Archiv für Oktober, 2015

Wie all die anderen wichtigen Sachen

Posted in Allgemein on Freitag, 2. Oktober 2015 by badana

Aus dieser Nähe sehe ich dich unscharf – sagte er und rückte dabei etwas von ihr ab, die Augen zusammengekniffen. Sie war schon beinahe nicht mehr da, war schon fast in den Schlaf herabgetaucht und lächelte leicht, der Mund entspannt, die Lippen blass. So wirkte sie viel älter, fast schon gebrechlich.

Schau mich an – flüsterte er und rückte ihr Gesicht zurecht. Sie blinzelte ihn an, versuchte nicht wegzusinken, und er wunderte sich wieder einmal, wie viele Gesichter sie hatte, wie rasch sie diese wechseln konnte, manchmal sogar im Sekundentakt. Die beängstigende Vorstellung, sie eines Tages plötzlich nicht mehr zu erkennen, überfiel ihn früher oft, vor allem morgens und abends, wenn das Licht noch nicht ganz in das Zimmer gedrungen war – doch diese Angst verzog sich jeweils schnell wieder und verkroch sich irgendwann endgültig im grauen Dunst der sich aneinanderreihenden Tage.

Nun, da sie die Augen wieder schloss und zu schlafen schien, ihm so wehrlos ausgeliefert war, so eingebettet zwischen seinen Händen und abwesend, nun konnte er sie in Ruhe betrachten, ohne von ihrem flatterhaften Minenspiel abgelenkt zu sein. Er versuchte, sich ihre Züge einzuprägen, jede Linie, jedes Muttermal, versuchte, alle diese Einzelheiten auswendig zu lernen, wie man ein Gedicht auswendig lernte.

Doch vor seinem inneren Auge verschwamm ihr Gesicht zu vielen Gesichtern, die sich übereinanderschoben und sich dabei sachte bewegten und er musste an Quallen denken und legte sich neben sie – ganz nah, bis seine Nasenspitze ihre berührte. Sie atmete laut ein und entliess beim Ausatmen einen leisen Pfeifton. Meine Qualle – so wollte er sie nennen, morgen und übermorgen, er durfte es nicht vergessen, durfte nicht einschlafen, sondern musste es gleich aufschreiben und festhalten, er durfte es nicht wieder vergessen, wie all die anderen wichtigen Sachen, die er schon vergessen hatte. Aber er bewegte sich nicht, konnte sich nicht bewegen, wollte noch etwas verweilen in dieser Nähe zu ihr. Ja, so nah lag sie jetzt da, lag sie bei ihm; und doch wusste er, dass unabhängig davon, wie nah er ihr auch käme, immer wäre da eine Teilmenge von Distanz zwischen ihnen, die nie verschwinden würde. Ja, meine Qualle – dachte er noch – meine pfeifende gesichtslose Qualle – bevor ihn das Kissen einsog und in das Land der unruhigen Träume ausspuckte.

Gerhard Richter: Ema (Akt auf einer Treppe). 1966.

Gerhard Richter: Ema (Akt auf einer Treppe). 1966.

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