Archiv für Januar, 2017

Alles neu

Posted in Allgemein on Montag, 30. Januar 2017 by badana

Es braucht nicht viel. Ein Auto. Landschaft, die im Zeitraffer vorüberzieht. Kaffee. Musik. Noch mehr Musik, die stark macht. Neue Lebensfreude nur wegen des Lichts, das in ein Zimmer bricht. Fremde Gesichter werden erforscht, dann vertraut. Zigaretten in frischer Luft, die nach Schnee riecht. Gutes Essen, schlechtes Essen, einerlei. Tee und Gespräche, die um Liebe kreisen. Wein aus gestohlenen Gläsern und niedrige Dächer, über die magere Katzen tänzeln.

Es braucht nicht viel.

Li Hui: The High Priestess of the Judgments.

Li Hui: The High Priestess of the Judgments.

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Dings

Posted in Allgemein on Dienstag, 24. Januar 2017 by badana

Wie heisst dieses Dings –

sie tippte sich mit dem Zeigefinger gegen das Kinn und war plötzlich weg. Da war der Ansatz eines Gedankens, ein Wort aus der Vergangenheit: Da war es plötzlich wieder und sie driftete ab. Tschäsen. Sie sagte es früher ständig. Tschäsen, ist der ein Arsch! Tschäsen, wer hätte das gedacht! Es war ein Ausdruck der Verwunderung, der Begrüssung, des Abschieds. In diesem Wort wurde alles klein und weich, befreit von Pathos, Tragik und Verletztheit.

Sie tauchte kurz auf. Stella was a diver and she was always down. Ihr Gegenüber wartete immer noch geduldig. Mhmm. Was sollte sie nun sagen, um die ellenlange Sprechpause zu legitimieren? Wovon hatten sie gesprochen?

Enten. Ja, die meisten Entenvögel sind monogam.

Entenvögel, jesses. Jetzt galt es, nicht zu lachen ob der eigenen Blödheit, sondern gescheit auszusehen, vielleicht sogar etwas nachdenklich – als wäre das Paarungsverhalten von Enten etwas, was neues Licht auf diese Situation werfen könnte, woraus man lernen könnte fürs Leben.

Das Gegenüber sah nicht aus, als würde es den Köder schlucken. Naja, auch egal. Wer war das überhaupt? Ein fremdes Gesicht, das in seine Einzelteile zerfällt. Wieso überhaupt reden, weshalb hier sein und nicht dort? Wenn nichts mehr wichtig ist, dann kommt die kleine Freiheit zu Besuch, nicht wahr?

Tschäsen, Fremder. Hau rein.

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Lim Cheol Hee

Du bist kalt

Posted in Allgemein on Sonntag, 22. Januar 2017 by badana

Ich besuche selten dein Grab. Meist lebe ich mein Leben so, als hätte es dich nie gegeben. Da ist ein Schatten, ein Nebel, der jeden Augenblick mit dir verschlingt. Manchmal, im Traum, da besuchst du mich und ich wehre mich nicht dagegen. Ich höre, wie du meinen Namen rufst, meist bist du blass und schutzlos. Und wenn ich die Augen öffne, da ist es, als wärst du nur kurz aufgestanden, um mir Kaffee zu kochen und um gleich wieder zurückzukehren in meine Arme. Gleich kommst du zu mir und pflasterst meine Haut mit kleinen Küssen. Gleich.

Die Zeit fühlt sich anders an. Sie ist zähflüssig und klebrig wie Sirup. Die Tage kriechen gebeutelt. Manchmal frage ich mich, wie man es schafft, Mensch zu bleiben und nicht zugrunde zu gehen. Ich weigere mich aufzugeben. Ich weigere mich, mich neben dich ins Grab zu legen. Denn du bist kalt und ich will es nicht sein. Musik aus alten Zeiten durchdringt die Watte, die mich fest umschlungen hält und alles von aussen abwehrt. Ich warte. Ich warte auf meine Wiedergeburt.

Vorstellung und Wirklichkeit

Posted in Allgemein on Freitag, 20. Januar 2017 by badana

Sie waren zu fünft. Fünf junge Typen ohne Gesichtsbehaarung, die seltsam schimmerten in der Dunkelheit – ihre Jacken, ihre Haare, ihr Schmuck. Sie hielten glänzende Aludosen in den Händen, kein Bier, nein, die heutige Jugend trinkt kein Bier, sondern Energydrinks. Sie waren laute Nervenbündel, die sich gegenseitig hochschaukelten und dabei im Staccato mit offenen Mündern Kaugummi kauten. Vielleicht wäre es besser gewesen, sie hätte die Strassenseite gewechselt, aber es war ihr egal und sie wollte nicht weichen, nicht nachgeben, diesmal nicht. Sie spürte die Wut in ihrem Bauch, ein harter glatter Ball, der rasch anschwoll, bis es in ihren Fingerspitzen zu prickeln begann. Natürlich liefen die Fünf nicht hintereinander, sondern versperrten trottend mit ihren riesigen Kunstfellkapuzen und herausgestreckten Ellenbogen das ganze Trottoir.

Sie blieb vor ihnen stehen. Die Fünf bauten sich breitbeinig vor ihr auf, sie trugen alle klobige Timberlands, die viel zu gross wirkten für ihre dürren Beinchen. Die Fünf produzierten weiterhin Lärm und sie blickte ihnen nacheinander kurz ins Gesicht. Der mit den schiefen Zähnen sprach zuerst – die Worte schienen zu sperrig für seinen kauenden Mund, er wälzte sie hin und her. Die anderen lachten zu laut.

Sie hörte gar nicht hin. Es machte keinen Unterschied, welche Beleidigung er ihr an den Kopf werfen wollte und was jetzt sein segelohriger Kollege draufsetzen würde. Sie hatte genug. Genug von diesem Winter, dieser Welt, den Menschen. Bevor sie begriff, hatte sie dem Schiefzahn mit einer schnellen und präzisen Bewegung in den Kehlkopf geschlagen. Knack. Das Knacken klang befremdlich in ihren Ohren. Wahrscheinlich hatte sie zu viel Bud Spencer geschaut, bei dem klangen die Schläge immer irgendwie lustig und harmlos: Bumm! Baff! Dieses Knacken klang wie ein Ast, der brach, oder wie eine DVD-Hülle, auf die man aus Versehen trat.

Aha. So unterscheiden sich also Vorstellung und Wirklichkeit, dachte sie überrascht und beinahe heiter, als sie ihren Spaziergang wieder fortsetzte. Hinter ihr umkreisten die Vier den Fünften, der nun am Boden lag und leise röchelte.

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Dante and Virgil in Hell by William-Adolphe Bouguereau, 1850.

 

Einatmen, ausatmen..

Posted in Allgemein on Sonntag, 15. Januar 2017 by badana

Und wieder von vorn: Einatmen, ausatmen.
Sonntage waren am Schlimmsten. Auch Pillen würden nichts nützen. Darum lag sie da und starrte die Decke an. Den immer gleichen Fleck.

Wie ein Papagei sieht das aus. Wie ein perfekt gezeichneter Papagei.

Oder hatte er Wellensittich gesagt? Die Erinnerung spielte ihr Streiche. Sonntage. Man müsste sie verbieten. Diese trägen Stunden, das Sofa, Toastbrot mit diesem orangen Schmelzkäse, der aus Deutschland kam. Natürlich hatte sie gewusst, dass Trauer in Wellen kam. Natürlich hatte sie gewusst, dass das Glück nicht lange währen würde, dass es verletzlich war und zart.

Glück wird überbewertet. Das Leben ist kein Ponyhof.

Hatte sie zu ihm gesagt. Sie war so eine Heuchlerin. Sogar zu feige, um sich einzugestehen, dass sie einfach glücklich sein wollte. Dauernd. Immer Sonnenschein. Saubere Wohnung. Viel Liebe. Heuchlerin. Es war leicht, sich einzureden, dass man das Elend verdient hatte, den Stress, die Rückenschmerzen. Es war leicht, sich zu opfern statt zu kämpfen.

Nein. Sie wollte Tomaten pflanzen und einsam sterben. Fernab von Zivilisation und schlechten Nachrichten.

Sonntage. Man müsste sie verbieten.

Gustav Klimt

Gustav Klimt

Was nun

Posted in Allgemein on Sonntag, 8. Januar 2017 by badana

Ab jetzt dauert das Leben nur jeweils einen Tag. Darüberhinaus herrscht Öde, ein gähnendes Nichts. Der Morgen ist ein Feind und ich schleife meine Messer, um ihn zu empfangen. Komm nur, komm nur! Muss nur noch den drängenden Wunsch nach ewigem Schlaf wegschieben, dann bin ich bereit für dich.

Ich hoffe, dass meine Tränen nicht versiegen, denn sie erinnern mich daran, dass ich das Glück nicht verdient habe. Dein Kuss ruht sanft und still auf meiner Wange. Ich zerbreche in kleine Einzelteile. Man wird mich niemals mehr richtig zusammensetzen können. Damaged goods.

Langsam wirken die Pillen. Mein Kopf wird wattig und der Schlaf kündigt sich leise an.
Kann man vor Traurigkeit sterben? Ich werde nach Portugal auswandern und meine traurige Hülle zurücklassen. Jeden Tag Röcke tragen und Schmuck. Ja, da werde ich manchmal glücklich sein, vielleicht, einbisschen.

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Das Leben ist kein Ponyhof.

 

 

Trommelwirbel

Posted in Allgemein on Samstag, 7. Januar 2017 by badana

Trommelwirbel in der Brust und die Nasenspitze eiskalt, bald fällt sie ab. Endlich Schnee, er knirscht. Der Winter ist da, ein neues Jahr – und hopphopp, neue Ziele müssen her. Doch die Müdigkeit wiegt zu schwer, die Trauer macht Füsse aus Blei – man will nur noch versinken. Zu alt, sagst du. Pah. Ich kann alles, was ich will. Nur nicht richtig glücklich sein, aber daran hab ich mich gewöhnt. Mein Glück liegt zwischen den Zeilen, zwei Atemzügen. Sag du mir nicht, was ich zu fühlen habe, ich fühl es selbst, wenn auch anders.

Huschhusch, alle bösen Gedanken weg. Man verlernt zu träumen, ich weiss das doch. Irgendwann zwischen Montagen und Dienstagen geht der Funken verloren und man wünscht sich nur Ruhe vor dem flimmernden Bildschirm, der einen alles vergessen lässt für 6×45 Minuten. Und DOCH: Ich seh mich immer noch, wenn ich in den Spiegel blick. Ich seh keine bisherigen Narben, keine Enttäuschung, kein Vergessen. Mein Gesicht verändert sich einfach kontinuierlich der Verwesung entgegen und es steht ihm ganz gut. Jeder Schritt von mir bestimmt den Weg, der im Kreis verlaufen wird. Na und? Sag du mir nicht, was ich zu tun habe, ich tu es selbst, wenn auch anders.

Da war noch was? Ach ja: Weshalb verliert man sich im Gewusel der Liebe? Pff. Trägheit, Faulheit, Dummheit. Man will ja auch dumm sein, ab und zu, dem eigenen Abgrund entfliehen. ABER: Du Depp, er ist immer da, immer, wenn du nach links schaust, ist er da und beobachtet dich. Aber pssst, dieses Mal schaffst du es bestimmt ihn auszutricksen. Du singst: Ich bin allein, ich bin allein. Ich bleib allein, ich bleib allein. So klappt es. Bestimmt.

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Alexander Gehring