Suche dich

Posted in Allgemein on Sonntag, 8. Juli 2018 by badana

Die Sehnsucht treibt mich tief hinein in die Nacht. Ich irre auf Strassen herum, suche dich in verlassenen Hinterhöfen, frage herumstreunende Hunde nach deiner Spur und rauche mir die Lunge teerig. Auch wenn es nur ein Schatten deiner selbst ist und wir in Wirklichkeit nicht zusammengehören – ich verzehre mich nach dir. In meinem Kopf vermengen sich Wahn und Vorstellung, du trägst Myriaden von Gesichtern. Ich weiss nicht mehr, wer du bist.

Menschenmengen überall, ich dränge mich an aufgerissenen Fassaden vorbei. Es wird gebaut, die Stadt verändert sich. Kräne ragen in den Himmel, Unkraut aus Metall. Wo bist du, wenn es dunkelt? Bist du allein und heulst wie ich den Mond an? Umarmst du jemanden, lässt ihn herein, in deine halbleere Wohnung, dein halbleeres Herz? Hast du jemanden gefunden, der dir stundenlang zuhört, dich in den Schlaf wiegt, der nie zu dir kommen will?

Ich erlaube mir nur selten, an dich zu denken. Und wenn, dann schüttle ich dich schnell wieder ab. Du bist nicht mehr willkommen in meinem Kopf. Ich verbiete mir dich jeden Tag von vorn. Doch manchmal, da treibt mich die Sehnsucht tief hinein in die Nacht. Ich irre auf Strassen herum, suche dich in verlassenen Hinterhöfen, frage herumstreunende Hunde nach deiner Spur und rauche mir die Lunge teerig. Und manchmal, da frag ich mich: Wo bist du, wenn es dunkelt?

Tanja Jeremic

Tanja Jeremic

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Detox

Posted in Allgemein on Donnerstag, 5. Juli 2018 by badana

Tja, so häng ich also hier rum. Vor einem kleinen Minze-Tee und einem säuerlichen Birchermüsli. Während dieser Tage lese ich unverständliche Gedichte, mach den dreibeinigen Hund und meide alle giftigen Bösewichte. Man flüstert mir ins Ohr, ich solle mich in Achtsamkeit üben, um zu mir zu finden, dann wiederum, dass Selbsttranszendenz gerade in diesen narzisstischen Zeiten unentbehrlich ist und schliesslich, dass ich nur durch Läuterung zu mir oder von mir wegfinden kann. Ich bin tiefenentspannt und tiefenverwirrt, träume viel und schlafe wenig. Die Tage dehnen und strecken sich und das Glück tritt anders auf, in kleinen Mini-Dosen – wenn das Sonnenlicht durch die Bäume bricht und ich mit dem Velo über menschenleere Seitenstrassen radle – wenn die zwei braungebrannten Schweizer mit Lederhaut sich in der Badi zwinkernd den Doppeladler zeigen – wenn ich jemanden so fest zum Lachen bringe, dass ihm der Kafi aus der Nase spritzt und die Tastatur besudelt – dann, ja, dann, bereue ich es nicht, dass ich die meisten Abende alleine zu Hause verbringe, mich einsperre und ausharre bei Philosophie und verstörenden französischen Schwarzweiss-Filmen aus den 60ern – gierig auf meine Katharsis wartend, damit ich besser werde oder irgendwas.

Ich bereue es nur, also dies alles, den Lifestyle, mein Life, wenn jemand lachend an meinem Fenster vorüberzieht, mich mitten in der Nacht dadurch weckt, ich schlaftrunken auf die Uhr blicke und denke
– fuck, früher wärst du jetzt da und da und würdest das und das
und ich schlaf wieder ein und denk dabei
– noch 5 Stunden, ich muss noch 5 Stunden schlafen, so mega lange noch schlafen und was mach ich morgen, mit all der Zeit, jetzt, wo all die Selbstzerstörungswut sich in die Karibik verpisst hat und ich und mein nettes Ich uns gegenseitig Herz-Emojis und Mandelblüten-Naturkosmetik auf den Bauch pinseln, Scheisse.

Dann werd ich kurz wütend, da ich irgendwie doch viel besser damit umgehen kann, wenn ich dauernd verkatert bin und Dummheiten anstelle und eben doch den zurückgebliebenen Pavianärschen zurückschreibe, auch wenn ich nachher wieder heulend im Bett liege und so Sachen nachlese wie „9 Signs how to know he is a sociopath“.

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Normal 0% – oder was?

Alles gut

Posted in Allgemein on Freitag, 29. Juni 2018 by badana

Der Sommer ist bald vorbei, weisst du?

Was wird danach übrigbleiben, ausser einigen Blessuren, Bikinistreifen und dem Bedürfnis, ganz lange in einer einsamen Berghütte zu hocken? Nicht viel, vielleicht nichts – okay cool.

Ja, so sickern die Sonnenstrahlen durch unsere Finger. Durch meine und deine. Und ja: Während die Welt dem immergleichen Wahnsinn verfällt, ich die schlechten Nachrichten horte wie unangenehme Erinnerungsstücke und versuche, dem eskapistischen Fussballgejohle zu entrinnen (ja, du auch, ich seh dein Lächeln in die Kamera, Daumen hoch, Mittelfinger, dein Lächeln, nicht durchgezogen, so kontrolliert, my dear), schwelgen manche in verpassten Gelegenheiten. Es ist schön, sich in anderen Augen zu spiegeln, vor allem, wenn man nicht bei sich ist, nicht wahr?

Und sonst so? Alles gut. Ein Sturm in mir oder zwei. Das Telefon ist aufgeregt, ich stopf es unter das Kissen und schlaf darauf ein. Ich lasse überflüssige Kritzeleien aus meiner Wohnung verschwinden, lösche schmollende Kontakte und kaufe ein Fahrrad. Es ist blau und ich liebe es innigst. Damit kann ich endlich Fische jagen, durch die Stadt flitzend Fische jagen. So wie du.

Ein schmutziger Strom

Posted in Allgemein on Samstag, 23. Juni 2018 by badana

Ich kann keinen festen Fuss fassen im Leben – heult sie, sie heult und heult schon seit Stunden in meiner Küche. Ich schaue sie rauchend an. Der Rotz tropft ihr von der Nase auf die Oberlippe, sie leckt ihn weg und ich wende meinen Blick ab. Verstehst du, was ich meine – beschwört sie mich und ich nicke beschwichtigend in Richtung meiner weissen Turnschuhe. Nein, eigentlich keine Ahnung, aber ich sag das nicht laut. Das Leben erscheint mir wie eine willkürliche Abfolge von Tagen, nichtssagend, traumlos. Trotzdem scheine ich seit eh und je auf irgendetwas zu warten, auf mein Vergehen vielleicht, meinen sanften Untergang, meine Beisetzung in schwarzer Erde – möge sie mir leicht sein, auf dass ich zu guter Asche werde, fruchtbarer: In mir sollen Pflanzen wachsen, Punkt.

Zurück: Ich möchte sie gerne aus meiner Wohnung werfen und sehne mir innig ein Verebben ihrer Traurigkeit herbei. Wenn es wenigstens regnen würde, aber nein, die Sonne scheint mit einer Dreistigkeit ins Zimmer, dass es weh tut. Weiter im Text: Es geht ihr um das, nein das, sie will es mir erklären, was sie genau meint und warum das alles mit ihrer Kindheit zu tun hat. Mit ihrem Vater, der sie nicht genügend beachtet und mit ihrer Mutter, die sie zu sehr beachtet hat. Ich habe Hunger, will ihr aber nichts anbieten, um ihre Existieren in meinem Beisein nicht noch zu verlängern. Wenigstens erwartet sie keine Antwort, keine Abfolge von leeren und floskelhaften Worten, die ich mit grossem Widerwillen auf die Tischplatte zwischen uns speien müsste. Wenn es doch wenigstens Alkohol gäbe, aber nein, vor mir thront spottend eine Tasse Nieren- und Blasentee, der langsam kalt wird. Sie hat ihr Ingwerwasser ausgetrunken – ich bleibe störrisch sitzen.

Verstehst du – fleht sie nochmals, Punktpunktpunkt, und ergreift plötzlich meine Hand. Ich sage etwas zu laut JA und starre auf ihre bleiche Klaue, die meine umklammert hält, so sehr umklammert hält, dass ich grünbläuliche Adern durch ihre Haut schimmern sehe. In mir regt sich Wut. Klammer auf: All diese Berührungen, all diese Worte, diese Erwartungen, all diese Gegenüber, diese Beisitzer, Danebenlieger – mit ihren Köpfen, in denen fröhlich Chabis und Nüsslisalat zu wachsen scheint. Sie sitzen mir gegenüber, stehen, schauen, labern mich voll, sind immer da, wollen immer etwas und nichts und dazwischen, dazwischen lassen sie mir einen klitzekleinen Raum, eine Miniatur-Vorratskammer, in der ich mich unterzubringen habe – oder sonst aus dem Bild plumpsen muss, Klammer zu. Ich denke schliesslich an Nietzsche und zünde mir eine Zigarette an, obwohl mir sofort schlecht wird, der Magen sich zusammenkrampft und in meinem Mund nichts anderes als der Geschmack einer abgestandenen Erinnerung zurückbleibt. Ich denke und rauche trotzdem:

„Wahrlich, ein schmutziger Strom ist der Mensch. Man muss schon ein Meer sein, um einen schmutzigen Strom aufnehmen zu können, ohne unrein zu werden.“

(Friedrich Wilhelm Nietzsche: Also sprach Zarathustra. Ein Buch für alle und keinen, Kapitel 4.)

Fische jagen

Posted in Allgemein on Mittwoch, 20. Juni 2018 by badana

Dieser Sommer, so heissheiss. Alles tropft, die Blumen spriessen, die Schnecken vermehren sich in Windeseile. Ich lass sie machen, esse Eis am Stiel unter meinem gestreiften Sonnenschirm. Weiss, Orange, Weiss, Orange, dann das stechende Blau des Himmels. Die Hitze lässt mich wegdämmern, ich träume vom Meer, Salz auf meiner Haut. Stimmen vom Strand, die sich unter das Geräusch der Wellen mischen. Deine Küsse schmecken nach Urlaub, Sorglosigkeit. Ich packe meine Dämonen zu den Winterkleidern in den Keller und versuche, dich nicht gleich wieder zu vertreiben. Denn du bist nettnett, bist du zu nett für mich und meine Hirngespinste? Ich hoffe nicht und hoff, ich bin auch nicht zu nett für dich. Lass dich kurz links liegen, damit wir wieder locker werden. Sicher willst du jagen, durch den Sommer auf deinem Fahrrad Fische jagen. Meine Welt ist so viel dunkler als deine.

Ich hatte dich vergessen

Posted in Allgemein on Montag, 11. Juni 2018 by badana

Du. Ich hatte dich vergessen. Denn Zeit vergeht und ich geh mit ihr. Nun stehst du wieder in meiner Küche. Langgliedrig, abwesend, und wieder da. Ich möchte dich schütteln, dich auf die Strasse werfen, dich fragen, was das soll. Du plötzlich wieder da, mit Bier in deiner Hand, einer selbstgedrehten Zigarette, die bisschen schief liegt zwischen deinen schlanken Fingern. Nie komme ich dazu, dir etwas zu sagen: Jedes Wort von mir lachst du weg, rauchst du weg, schiebst du weg, streckst dich aus auf meinem Bett und flüsterst mir ins Ohr. Ob ich das will – was will – ich weiss es nicht. Dein Griff wird enger um mein Handgelenk. Ich weiss nicht, was wir hier tun. Vielleicht töten wir die Tage, die uns an unsere Einsamkeit erinnern. Zusammen sind wir nicht allein. Du könntest auch jemand anderer sein oder ich. Es kommt eigentlich gar nicht drauf an. Das ist nur ein kurzer Sommer in einer kleinen Stadt in einem kleinen Land. Nichts hier ist wirklich von Bedeutung.

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Peter Brown: Early Evening, 2015.

Denn sie waren nie bei mir

Posted in Allgemein on Mittwoch, 6. Juni 2018 by badana

Vor meinem Fenster unterhalten sich zwei Männer über das kaputte Kopfsteinpflaster und zeigen vorwurfsvoll auf den zersplitterten Boden. Der eine meint, dass das sicher ein Lastwagen gewesen wäre und der andere sagt, dass da im Winter das Wasser reinlaufen und den ganzen Boden drumherum zerfetzen werde. Ich habe im Zimmer kein Licht angemacht, denn so kann ich unbemerkt durch das Fenster die Menschen draussen beobachten. Die Männer gehen davon und ich schaue ihnen mit Bedauern hinterher – sie sind mir fast schon ans Herz gewachsen. Gerne hätte ich ihnen noch weiter zugehört, wie sie über die Sauordnung wettern, die sich da unter ihren Birkenstocksandalen erstreckt.

Momentan bin ich mit meinem Garten beschäftigt, sprich seiner Neukonzeptionalisierung. Ich komme nur schwer voran, da es mir leichter fällt, meine Nase in saubere Bücher zu stecken als die Hände in Töpfe, in denen es vor Kreuzspinnen, Kellerasseln und Schnecken wimmelt. Ich verliere zu viel Zeit mit der funktional optimalen Einteilung meines Sitzplatzes, die ich rauchend und sitzend von meiner Treppe aus plane. Ich habe in einem fast schon vergessenen Keramiktopf viele Minigrips gefunden, die wohl jemand dort gebunkert haben muss. Der Regen hat die Drogen unkenntlich gemacht und ich frage mich, was aus der Person geworden ist, die sie hier versteckt hatte.

Während der Gartenarbeit denke ich pausenlos an die Vergänglichkeit. Manchmal stelle ich mir vor zu sterben und wie alle an meiner Beerdigung um mich weinen. Dann wieder sehe ich sie hinter meinem Rücken flüstern, ich sehe falsche Tränen und Menschen, die es nicht verdient haben, um mich zu trauern, denn sie waren nie bei mir, als ich lebte. Während der Abendhimmel allmählich seine Farben verliert, tauche ich ein in die Abgründe meines Kopfes und finde mich wieder in verschiedenen Szenarien eines möglichen Lebens, das so viele Scheidewege hinter sich bringen muss, bis es endlich irgendwann, irgendwo, irgendwie ankommen wird. Nur schon der Gedanke an dieses ganze Bangen und Ringen macht mich müde und ich lege mich nieder auf den vom Sommertag aufgeheizten Sitzplatz – auf Erdkrümel und kleine Steinchen bette ich meinen Kopf und schaue in den Himmel, der mir heute leider gar kein Happy End zu versprechen vermag. Weit oben sehe ich einen Punkt; er bewegt sich nur leicht und sein sanftes Glühen begleitet mich in einen traumlosen Schlaf.

Lourdes Castro: Sombra Projectada de Claudine Bury, 1964.

Lourdes Castro: Sombra Projectada de Claudine Bury, 1964.