Heimatlos

Posted in Allgemein on Sonntag, 12. November 2017 by badana

So, du zeichnest und ich schaue auf deine hohe slawische Stirn und würde gerne meinen Namen darauf einprägen. Damit du mir gehörst, nur mir. Dein sturer Balkankopf, der auf meinen trifft, ein Aufeinandertreffen von Titanen. Und niemand wird gewinnen, das wissen wir beide schon jetzt.

Nichtsdestotrotz drehen wir uns in diesem absurden Spiel der Gefahren. Jeder für sich. Wir sind uns so fremd und trotzdem würde ich deinen Schatten erkennen – ja, jetzt zeichnest du einen Tiger, der den Schatten einer Taube frisst. Ich frage dich: Wieso? Und du sagst: Die Taube ist frei und er kann nur ihren Schatten greifen, begreifst du?

Ich sage ja und muss mein Lachen herunterstossen, damit es nicht hervorbricht. Nein, ich will dich nicht auslachen. Tatsächlich verstehe ich viel im Leben, aber das Herz, das wilde Herz, das will gar nichts verstehen und nichts begreifen. Es trifft sich nur so, dass in diesem Land der Kopf regiert und ich möchte nicht anders sein als die anderen.

Darum sitze ich hier, in einem schwarzen Angorapullover, dir gegenüber, der du zeichnest, Tiere, die andere Tiere fressen, die schon längst nicht mehr da sind.

Ja. Du wirst auch erst begreifen, dass ich mal da war, wenn ich nicht mehr da bin. Ich bin schon jetzt traurig, für dich, für mich. Alles gut. So soll es sein, so muss es sein. Ich will es so.

Homeless-woman-NYC-98cm-x-56cm-39in-x-22in.jpg

Homeless woman, NYC Oils on canvas 98 x 56 cm

Advertisements

Chiello

Posted in Allgemein on Sonntag, 12. November 2017 by badana

Sie erwachte nassgeschwitzt und unausgeruht. Es schien ihr, als hätte sie im Traum Kontinente durchquert, mit Siebenmeilenstiefeln, als wäre sie auf der Flucht gewesen vor jemandem, vor allem. Am liebsten hätte sie jetzt ihn angerufen, seine Stimme gehört, die ihr so lange gefehlt hatte, ohne dass es ihr bewusst gewesen war. Man kann alles und jeden vergessen, wenn man will – dachte sie, und ging den neuen Tag lieblos an, als wäre er eine Mühsal, die es nur hinter sich zu bringen galt. Gerne hätte sie sich betrunken, Zigaretten geraucht, bis die Lunge brannte, sich abgelenkt, getanzt, in fremde Gesichter geblickt.

Stattdessen begann sie wieder Listen zu schreiben, Ordnung reinzubringen, in ihr unordentliches Leben, Oberflächen zu putzen, bis sie glänzten, Erinnerungsstücke wegzuwerfen, deren Anblick sie wehmütig werden liess. Sie öffnete alle Fenster, liess kalte Novemberluft hinein, hörte etwas zu laut zu donnernde Musik und druckte Hunderte von Seiten aus über Holzstiche aus dem 16. Jahrhundert. Die Wohnung wurde eisig und sie hüllte sich in ein schwarzes Alpaca-Tuch, brühte einen Tee auf und kam sich wahnsinnig erwachsen vor.

Auch später widerstand sie allen Versuchungen (die einzigen Arme, die sie heute umarmen dürften, sollten die von Morpheus sein), sperrte alle Fenster zu, alle Türen, ihr Herz und ihren Mund, legte sich ins Bett, starrte an die Decke und dachte einfach wieder mal darüber nach, wie unglaublich langweilig sich doch ihr Leben bisweilen gestalten konnte – an einem Samstagabend, in einer mittelgrossen Stadt, irgendwo auf der Welt.

poster-der-tod-und-die-frau-380194

Hans Baldung Grien: Der Tod und das Mädchen

Alles gesagt

Posted in Allgemein on Montag, 6. November 2017 by badana

Mein Herz, ein totes Stück Holz, ist zwischen deinen Fingern zerbröselt. Nun nähe ich mir Kleider aus purpurnem Samt mit hohen Krägen, die mein blasses Gesicht verdecken. Ich schreite so durch lärmige Strassen und zähle die Lichter der Nacht. An mir ziehen Menschen vorbei – ich sehe sie nicht. Einerlei – sie sind ja alle gleich und ich habe ein Ziel. Ich will dorthin und dahin und nie stehenbleiben, nie zurückblicken. Ich erinnere mich nicht an deine zuckenden Knie, nicht an deinen rauchenden Mund. Du liegst in einem verstaubten Archiv, dessen Schlüssel bereits verloren ist. Wunder dich nicht so: Ich hab dir alles gesagt, immer alles gesagt, aber du hast etwas anderes verstanden. Ich habe dir erzählt vom Holz in meiner Brust, vom Gift auf meiner Zunge, von der umbarmherzigen Kälte, die mich umgibt. Du wolltest nicht hören. Lieber Träume von uns weben und dich zeichnen, wieder und wieder, auf Leinwände in verschiedenen Grössen, mal mit Wachsmalstiften, mal mit Pinsel oder Graphit. Doch alle Bilder waren gleich und ich sah keinen Unterschied und verzweifelte ob meinem trüben Auge, das immer wieder in die Ferne schweifte. Weisst du denn nicht? Ich möchte mich meist vergessen und auch die anderen. Weisst du das denn nicht? Oder ist es dir einfach ganz und gar egal?

tumblr_n5opq0QJDD1qb4p3ko1_500

Nicola Samori, 2011.

Worried

Posted in Allgemein on Montag, 30. Oktober 2017 by badana

Ich will überallhin

Posted in Allgemein on Dienstag, 24. Oktober 2017 by badana

Der Kopf ganz schwer vor Krankheit und Langeweile, sinkt tiefer und tiefer ins Kissen – hinein in den eigenen Abgrund. Ach ja, da war ja noch was an Gedanken, das drängt: Was alles habe ich nicht, was alles bin ich nicht und will es sein und steh neben mir und schau mir zu, beim Leben vorgeben. Nun denn: Ich schreibe Listen auf die Schlafzimmerwände, die mich umgeben, mich einfangen wollen, in diesem Herbst, der farbige Laubblätter bringt und neue Gerüche aus der Fremde. Ich möchte die Wut ganz fest in meinem Bauch bewahren, alle sollen gehen, wenn sie wollen – da ist die Tür und da ein Fenster, man bricht sich hier nichts beim Verlassen des Gebäudes. Ich lebe im Erdgeschoss, es ist ganz leicht. Mein Durst ist gross nach Abenteuern, aber hier wird niemand gezwungen, alle können langweilig sein und klein oder so tun, als wären sie einzigartig. Jeder kann wählen, was ihm beliebt.

Ich rekapituliere: Einer holt seine Bilder nicht, einer ist böse und schön, einer von ewigen Nebelschwaden umgeben und verloren, einer will mich zerfetzen und sieht mich nicht und einer, der soll von mir gesehen werden und will mich – hier und jetzt. Aber an diesen Tagen wütet ein wilder Wind, der mich in alle Richtungen mitreisst. Und ich will überallhin – da gibt es kein Wehren, kein Zaudern, kein Hadern. Es gibt nur ein kämpferisches Vorwärts, es gibt Lust und Liebesbisse und zuckende Tänze in den orangeroten Sonnenaufgang.

Schau nicht so. Lies nicht mit. Ich will nicht schlafen, nicht ruhen, nicht sanftmütig sein. Lass mich lodern und toben, dabei gesunden und den Schmerz verlorener Schlachten abwerfen. Diese Wände voller Worte niederreissen, denn die Zukunft soll nicht mehr geplant sein, sie soll kommen, wie sie will. Ich bin bereit, ich stehe hier – und schaue ihr, das erste Mal in meinem ganzen Leben, mit offenem Herzen und Demut entgegen.

Markus Schinwald

Markus Schinwald

Es gibt doch so viele davon

Posted in Allgemein on Dienstag, 17. Oktober 2017 by badana

Und da bist plötzlich du vor meiner Tür. Mitten in der Nacht, mit einem Kiesel im Schuh. Betrunken, schwankend, hart. Dein Blick streift mich nachlässig, deine Finger greifen flüchtig nach mir. Was willst du hier. Wie kannst du so durch die Welt gehen, dich zugrunde richten. Wieso hast du gerade meine Tür gewählt. Wieso nicht irgendeine andere. Es gibt doch so viele davon.

Nundenn: Geh das nächste Mal an meinem Haus vorbei. Meine Fenster sollen dunkel bleiben, kein Licht wird angehn, auch wenn du klingelst, klopfst und pfeifst. Keine Arme werden dich empfangen, wenn du über die Schwelle stolperst, in mein Leben rein, um Verwüstung anzurichten.

Lass mich fortan sein, lass mich alleine schlafen, Wasser trinken, Deutsche Lieder hören, du verstehst sie ja doch nicht. Schau mich nicht mehr an, wend dich ab, setz deinen Weg fort ins Ungewisse. Stell dir vor, es gibt mich nicht, nicht meine Hände, nicht meine Geschichten, hingeflüstert in die Dunkelheit, während dein müder Körper Gift ausschwitzt.

Doch heut Nacht, nur noch einmal – lass mich dich betten in meiner unendlichen Wärme. Auf dass du Kraft tankst für deine endlosen Kämpfe gegen dich selbst.

Luisa_Rivera

Luisa Rivera

I want to write dark poems for you. My paintings will mourn your loss during a silent Sunday night. All my clothes will turn black. It’s ok. You ride your bike and I look through the window to the men cleaning graffitis. I feel happy for one minute. It’s ok.

 

Let the Rain Beat upon Your Head with Silver Liquid Drops.

Posted in Allgemein on Montag, 2. Oktober 2017 by badana

Nein, ich werde mich nicht in dich verlieben. Mein Herz ist gerade hart und unnachgiebig. Meine Augen peitschen dich, mein Mund reisst dein Fleisch in Stücke. Du schaust durch mich hindurch auf die Wolkenkratzer deiner Phantastereien. Ich rede von mir und du von dir. Wir drücken uns gegenseitig in den Staub. Lassen uns büssen für die Vergangenheit des anderen.

Ich zähle die blauen Flecken an meinen Beinen und denke darüber nach, wie viele Tage vergehen werden, ehe du mir entfällst. Vielleicht sind es drei, die ich fülle mit Wissenschaft, schwarzem Kaffee und rotem Lippenstift. Nichts hält ewig, wenn man es nicht festhält.

Let the rain kiss you. Let the rain beat upon your head with silver liquid drops. Let the rain sing you a lullaby.

(Langston Hughes)

Egon Schiele, Nude Self-Portrait in Gray with Open Mouth, 1910.

Egon Schiele, Nude Self-Portrait in Gray with Open Mouth, 1910.