Immer so

Posted in Allgemein on Montag, 7. Januar 2019 by badana

Die Trauer kommt in Wellen, die Wut als Flut, die über mich überschwappt. Immer ist das Leben etwas hässlicher als erhofft, etwas kleiner und langweiliger als in der Vorstellung.

In meinem Kopf stehst du wartend da, wir fallen uns in die Arme. Die Welt begrüsst uns freundlich von allen Seiten, es schneit, aber ist nicht kalt. Die Bilder funkeln uns an, der ältere Herr im Café, lächelt und liest Zeitung.

In Wirklichkeit kommst du zu spät, ich bin abgekämpft und müde. Meine Füsse sind eingefroren und mir läuft die Nase. Wir müssen überall warten, es hat keinen Platz im Restaurant und du bist den ganzen Tag so abwesend, dass ich mich einsam fühle.

Doch dann, am nächsten Morgen, drehe ich mich zu dir um, umarme dich, döse vor mich hin. Du murmelst, bist warm und ich wünschte mir, dass dieser Augenblick ewig währte. Ich atme tief in den Raum, in deinen breiten Rücken und ich bin so aufgehoben, so unglaublich aufgehoben wie noch nie. Dann, dann sind Welt und Vorstellung eins, deckungsgleich. Nichts ist verschoben und schief und ich frage mich, ich frage mich, weshalb kann es nicht immer so sein.

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Peter Doig

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Es ist nicht laut

Posted in Allgemein on Dienstag, 18. Dezember 2018 by badana

Grau in Grau – die Wolkenkratzer vor meinem Fenster werden fast vom Nebel verschluckt. Ich höre Baustellenlärm, das harte Schlagen von Metall gegen Metall. Menschen eilen vorbei, die Krägen hochgestellt. Wenn sie Hüte tragen würden, wäre das Bild perfekt.

In meiner Stube ist es wohlig und warm. Ich trinke Kaffee, schaue Trickfilme und erfreue mich an der Langsamkeit des Tages. Es klingelt an der Türe und ich ziehe die Decke über den Kopf. Ich brauche Zeit, so viel Zeit kann es gar nicht geben. Jeder Abend eine Wonne, ich zähle die Stunden, die ich mein nennen kann, bevor der Tag zu Ende geht. Das Telefon klingelt, man will etwas von mir und ich will nur so wenig wie möglich: Ein wenig liegen, etwas lesen, aus dem Fenster schauen hie und da, Briefe lesen aus der Ferne, nachdenken (nicht zerdenken), Lieder aus der Kindheit summen, die Küche aufräumen und sie wieder durcheinanderwirbeln.

So sieht das Glück aus für mich. Es ist nicht laut, nicht betrunken. Es tritt leise auf und bleibt dafür lange zu Gast.

Wenn du neben mir sitzt, dann geht mir das Herz auf. Die Tränen von Jahrzehnten kommen in mir hoch. Du trocknest sie, hörst mir schweigend zu und heilst mich von uralten Verletzungen. Ich bin dir schon jetzt so dankbar, dass ich nicht weiss, wohin mit all meinen Gefühlen. Ich verstaue sie in Glasbehältern neben dem Reis, den Bohnen und stelle sie zu den Putzmitteln in den Abstellraum.

Das erste Mal seit langem fühlt es sich an, als wär ich echt, als wär ich angekommen. Dr. Fritz will mir böse Dinge einflüstern. Du sagst: Lass es nicht zu, ich bin da. Ja, ich kann es nicht fassen, aber du bist da.

So ist das Glück. Es bleibt lange.

Dimitris Tamvakos

Dimitris Tamvakos

Knack

Posted in Allgemein on Dienstag, 30. Oktober 2018 by badana

Ein leises Knack und ein Knochen bricht, zum Glück ist es nicht der Nacken. Knack und ich liege hier, wochenlang und schaue aus dem Fenster, wie die Welt vorüberzieht. Geister umringen mein Krankenbett, auch gute sind darunter, die erinnern an Maisfelder in der Nacht und die Grosseltern, die schon lang tot sind.

Ich bin heute wahrscheinlich etwas weniger interessant als gestern. Einerlei. Es ruht etwas tief in mir, es lässt mich schlafen, müde werden, nichts tun. Manchmal strecke ich mich, strecke meine Arme nach dir aus, umarme dich, die Schmerzen lassen nach – weit hinten noch ein Pochen, beinahe freundlich.

Du zeigst mir ein Filmchen und ich liege neben dir, betrachte deine Hände, Finger mit kleinen Nagelbeeten, du lachst und schaust mich fragend an, ich lache mit. Vor den Fenstern lärmen Menschen und ich wünsche mir, dass wir ewig so bleiben, Wange an Wange. Sobald ich es denke, entfernst du dich.

Ich weiss, es kann nicht immer so sein. Aber ich denke gerade, dass mir viele Dinge unwichtig geworden sind, die schon immer unwichtig waren. Du aber drehst dich immer noch um dich, wirst müde, sinkst ein. Ich lass dich, sorge mich, werde ruhig, schlafe ein, schlafe aus. Such mich dort, wo es nach warmem Brot riecht und wo trockene Blumen auf dem Tisch stehen. Mein Licht soll dich durch die regnerische Nacht bis hin zu meiner Türschwelle führen.

So einfach ist es, so einfach kann es sein.

Alex Ravkina.

Alex Ravkina.

 

Nach Hause

Posted in Allgemein on Freitag, 21. September 2018 by badana

Ich warte seit Stunden an diesem gottverlassenen Bahnhof in der Pampa. Keinesfalls möchte ich hier länger bleiben. Alles in mir schreit nach Aufbruch. Und doch lass ich jede Gelegenheit zur Abfahrt wieder verstreichen, beobachte die Reisenden, wie sie aussteigen, einsteigen – ich bleib sitzen und scharre mit den Füssen auf dem Asphalt.

Denn wenn ich jetzt aufstehe, jetzt aufstehe und in einen dieser Züge steige, dann komme ich nie wieder zurück. In der Ferne werde ich eine andere sein und mit anderen sein. Ich werde nicht zurückschauen, denn ich kenne keine Reue. Verstehst du.

So sitz ich also hier, während die Sonne untergeht. Mein Magen knurrt und mich friert. Der Sommer neigt sich seinem Ende zu. Gerne würde ich jetzt etwas tun, um die Zeit totzuschlagen, aber ich habe alles vergessen – alles, was mir hier wichtig war. Es gibt jetzt nur noch mich und diesen gottverlassenen Bahnhof in der Pampa.

Auch wir sind vergangen. Ein schaler Nachgeschmack ist geblieben. Ich bin ich und du bist du. Daran wird sich nie etwas ändern. Zwischen uns türmen sich Wolkenkratzer, Kräne, ausrangierte Güterwagen – Berge von Metall.

Ich möchte hier noch eine Weile sitzen und die Reisenden beobachten, die zärtlichen kleinen Gesten, die Abschiedsküsse, Hände, an Fensterscheiben gepresst. Ich möchte hier noch eine Weile sitzen. Vielleicht in der Hoffnung, dass du mich zurückholst, mir den Arm um die Schulter legst, mich nach Hause bringst, nach Hause zu dir.

Ron Hicks.

Ron Hicks.

 

Und wieder

Posted in Allgemein on Samstag, 8. September 2018 by badana

Und wieder hab ich mich verloren.
Jedes Wort von mir schwer, weshalb.

Alles kostet Kraft. Das Aufstehen, das Atmen, das Lachen am meisten.

Ich möchte allein sein und kann es nicht. Suche dich ständig in meiner Wohnung, auch wenn ich weiss, dass du nicht da bist.

Vor mir fliehen, möchte ich. Weit weg sein von mir.

Die Traurigkeit lässt mich erstarren. Der Sommer verabschiedet sich und ich habe Angst vor allem.

Nur in deiner Umarmung kann ich kurz aufatmen. Aber du willst reden, reden, fragst und wartest, dass ich etwas sage. Dass ich glücklich bin. Ich bin es nicht, gräme mich darob. Es tut mir leid, dir tut es leid. Was sollen wir tun.

Darf ich dein Meer sein, in dem du ertrinkst?
Willst du meine Sonne sein, die mich verbrennt?

Sei mir nicht böse, ich kann grad nicht. Nichts. Mein nächster Schritt ist dieser und dann noch einer.

Alles andere muss warten.

Andrea Kiss.

Andrea Kiss.

Haut an Haut

Posted in Allgemein on Freitag, 24. August 2018 by badana

Wieder zurück aus den Bergen, der Stille. Vor meinem Fenster einhundert Baustellen mit den Melodien der Stadt. In meinem Kopf baut eine Schwalbe ihr Nest, obwohl es bereits gegen Herbst zugeht.

Mein Zuhause ist mir fremd geworden. Ich werde beäugt, betrachte andere. Zwischen mir und der Welt ein Daumennagel Abstand. Ich warte auf dich und doch nicht. Kommst du mich suchen, wenn ich dich lasse.

Am liebsten bin ich am Wasser. Das Geräusch der aufschlagenden Wellen bietet mir Trost. Ich denke an die Weite der Welt und sehne mich in deine Arme. Haut an Haut, du tanzt und mein Lachen sprengt das Zimmer.

Ich wollte bleiben

Posted in Allgemein on Dienstag, 31. Juli 2018 by badana

Es war schon spät. Die Nacht brach über die Stadt herein wie eine Krankheit.

Schau doch, sagte er und zeigte in die Ferne: Da sind wir, dort drüben, wo die Lichter blinzeln. Dort drüben leben unsere besseren Versionen – die, die ohne Makel sind, wagemutig und klar. Da sind wir gesund, zanken uns nie, nein, das liegt alles längst hinter uns, da wir wissen, dass es nichts bringt, dass das alles vergebene Mühe wäre. Wir ruhen in uns, bisweilen ineinander, ohne Angst und Scheu. Dort sind wir grossherzig und leidenschaftlich, fürchten keine Verluste, da wir im Grunde nichts verlieren können.

Und hier? – fragte ich ihn und zeigte auf die hiesige Seite des Sees.

Ja, hier – sagte er zögernd und seufzte.

– hier sind wir schwach, wir streiten, da wir nicht wissen, wohin mit uns und unseren kleinen Leben. Wir bewegen uns ängstlich durch die Welt, als wäre sie unser Feind, statt sie zu umarmen. Wir blasen uns auf, weil wir die Leere nicht ertragen und schirmen uns ab aus Furcht vor Blessuren. Wir sind immer auf der Hut und verpassen drum alles und bleiben allein, ein jeder in sich verwildert, gefangen, verirrt.

Schulterzuckend wandte er sich ab und liess mich dort zurück, mit meinem fehlerhaften, kleinherzigen Ich, das seinen Worten trotzen wollte. Ich begann Steine zu schiefern, doch die Dunkelheit verschluckte die Bilder und die Klänge wurden übertüncht vom dumpfen Bass einer Schiffsparty, die ganz in der Nähe stattfinden musste. Ich dachte nach über den See und das dortige Ufer, verwarf den Gedanken einer nächtlichen Überquerung, verschob sie auf den nächsten Tag oder den übernächsten und machte mich pfeifend, mit den Händen in den Hosentaschen, einen Schritt vor den andern ausholend, auf meinen steilen, langwierigen Weg zu dir.

Nerine Tassie: Dark Wave I.

Nerine Tassie: Dark Wave I.

„Aber ich wollte bleiben, mich häppchenweise verlieren und nie wieder aufsammeln.“ (Olga Grjasnowa: Der Russe ist einer, der Birken liebt. 5. Auflage 2015)