiste acht Städte in acht Tagen und die Zeit raste mit ihm dahin. Während er im Zug sass und das lederne Gesicht der alten Frau gegenüber betrachtete, dachte er an sein kleines und sauberes Leben in der Stadt. Es erschien ihm plötzlich absurd, in einer so leeren und hallenden Wohnung zu leben. Wie im Museum – meinte die Frau lachend, die ihm so sehr gefiel und die nie über Nacht bleiben wollte. Ihr Lachen verebbte erst nach einigen Echos und seine Wohnung erschien ihm plötzlich vertraut, bewohnt. Nun fuhr er in diesem Zug Richtung Tanger und fühlte sich das erste Mal, seit er in dieser Hitze unterwegs war, müde und matt. Er würde unausgeruht von seiner Nomadenreise zurückkehren, aber dennoch irgendwie gestärkt. Er blickte auf die Kamera, die in seiner Hand ruhte und dachte an all die Bilder von den verzierten Fassaden und winzigen schmucken Hinterhöfen, an all die Kostbarkeiten, die ihn zurück in sein Museum begleiten würden. Die Ornamente der Massadra in Marrakesch konnten nicht aus Gips sein, denn Gips wittert rasch – so dachte er, fast schon in Schlaf abgleitend. Langsam und steifbeinig stand er auf und bewegte sich auf das Zugfenster zu, um den Kopf in den Wind zu halten. Der Zug hatte gerade seine Geschwindigkeit gedrosselt und als der Mann seinen Blick auf einen kargen Platz lenkte, blickten ihm ein Dutzend dunkler Augenpaare entgegen. Doch das Interesse der Jungen hielt nicht lange an und sie wendeten sich wieder ihrem Spiel zu. Dem Ball war die Luft entwichen, er plumpste schwerfällig auf den Boden und wirbelte dabei Staub auf. Er wäre gerne aus dem Zug gestiegen, hätte den Kindern gerne eine lauwarme Cola spendiert und sich – nach aussen bescheiden wirkend, innerlich dennoch etwas selbstgefällig – in einiger Entfernung auf den Boden gesetzt und über sein Leben sinniert. In seinen Vorstellungen würde er nach seiner Rückkehr vielleicht seine wenigen Freunde und die Frau in seine Wohnung einladen. Die Räume wären angefüllt mit Gläserklirren, Stimmen, leiser Musik und er würde andächtig und mit gesenkter Stimme von seiner Reise erzählen, von den acht Städten, die er in acht Tagen bereist hätte. Dazu würde er eine Anzahl an Bildern präsentieren, um seine Erzählungen plastischer zu gestalten. Vielleicht müsste er in dieser Nacht nicht alleine in seiner leeren Wohnung bleiben. Der Zug ruckelte und beschleunigte seine Fahrt. Der Mann schaute auf die spielenden Kinder, bis sie in der Ferne zu Punkten wurden und schliesslich verschwanden.

Hurley Frank

Winterschlaf

Posted in Allgemein on Dienstag, 6. Dezember 2011 by badana

„Der Kummer, der nicht spricht, nagt leise an dem Herzen, bis es bricht.“ (William Shakespeare)

Andrea Benson

Sie hatte allen Wein getrunken und starrte auf den überquellenden Aschenbecher, dessen unordentliche Zigarettenstummel sich vor ihren Augen beinahe bis zur Decke türmten. Im Zimmer lag dichter Nebel, sodass sie die einzelnen Möbelstücke nur ihren Konturen nach erahnen konnte. War da noch jemand – ausser ihr, in diesem stickigen, dusteren Raum? Sie betrachtete das Loch in ihrem Ärmel, steckte ihren kleinen Finger hindurch, und ärgerte sich – kopfschüttelnd und im Stillen – über all die abgefallenen Knöpfe, die gerissenen Mantelsäcke und die aufgelösten Maschen, die an ihr zu spriessen schienen wie Unkraut.

Morgen würde sie alles wegwerfen, das von der Zeit angefressen oder ergraut worden war. Morgen würde sie als neuer Mensch erwachen, gleich zum Frühstück ein dickes historisches Buch lesen, freundlich allen alten Menschen zulächeln und den ganzen Nachmittag Satie hören. Sie würde – einerlei welches Wetter wäre – dem See entlang spazieren, bis zum ersten einladenden Café, das sie mit roten Wangen und zauberhaft zerzauselten Haaren betreten würde. Im beinahe menschenleeren Café hätte sie natürlich Seesicht, sie tränke Eisenkrauttee und schriebe mit einem alten Füllfederhalter lange sehnsuchtsvolle Briefe an die eine oder andere verflossene Liebe im Ausland.

So wie sie vor sich hinträumte, entging unserer angetrunkenen, schläfrigen Protagonistin, wie der letzte Gast leise die Wohnung verliess, der kurz zuvor das letzte brennende Wohnzimmerlämpchen gelöscht hatte und sich daraufhin mit wehendem Schal auf den Weg zu der Frau machte, welcher er nur einige Stunden zuvor das erste Mal begegnet war und die ihm auf seine Frage, ob sie zu dieser gottlosen Stunde denn noch wach wäre, umgehend die Nachricht zukommen liess: Ja, aber beeil dich.