Knack

Posted in Allgemein on Dienstag, 30. Oktober 2018 by badana

Ein leises Knack und ein Knochen bricht, zum Glück ist es nicht der Nacken. Knack und ich liege hier, wochenlang und schaue aus dem Fenster, wie die Welt vorüberzieht. Geister umringen mein Krankenbett, auch gute sind darunter, die erinnern an Maisfelder in der Nacht und die Grosseltern, die schon lang tot sind.

Ich bin heute wahrscheinlich etwas weniger interessant als gestern. Einerlei. Es ruht etwas tief in mir, es lässt mich schlafen, müde werden, nichts tun. Manchmal strecke ich mich, strecke meine Arme nach dir aus, umarme dich, die Schmerzen lassen nach – weit hinten noch ein Pochen, beinahe freundlich.

Du zeigst mir ein Filmchen und ich liege neben dir, betrachte deine Hände, Finger mit kleinen Nagelbeeten, du lachst und schaust mich fragend an, ich lache mit. Vor den Fenstern lärmen Menschen und ich wünsche mir, dass wir ewig so bleiben, Wange an Wange. Sobald ich es denke, entfernst du dich.

Ich weiss, es kann nicht immer so sein. Aber ich denke gerade, dass mir viele Dinge unwichtig geworden sind, die schon immer unwichtig waren. Du aber drehst dich immer noch um dich, wirst müde, sinkst ein. Ich lass dich, sorge mich, werde ruhig, schlafe ein, schlafe aus. Such mich dort, wo es nach warmem Brot riecht und wo trockene Blumen auf dem Tisch stehen. Mein Licht soll dich durch die regnerische Nacht bis hin zu meiner Türschwelle führen.

So einfach ist es, so einfach kann es sein.

Alex Ravkina.

Alex Ravkina.

 

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Nach Hause

Posted in Allgemein on Freitag, 21. September 2018 by badana

Ich warte seit Stunden an diesem gottverlassenen Bahnhof in der Pampa. Keinesfalls möchte ich hier länger bleiben. Alles in mir schreit nach Aufbruch. Und doch lass ich jede Gelegenheit zur Abfahrt wieder verstreichen, beobachte die Reisenden, wie sie aussteigen, einsteigen – ich bleib sitzen und scharre mit den Füssen auf dem Asphalt.

Denn wenn ich jetzt aufstehe, jetzt aufstehe und in einen dieser Züge steige, dann komme ich nie wieder zurück. In der Ferne werde ich eine andere sein und mit anderen sein. Ich werde nicht zurückschauen, denn ich kenne keine Reue. Verstehst du.

So sitz ich also hier, während die Sonne untergeht. Mein Magen knurrt und mich friert. Der Sommer neigt sich seinem Ende zu. Gerne würde ich jetzt etwas tun, um die Zeit totzuschlagen, aber ich habe alles vergessen – alles, was mir hier wichtig war. Es gibt jetzt nur noch mich und diesen gottverlassenen Bahnhof in der Pampa.

Auch wir sind vergangen. Ein schaler Nachgeschmack ist geblieben. Ich bin ich und du bist du. Daran wird sich nie etwas ändern. Zwischen uns türmen sich Wolkenkratzer, Kräne, ausrangierte Güterwagen – Berge von Metall.

Ich möchte hier noch eine Weile sitzen und die Reisenden beobachten, die zärtlichen kleinen Gesten, die Abschiedsküsse, Hände, an Fensterscheiben gepresst. Ich möchte hier noch eine Weile sitzen. Vielleicht in der Hoffnung, dass du mich zurückholst, mir den Arm um die Schulter legst, mich nach Hause bringst, nach Hause zu dir.

Ron Hicks.

Ron Hicks.

 

Und wieder

Posted in Allgemein on Samstag, 8. September 2018 by badana

Und wieder hab ich mich verloren.
Jedes Wort von mir schwer, weshalb.

Alles kostet Kraft. Das Aufstehen, das Atmen, das Lachen am meisten.

Ich möchte allein sein und kann es nicht. Suche dich ständig in meiner Wohnung, auch wenn ich weiss, dass du nicht da bist.

Vor mir fliehen, möchte ich. Weit weg sein von mir.

Die Traurigkeit lässt mich erstarren. Der Sommer verabschiedet sich und ich habe Angst vor allem.

Nur in deiner Umarmung kann ich kurz aufatmen. Aber du willst reden, reden, fragst und wartest, dass ich etwas sage. Dass ich glücklich bin. Ich bin es nicht, gräme mich darob. Es tut mir leid, dir tut es leid. Was sollen wir tun.

Darf ich dein Meer sein, in dem du ertrinkst?
Willst du meine Sonne sein, die mich verbrennt?

Sei mir nicht böse, ich kann grad nicht. Nichts. Mein nächster Schritt ist dieser und dann noch einer.

Alles andere muss warten.

Andrea Kiss.

Andrea Kiss.

Haut an Haut

Posted in Allgemein on Freitag, 24. August 2018 by badana

Wieder zurück aus den Bergen, der Stille. Vor meinem Fenster einhundert Baustellen mit den Melodien der Stadt. In meinem Kopf baut eine Schwalbe ihr Nest, obwohl es bereits gegen Herbst zugeht.

Mein Zuhause ist mir fremd geworden. Ich werde beäugt, betrachte andere. Zwischen mir und der Welt ein Daumennagel Abstand. Ich warte auf dich und doch nicht. Kommst du mich suchen, wenn ich dich lasse.

Am liebsten bin ich am Wasser. Das Geräusch der aufschlagenden Wellen bietet mir Trost. Ich denke an die Weite der Welt und sehne mich in deine Arme. Haut an Haut, du tanzt und mein Lachen sprengt das Zimmer.

Ich wollte bleiben

Posted in Allgemein on Dienstag, 31. Juli 2018 by badana

Es war schon spät. Die Nacht brach über die Stadt herein wie eine Krankheit.

Schau doch, sagte er und zeigte in die Ferne: Da sind wir, dort drüben, wo die Lichter blinzeln. Dort drüben leben unsere besseren Versionen – die, die ohne Makel sind, wagemutig und klar. Da sind wir gesund, zanken uns nie, nein, das liegt alles längst hinter uns, da wir wissen, dass es nichts bringt, dass das alles vergebene Mühe wäre. Wir ruhen in uns, bisweilen ineinander, ohne Angst und Scheu. Dort sind wir grossherzig und leidenschaftlich, fürchten keine Verluste, da wir im Grunde nichts verlieren können.

Und hier? – fragte ich ihn und zeigte auf die hiesige Seite des Sees.

Ja, hier – sagte er zögernd und seufzte.

– hier sind wir schwach, wir streiten, da wir nicht wissen, wohin mit uns und unseren kleinen Leben. Wir bewegen uns ängstlich durch die Welt, als wäre sie unser Feind, statt sie zu umarmen. Wir blasen uns auf, weil wir die Leere nicht ertragen und schirmen uns ab aus Furcht vor Blessuren. Wir sind immer auf der Hut und verpassen drum alles und bleiben allein, ein jeder in sich verwildert, gefangen, verirrt.

Schulterzuckend wandte er sich ab und liess mich dort zurück, mit meinem fehlerhaften, kleinherzigen Ich, das seinen Worten trotzen wollte. Ich begann Steine zu schiefern, doch die Dunkelheit verschluckte die Bilder und die Klänge wurden übertüncht vom dumpfen Bass einer Schiffsparty, die ganz in der Nähe stattfinden musste. Ich dachte nach über den See und das dortige Ufer, verwarf den Gedanken einer nächtlichen Überquerung, verschob sie auf den nächsten Tag oder den übernächsten und machte mich pfeifend, mit den Händen in den Hosentaschen, einen Schritt vor den andern ausholend, auf meinen steilen, langwierigen Weg zu dir.

Nerine Tassie: Dark Wave I.

Nerine Tassie: Dark Wave I.

„Aber ich wollte bleiben, mich häppchenweise verlieren und nie wieder aufsammeln.“ (Olga Grjasnowa: Der Russe ist einer, der Birken liebt. 5. Auflage 2015)

Suche dich

Posted in Allgemein on Sonntag, 8. Juli 2018 by badana

Die Sehnsucht treibt mich tief hinein in die Nacht. Ich irre auf Strassen herum, suche dich in verlassenen Hinterhöfen, frage herumstreunende Hunde nach deiner Spur und rauche mir die Lunge teerig. Auch wenn es nur ein Schatten deiner selbst ist und wir in Wirklichkeit nicht zusammengehören – ich verzehre mich nach dir. In meinem Kopf vermengen sich Wahn und Vorstellung, du trägst Myriaden von Gesichtern. Ich weiss nicht mehr, wer du bist.

Menschenmengen überall, ich dränge mich an aufgerissenen Fassaden vorbei. Es wird gebaut, die Stadt verändert sich. Kräne ragen in den Himmel, Unkraut aus Metall. Wo bist du, wenn es dunkelt? Bist du allein und heulst wie ich den Mond an? Umarmst du jemanden, lässt ihn herein, in deine halbleere Wohnung, dein halbleeres Herz? Hast du jemanden gefunden, der dir stundenlang zuhört, dich in den Schlaf wiegt, der nie zu dir kommen will?

Ich erlaube mir nur selten, an dich zu denken. Und wenn, dann schüttle ich dich schnell wieder ab. Du bist nicht mehr willkommen in meinem Kopf. Ich verbiete mir dich jeden Tag von vorn. Doch manchmal, da treibt mich die Sehnsucht tief hinein in die Nacht. Ich irre auf Strassen herum, suche dich in verlassenen Hinterhöfen, frage herumstreunende Hunde nach deiner Spur und rauche mir die Lunge teerig. Und manchmal, da frag ich mich: Wo bist du, wenn es dunkelt?

Tanja Jeremic

Tanja Jeremic

Detox

Posted in Allgemein on Donnerstag, 5. Juli 2018 by badana

Tja, so häng ich also hier rum. Vor einem kleinen Minze-Tee und einem säuerlichen Birchermüsli. Während dieser Tage lese ich unverständliche Gedichte, mach den dreibeinigen Hund und meide alle giftigen Bösewichte. Man flüstert mir ins Ohr, ich solle mich in Achtsamkeit üben, um zu mir zu finden, dann wiederum, dass Selbsttranszendenz gerade in diesen narzisstischen Zeiten unentbehrlich ist und schliesslich, dass ich nur durch Läuterung zu mir oder von mir wegfinden kann. Ich bin tiefenentspannt und tiefenverwirrt, träume viel und schlafe wenig. Die Tage dehnen und strecken sich und das Glück tritt anders auf, in kleinen Mini-Dosen – wenn das Sonnenlicht durch die Bäume bricht und ich mit dem Velo über menschenleere Seitenstrassen radle – wenn die zwei braungebrannten Schweizer mit Lederhaut sich in der Badi zwinkernd den Doppeladler zeigen – wenn ich jemanden so fest zum Lachen bringe, dass ihm der Kafi aus der Nase spritzt und die Tastatur besudelt – dann, ja, dann, bereue ich es nicht, dass ich die meisten Abende alleine zu Hause verbringe, mich einsperre und ausharre bei Philosophie und verstörenden französischen Schwarzweiss-Filmen aus den 60ern – gierig auf meine Katharsis wartend, damit ich besser werde oder irgendwas.

Ich bereue es nur, also dies alles, den Lifestyle, mein Life, wenn jemand lachend an meinem Fenster vorüberzieht, mich mitten in der Nacht dadurch weckt, ich schlaftrunken auf die Uhr blicke und denke
– fuck, früher wärst du jetzt da und da und würdest das und das
und ich schlaf wieder ein und denk dabei
– noch 5 Stunden, ich muss noch 5 Stunden schlafen, so mega lange noch schlafen und was mach ich morgen, mit all der Zeit, jetzt, wo all die Selbstzerstörungswut sich in die Karibik verpisst hat und ich und mein nettes Ich uns gegenseitig Herz-Emojis und Mandelblüten-Naturkosmetik auf den Bauch pinseln, Scheisse.

Dann werd ich kurz wütend, da ich irgendwie doch viel besser damit umgehen kann, wenn ich dauernd verkatert bin und Dummheiten anstelle und eben doch den zurückgebliebenen Pavianärschen zurückschreibe, auch wenn ich nachher wieder heulend im Bett liege und so Sachen nachlese wie „9 Signs how to know he is a sociopath“.

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Normal 0% – oder was?