Bis runter in den Bauch

Posted in Allgemein on Donnerstag, 19. September 2019 by badana

Es blitzt und donnert und ich denke an das Wochenende zurück, das wir im Tessin verbrachten. Zwischen gezackten Berghängen und herunterbrechenden Wildbächen konnte ich fast nicht atmen, so eingekesselt waren wir in diesem Tal. Es war kalt und regnete ohne Unterlass. Wir warteten stundenlang auf Postautos, die nie kamen und harrten Hand in Hand vor dem Einschlafen aus – das Fenster liessen wir offen und beobachteten die Blitze, welche wilde Muster auf den Himmel kratzten.

Ich weiss nicht, wann mir klar wurde, wie sehr du Teil von mir bist. Nicht so einbisschen, sondern richtig und echt bis runter in den Bauch. Vielleicht in dieser überfüllten Pizzeria beim Nachtisch oder beim Spaziergang, als du mir so eindringlich von einem Film erzähltest und wir erst ganz spät bemerkten, dass wir uns längst schon verlaufen hatten. Oder als wir den Bauer sahen, der seine Schafe zusammentrieb und seinen hinkenden Hund dabei angekettet und tobend zurückliess.  Die unverständlichen Rufe des Bauern hallten über sein Land und ich dachte: Mit dir möchte ich mich niederlassen – egal wo, Hauptsache mit dir.

Es ist seltsam, dass man das halbe Leben suchend verbringt und aufgibt und nicht aufgibt und weitermacht, atmet, um sich schlägt, fällt, sich aufrappelt, um dann zuletzt jemandem gegenübersteht, der all den Verletzungen, dem Schmerz, der Traurigkeit einen Sinn verleiht. Denn ohne all diese Wunden wär ich jetzt nicht hier. Hier auf dem Sofa mit dir neben mir. Draussen stürmt es und in meinem Bauch wogt Wärme und ich denke: So fühlt es sich also an, das Glück.

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Michelangelo Merisi da Caravaggio: Canestra di frutta, etwa um 1599.

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Alles liebe Müh

Posted in Allgemein on Mittwoch, 31. Juli 2019 by badana

Wie, wo war ich – na hier, wo sonst, nirgends. Was ich tu? Ich versuch wie immer, ein besserer Mensch zu werden – inmitten von Menschen, die besser sind. Ehrlich gesagt und unter uns: Für mich ist das Leben im Grunde genommen ein unaufhörlicher Leidensweg, war’s aber schon immer. Mal leide ich weniger, natürlich. Mal fällt mir alles leichter, mal sagt mir einer: Du hast aber gute Laune, solltest öfters lachen, steht dir! Worauf ich nicht mehr lach, natürlich. Aber eigentlich fällt mir jedes Gespräch ein bisschen schwer, jeder Schritt, jeder Brief, jedes Staubkorn in meiner Wohnung. Alles Pflutsch, alles streng, alles liebe Müh, pfui.

Okay, nun hab ich die Liebe, ja. Aber die Liebe geht oft einher mit anderen Problemen. Das Fortpflanzungsorgan ist tot, es lebe das Fortpflanzungsorgan! Also wieder das gleiche Lied: Ich leide. Fachmännisch. Weibermächtig. Sternstern. Auch darob leide ich und das Schreiben ist eine Qual, das Stillsein auf Papier noch ärger. Der Sommer zu heiss, der Winter zu kalt. Ich bin wütend auf mein Leiden, beschimpfe es: Luxusleiden, First World Problems (übrigens auch pfui – neben: Work Life Balance und Smoothie, kann kein Mensch richtig aussprechen, ausser die Engländer).

Und sonst? Etwas älter, ja, mich schert’s nicht. Etwas griesgrämiger und kauziger – ganz bestimmt und zu Recht. Alle Verpflichtungen, die da und da und da warten, ungeduldig, fingerknackend. Und ich sitz hier auf dem Sofa und schieb alles vor mich her. Und bald muss ich ins Bett, aber ich will nicht. Ich will auch morgen nicht raus, nur weil die Sonne scheint und alle wie deppert um den See rennen im Gleichschritt neben Kinderwagen und Rollerbladern und einzig und allein Glace ist toll, aber macht dick und ich trink nicht mehr – hab ich schon gesagt?

Ich weiss nicht, wann ich aufgehört habe, mich zu bemühen. Es ist 22:55 – Schnapszahl. Den Schnaps vermiss ich kein bisschen, auch nicht die fiesen Alkis in den Bars und am allerwenigsten mein verkatertes Arschgesicht. Aber ich vermiss es, dass mein Kopf Pause macht und vor sich hindödelt. Ich vermiss die Ungewissheit, die Nacht, die alles verspricht und alles von dir nimmt. Die Weite in der Brust, die sich am nächsten Morgen als Leere entpuppt. Das vermiss ich ein bisschen, ein ganz kleines bisschen vielleicht.

Aykut Aydoğdu

Aykut Aydoğdu

Another Day in the Books

Posted in Allgemein on Freitag, 29. März 2019 by badana

Der da sitzt an der Bushaltestelle und kotzt in seine Tasche rein. Die Tasche ist rot und es ist Tag und ich frage mich, ob er betrunken oder krank ist. Ich frage mich, ob ich ihm meine Wasserflasche reichen soll. Da – nimm einen Schluck – er schaut mich verdattert an – ich kann sie ja später heiss auswaschen (kleines Lächeln) – denk ich. Das müsst ich tun, als guter Mensch, anderen helfen. Ich denke das ganze Gespräch, das nie stattgefunden hat und nie stattfinden wird. Und das alles, während ich deiner Stimme lausche, die Sonne knallt hart gegen meine Kopfhaut. Wir sind so verkrampft, du und ich. Wir bemühen uns, locker zu sein, ganz locker und ich beisse die Zähne zusammen, um nichts Falsches zu sagen, also sage ich wenig. Manchmal weiss ich nicht, was ich hier soll, was ich mit dir soll und du mit mir. Wir mühen uns ab, ich in dieser erbarmungslosen Mittagssonne stehend und du da am anderen Ende der Leitung, in deiner halbaufgeräumten Wohnung – ein jeder für sich und ganze Ozeane aus Zement zwischen uns, und dieser Typ da, der in seinen roten Hipsterbeutel kotzt.

Manchmal kommt die Angst wie ein Gewitter im Dunkel und Blitze erhellen den Himmel und lassen die Nacht kurz zum Tag werden. Mein Kopf spielt mir Streiche, hinter jeder Ecke lauert Abschied und Verrat. Geister aus der Vergangenheit suchen mich heim. Neinnein, euch will ich nicht. Euch nicht, das ist vorbei. Ich bin jetzt eine andere, eine, die lacht und nicht dauernd trauert hinter geschlossenen Rollläden. Nein, ich bin jetzt die mit den farbigen Kleidern ohne Lippenstift, die mit den Turnschuhen, die mit dem Muskelkater und dem störrischen Jasmin auf dem Fensterbrett. Ich bin die mit der neuen Wohnung, die mit der Liebe im Bauch, die, die nicht trinkt und die, die Glück hatte im Leben. Ich bin jetzt eine von denen und trotzdem fühl ich es nicht, ich fühle nichts und schäme mich und hoffe, dass ich irgendwann begreifen werde, wie kurz das Leben ist, viel zu kurz, um immer neben sich zu leben und ausgeschlossen zu sein aus allem, vor den erhellten Fenstern der Welt wartend darauf, dass sie einen endlich hereinlässt ins Warme.

Edward Hopper’s Night Windows, 1928.

Edward Hopper’s Night Windows, 1928.

Immer so

Posted in Allgemein on Montag, 7. Januar 2019 by badana

Die Trauer kommt in Wellen, die Wut als Flut, die über mich überschwappt. Immer ist das Leben etwas hässlicher als erhofft, etwas kleiner und langweiliger als in der Vorstellung.

In meinem Kopf stehst du wartend da, wir fallen uns in die Arme. Die Welt begrüsst uns freundlich von allen Seiten, es schneit, aber ist nicht kalt. Die Bilder funkeln uns an, der ältere Herr im Café, lächelt und liest Zeitung.

In Wirklichkeit kommst du zu spät, ich bin abgekämpft und müde. Meine Füsse sind eingefroren und mir läuft die Nase. Wir müssen überall warten, es hat keinen Platz im Restaurant und du bist den ganzen Tag so abwesend, dass ich mich einsam fühle.

Doch dann, am nächsten Morgen, drehe ich mich zu dir um, umarme dich, döse vor mich hin. Du murmelst, bist warm und ich wünschte mir, dass dieser Augenblick ewig währte. Ich atme tief in den Raum, in deinen breiten Rücken und ich bin so aufgehoben, so unglaublich aufgehoben wie noch nie. Dann, dann sind Welt und Vorstellung eins, deckungsgleich. Nichts ist verschoben und schief und ich frage mich, ich frage mich, weshalb kann es nicht immer so sein.

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Peter Doig

Es ist nicht laut

Posted in Allgemein on Dienstag, 18. Dezember 2018 by badana

Grau in Grau – die Wolkenkratzer vor meinem Fenster werden fast vom Nebel verschluckt. Ich höre Baustellenlärm, das harte Schlagen von Metall gegen Metall. Menschen eilen vorbei, die Krägen hochgestellt. Wenn sie Hüte tragen würden, wäre das Bild perfekt.

In meiner Stube ist es wohlig und warm. Ich trinke Kaffee, schaue Trickfilme und erfreue mich an der Langsamkeit des Tages. Es klingelt an der Türe und ich ziehe die Decke über den Kopf. Ich brauche Zeit, so viel Zeit kann es gar nicht geben. Jeder Abend eine Wonne, ich zähle die Stunden, die ich mein nennen kann, bevor der Tag zu Ende geht. Das Telefon klingelt, man will etwas von mir und ich will nur so wenig wie möglich: Ein wenig liegen, etwas lesen, aus dem Fenster schauen hie und da, Briefe lesen aus der Ferne, nachdenken (nicht zerdenken), Lieder aus der Kindheit summen, die Küche aufräumen und sie wieder durcheinanderwirbeln.

So sieht das Glück aus für mich. Es ist nicht laut, nicht betrunken. Es tritt leise auf und bleibt dafür lange zu Gast.

Wenn du neben mir sitzt, dann geht mir das Herz auf. Die Tränen von Jahrzehnten kommen in mir hoch. Du trocknest sie, hörst mir schweigend zu und heilst mich von uralten Verletzungen. Ich bin dir schon jetzt so dankbar, dass ich nicht weiss, wohin mit all meinen Gefühlen. Ich verstaue sie in Glasbehältern neben dem Reis, den Bohnen und stelle sie zu den Putzmitteln in den Abstellraum.

Das erste Mal seit langem fühlt es sich an, als wär ich echt, als wär ich angekommen. Dr. Fritz will mir böse Dinge einflüstern. Du sagst: Lass es nicht zu, ich bin da. Ja, ich kann es nicht fassen, aber du bist da.

So ist das Glück. Es bleibt lange.

Dimitris Tamvakos

Dimitris Tamvakos

Knack

Posted in Allgemein on Dienstag, 30. Oktober 2018 by badana

Ein leises Knack und ein Knochen bricht, zum Glück ist es nicht der Nacken. Knack und ich liege hier, wochenlang und schaue aus dem Fenster, wie die Welt vorüberzieht. Geister umringen mein Krankenbett, auch gute sind darunter, die erinnern an Maisfelder in der Nacht und die Grosseltern, die schon lang tot sind.

Ich bin heute wahrscheinlich etwas weniger interessant als gestern. Einerlei. Es ruht etwas tief in mir, es lässt mich schlafen, müde werden, nichts tun. Manchmal strecke ich mich, strecke meine Arme nach dir aus, umarme dich, die Schmerzen lassen nach – weit hinten noch ein Pochen, beinahe freundlich.

Du zeigst mir ein Filmchen und ich liege neben dir, betrachte deine Hände, Finger mit kleinen Nagelbeeten, du lachst und schaust mich fragend an, ich lache mit. Vor den Fenstern lärmen Menschen und ich wünsche mir, dass wir ewig so bleiben, Wange an Wange. Sobald ich es denke, entfernst du dich.

Ich weiss, es kann nicht immer so sein. Aber ich denke gerade, dass mir viele Dinge unwichtig geworden sind, die schon immer unwichtig waren. Du aber drehst dich immer noch um dich, wirst müde, sinkst ein. Ich lass dich, sorge mich, werde ruhig, schlafe ein, schlafe aus. Such mich dort, wo es nach warmem Brot riecht und wo trockene Blumen auf dem Tisch stehen. Mein Licht soll dich durch die regnerische Nacht bis hin zu meiner Türschwelle führen.

So einfach ist es, so einfach kann es sein.

Alex Ravkina.

Alex Ravkina.

 

Nach Hause

Posted in Allgemein on Freitag, 21. September 2018 by badana

Ich warte seit Stunden an diesem gottverlassenen Bahnhof in der Pampa. Keinesfalls möchte ich hier länger bleiben. Alles in mir schreit nach Aufbruch. Und doch lass ich jede Gelegenheit zur Abfahrt wieder verstreichen, beobachte die Reisenden, wie sie aussteigen, einsteigen – ich bleib sitzen und scharre mit den Füssen auf dem Asphalt.

Denn wenn ich jetzt aufstehe, jetzt aufstehe und in einen dieser Züge steige, dann komme ich nie wieder zurück. In der Ferne werde ich eine andere sein und mit anderen sein. Ich werde nicht zurückschauen, denn ich kenne keine Reue. Verstehst du.

So sitz ich also hier, während die Sonne untergeht. Mein Magen knurrt und mich friert. Der Sommer neigt sich seinem Ende zu. Gerne würde ich jetzt etwas tun, um die Zeit totzuschlagen, aber ich habe alles vergessen – alles, was mir hier wichtig war. Es gibt jetzt nur noch mich und diesen gottverlassenen Bahnhof in der Pampa.

Auch wir sind vergangen. Ein schaler Nachgeschmack ist geblieben. Ich bin ich und du bist du. Daran wird sich nie etwas ändern. Zwischen uns türmen sich Wolkenkratzer, Kräne, ausrangierte Güterwagen – Berge von Metall.

Ich möchte hier noch eine Weile sitzen und die Reisenden beobachten, die zärtlichen kleinen Gesten, die Abschiedsküsse, Hände, an Fensterscheiben gepresst. Ich möchte hier noch eine Weile sitzen. Vielleicht in der Hoffnung, dass du mich zurückholst, mir den Arm um die Schulter legst, mich nach Hause bringst, nach Hause zu dir.

Ron Hicks.

Ron Hicks.