Keinen einzigen Tag mehr

Posted in Allgemein on Donnerstag, 5. April 2018 by badana

Dann lieb mich von weitem, du Feigling. Lieb mich aus der Ferne, während ich durch’s Leben schreite, Geld verdiene, morgens aufwache, abends schlafen gehe, Sushi esse, Bier trinke, traurig bin und lauthals lache. Beobachte mich, während ich älter werde, mich verliebe, Kinder kriege, reisen gehe, auswandere. Schau mir zu, wie ich deine Träume lebe, während du dich vor der Welt verkriechst.

Aber vor allem eins: Lass mich in Ruhe, les mich nicht mehr, such nicht in der Stadt nach mir. Du hattest deine Chancen, unzählige sind es, unzählige Nächte, die du lieber in die Leere gehorcht hast, als mich in deine Arme zu schliessen. Suhl dich nun in Selbstmitleid, sieh überall Verrat und verneble deinen Verstand, damit er nicht denken muss. Zementier dein Herz zu, um nichts zu fühlen. Such dir eine Frau, die dir niemals widerspricht, niemals Lärm macht, mit dir Götzendienst für die Reichen und Dummen betreibt.

Keinen einzigen Tag mehr werde ich wegen dir weinen, keine Stunde wird vergehen, in der ich mich nach dir verzehre. Mein Leid hat heute sein Ende gefunden, während deines beginnt. Lass mich also in Ruhe meines Weges ziehen, der nicht deiner ist, der besser ist, schöner ist, frei ist von dir.

Nikolay_Pustatov

Nikolay Pustatov

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Verrat

Posted in Allgemein on Montag, 2. April 2018 by badana

Guten Abend, Herr Dr. Fritz, wie komme ich zu der Ehre Ihres Besuchs? Sind Sie aus den dunklen Abgründen meines Geistes gekrochen, weil Sie meine Schwäche wittern?

Ja, es ist wahrlich so – hinter jeder Ecke lauert Verrat: Vertraute Gesichter werden zu Fratzen, ich stehe im Feuer auf dem Scheiterhaufen der Geisteskranken, rundum kalte Menschen. Sie schauen zu und applaudieren. Geister meiner Vergangenheit, stets sind sie bei mir.

Dr. Fritz, was soll ich hier. Nur mein Bett bietet mir Zuflucht. Das Leben zieht an mir vorbei und ich kann mich nicht rühren. Zu schmerzhaft die Wunden, sie sind noch frisch. Bitte nicht anfassen, ich bin zu müde, um mich zu wehren. Zu müde gerade, für diese Welt.

Cut me up and let me rest. (Suicide Boys)

Schulter an Schulter

Posted in Allgemein on Freitag, 30. März 2018 by badana

Du und ich, der Raum dreht sich, wir stehen im Nebel und tanzen, wechseln Worte. Du berührst mich immer wieder, hier und da – ich trau mich nicht, dich anzufassen. Wir sind gross, du und ich, wir schauen über Köpfe drüber, Schulter an Schulter. Ich spüre, wie ich wachse, neben dir, bis zur Decke und noch höher. Unantastbar sind wir zu zweit, das sehen alle, wir wecken Neid. Eigentlich möchte ich schon lange nach Hause, mit dir, aber ich befürchte, zu schüchtern zu sein, auf der Taxifahrt, dein Knie neben meinem – zu schüchtern, bei mir in der Küche, den Holztisch zwischen uns. Darum begiesse ich mich mit Bier, schütte rein, schüttle mich im düsteren Takt des Beats, du neben mir, du machst mich stark, auch wenn ich etwas betrunken schwanke.

Die Morgenstunden bringen Helligkeit, die in den Augen kneift, es regnet und ich finde meine Zigaretten nicht mehr, sie sind weg, der Schirm ist es auch. Du nimmst meine Hand – deine Hand und meine, sie passen gut, ich schaue verlegen auf meine Schuhe, die im Zickzack über Strassen stöckeln. Nichts ist mehr schwer, alles fliesst, wir fliegen nach Hause, schlafen schmollend ein und wachen lachend auf, so soll es sein. Du umarmst mich ganz fest und nein, du musst mir nichts sagen, ich brauch keine WhatsApp-Küsse, keine Versprechen: In deinen Armen weiss ich doch alles.

Du fragst mich: Was willst du jetzt tun? – Und ich sage: ein Kind. Du lächelst. Stattdessen essen wir Pasta und gerne würde ich mit dir auswandern und barfuss durch die Wälder streifen. Wir wohnen in einem Haus und du malst dort und ich schreib hier, zwischendurch wird zusammen Kaffee getrunken.

Du ziehst die Decke über unsere Köpfe und versteckst uns vor der Welt. Ich mag dich so.

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Josef Bolf

Als ihr bang war

Posted in Allgemein on Donnerstag, 15. März 2018 by badana

Sie zögerte und schaute zurück in den dunklen Raum. Ja, es war an der Zeit zu gehen. Ein Teil in ihr wollte bleiben, endlos bleiben, warten auf ein Wunder, dass etwas geschah, doch eigentlich wusste sie, dass der Moment gekommen war, das halbleere Glas wegzustellen und sich zu verabschieden.

Aber in ihrem Kopf war das Glück bereits vollumfänglich da gewesen: ein heller Raum, Steinboden unter nackten Füssen, weisse Leinenvorhänge vor hohen Glastüren, die in einen Garten führten mit einer Pinie in der Mitte. Alles war schon da gewesen in ihrer Brust, sie hatte die Wirklichkeit gespürt. Nun war alles fort, das Bild erloschen, der Raum, der Boden, der Garten mit dem Baum verschwunden. Nur noch Leere, der Hauch an Erinnerung, ein leichter Schmerz.

Die Nacht war frisch, es hatte unlängst geregnet, hinter ihr pulsierte Musik, sie wollte nicht mehr zurück, nein, sie wollte nicht mehr dahin zurück – in dieses Gewusel schweissnasser Körper, die sich in ihrer Einsamkeit wanden und flüchtige Blicke um sich warfen. Sie wollte nach vorn, sie wollte sich in unbekannte Städte stürzen, in langwierige Diskussionen über Kunst, in starke Arme, die sie hielten und nicht wieder losliessen, wenn ihr bang war.

Hinter ihr der dunkle Raum und vor ihr die Nacht. So hielt sie inne. Das Laternenlicht glitzerte auf dem nassen Beton wie zersprungenes Glas. Sie zog die kalte Luft in ihre Lungen und liess die Zeit verstreichen, etwas Zeit verstreichen und dann, ja dann –

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Egon Schiele: Die Umarmung, 1917.

Wie oft

Posted in Allgemein on Freitag, 9. März 2018 by badana

Ein bisschen schaut er ja aus wie Dr. Fritz, denke ich, während ich Herrn Beer betrachte, der seine schlanken Beinchen übereinandergeschlagen hat. Wir trinken Kaffee und draussen nieselt es. Sein Raum ist freundlich und hell. Wahrscheinlich um die ganzen Irren zu besänftigen, die hier den lieben langen Tag herumsitzen und sich die Sorgen von der Seele reden. Er fragt mich, wie es mir geht und ich frage nach konkreten Resultaten: Wie oft muss ich herkommen, damit ich ein anderer Mensch bin? Er lächelt milde und erzählt mir, dass man sich heutzutage immer fremder wird, weil man nur macht und nicht ist. Ich sage ihm, dass sich die Leute zu wichtig nehmen und nur jammern und nicht handeln. Ab und zu nimmt einer von uns einen Schluck Kaffee, an meiner Tasse klebt Lippenstift, seine ist nicht aus Plastik.

Die Stunde vergeht wie im Flug und ich wickle mich traurig in den Schal, als ich sein warmes Zimmer verlassen muss. Es nieselt immer noch, aber ich weigere mich, einen Schirm herumzutragen. Die Menschen, die mir auf der Strasse begegnen, sind etwas grau im Gesicht und ihre Mundwinkel zeigen Richtung Asphalt. Es würde ihnen auch gut tun, mit Herrn Beer Kaffee zu trinken und sich etwas zu wärmen. Irgendwie vergesse ich bereits auf dem Heimweg, was ich alles machen will, um besser zu werden, ich muss an all die Lebensmittel denken, die ich kaufen muss, die Arbeit, die auf mich wartet, das Paket, das auf die Post soll. Der Alltag stülpt sich über mich wie eine Käseglocke und ich eile nach Hause, um Listen zu schreiben, die ich wieder verwerfe.

Vor dem Einschafen erinnere ich mich an meine Vorsätze und versuche, mich in Achtsamkeit zu üben. Die Frau fordert mich beruhigend auf, in meinen linken Daumen zu atmen und ich fühle Wut in mir hochsteigen, meine Glieder werden eiskalt. In den Daumen atmen, das geht ganz sicher nicht. Und wer redet so sanft, das geht auch gar nicht. Ich bin kurz davor, mein Schlafzimmer auseinanderzunehmen und zu toben, aber da ist es schon passiert: Ich bin eingeschlafen.

Morgen, ja – schon morgen vielleicht, bin ich ein anderer Mensch.

Caryn Drexel

Caryn Drexl

Bloss ein Pferd in einem Raum in einem Haus im Nirgendwo

Posted in Allgemein on Mittwoch, 21. Februar 2018 by badana

Ich sage dir: Es ist bloss ein Pferd in einem Raum in einem Haus im Nirgendwo. Das Fenster zu klein oder zu hoch, um rauszuschauen. Dahinter verschwommenes Blättergewirr. In meinem Traum, in meinem Traum, da sitzt das Pferd in diesem Raum und weiss nicht, woher es kommt und wohin es gehen soll. Es sitzt nur da und wartet ab, bis der Abend endlich die müden Hände über dem Haus zusammenschlägt. Auf der Strasse hört man noch Fahrradklingeln und das Geschrei von wütenden Buben, die ihre Fäuste erheben gegen den Himmel, der nun Regen von sich lässt. Sie wissen, dass sie nach Hausse müssen, zu strengen Müttern und kalten Spargeln in grossen Schüsseln mit feinen Rissen darin.

In meinem Traum wird der Himmel plötzlich grau, während sich seine Wolken zu jagen beginnen wie angsterfüllte Wollknäuel. Das Pferd blickt in eine Ecke des Zimmers. Im Zimmer herrscht angenehmes Licht und von der Decke kommt gedämpfte Musik. Wenn das Leben ein Lied wäre, dann wäre es das, denkt das Pferd und summt leise mit. Auf der Strasse ist nun Ruhe eingekehrt, der Regen plätschert auf den Kopfsteinpflastern und sammelt sich rauschend in Strassenrinnen, um geräuschvoll in schwarzen Löchern zu versickern.

Ich schaue dem Pferd beim Warten zu und das Pferd betrachtet mich von Zeit zu Zeit mit unverhohlener Neugier. Ein schöner Traum ist das – denke ich – und möchte noch ein Weilchen weiterschlafen.

Andrea Lehmann

Andrea Lehmann

Bis wir nicht mehr weiterkönnen

Posted in Allgemein on Sonntag, 21. Januar 2018 by badana

Lass uns noch weiter. Ich bin nicht müde und es ist noch früh. Wohin wir sollen? Ich weiss es nicht – vielleicht eine Weile geradeaus, den grauen Mauern und hellen Fenstern entlang – bis wir nicht mehr weiterkönnen. Du fragst: und dann? Und dann biegen wir ab, gehen über die Brücke dort, den tosenden Fluss, machen uns die Schuhe schmutzig und möglicherweise fällt einer von uns hin. Nicht weiter schlimm, ich reich dir die Hand oder du mir, das wird schon gehen, irgendwie. Hauptsache, wir bleiben nicht stehen, Hauptsache, wir vergessen nicht, dass wir noch da sind, du und ich.

Ja, lass uns einen Schritt vor den anderen setzen. Deine Schritte sind grösser, aber das macht nichts. Ich hol schon auf, du wirst sehen. Gib mir etwas Zeit, schau nicht so gereizt. Ich kann nichts dafür, dass mir die Beine zu kurz geraten sind. Du lachst und ich vergrab mich in deinen Armen. Du riechst nach Wind und klarem Wasser. Hier gehör ich hin.

Wenn es dunkel wird und die Müdigkeit uns anfällt wie ein lauerndes Tier, dann wärmen wir unsere kalten Glieder an wilden Feuern und flüstern uns gegenseitig in den Schlaf. Du errichtest Städte im Traum und ich bekomme Besuch von meinen Geistern. Wenn wir wach sind, erzähle ich dir von den dunklen Schatten und du von deinem Haus am Meer. Zeigst du es mir? Du sagst: Ich glaub, du hast es schon gesehen, ich bin nicht sicher, aber ja, es ist ganz nah.

Siehst du. Auch wenn die Wirklichkeit keinen Platz für uns bereithält, wir können ihn woanders finden. Ich hab dich in der Zukunft gesucht und in der Gegenwart gefunden. Ohne dich ist das Leben trostlos. Komm, sagst du, wir gehen weiter, es ist schon hell. In der Ferne stehen Häuser und dahinter sieht man einen Himmel mit Wolken, durch den allmählich Licht hervorbricht. Ich küss deinen Nacken und bin ein klein wenig glücklich. Du meinst: Ich freu mich auf Kaffee.

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Caspar David Friedrich: Der Mönch am Meer, 1808–1810.