Archiv für Oktober, 2016

Zwischen Zwiebeln

Posted in Allgemein on Montag, 24. Oktober 2016 by badana

Da ist noch bisserl Saft in dieser alten Presse,
sagte er lachend und zeigte auf sich selbst, verschluckte sich aber und hustete fürchterlich. Nach einer Weile hatte er sich beruhigt und schlug sich mit der flachen Hand gegen seine Brust.
Ja, was wollt ich jetzt sagen – na ja, der Kopf ist manchmal etwas eingerostet. Das liegt daran, dass ich mich früher, als junger Bursche, geweigert habe, einen Regenschirm mitzunehmen. Regenschirme waren was für alte Leute. Naja, da bin ich immer nass geworden, kaum ging ich aus dem Haus, da hat’s angefangen zu giessen, aber ich sturer Bock bin nimmer umgedreht. Immer geradeaus wie ein Esel. Den harten Schädel hab ich wohl von meinem Vater geerbt. Ja, der war noch schlimmer als ich.
Und jetzt, naja, mir fällt es schwer zu essen. Seit die Martha weg ist. Gott hab sie selig. Ich mein, so ein halbleerer Tisch ist einfach traurig und ihr Stuhl, der steht alleine da und stiert mich an. Manchmal, da geh ich spazieren und geh da vorn –
er hebt den Arm und zeigt in die Luft, irgendwohin, doch eigentlich sieht sie nur diese Wand vor sich, mit der alten Uhr und den hässlichen Plastikvögeln daran, die Martha von einem der Enkelkinder bekommen haben mag.
– ja, gleich da vorn ums Eck in diesen Laden. Da wär ich früher nie hin, denn Martha wollte immer in die Migros. Als sie dann nicht mehr war, wollte ich nicht mehr in die Migros, das war halt nicht mehr das Gleiche ohne Martha. Und irgendwann stand einer da draussen und war am Fegen und so kamen wir ins Schwatzen. Der heisst Zoltan und kommt aus Ungarn und liebt Opern. Ja, so spielt das Leben, eigentlich will man singen und schliesslich landet man mit dem Besen in der Hand in der Schweiz. Aber der ist ein guter Mann, beklagt sich nie. Ausser, wenn ich wieder abgenommen habe, dann schimpfts aus ihm raus in allen Sprachen. Beim Fegen singt er immer. Bei so einer Stimme ist es ein Jammer, dass der hier vorne eingehen muss zwischen seinen Zwiebeln. Aber so spielt das Leben, mir fehlt meine Martha und ihm fehlen seine Opern. Ja, so spielt das Leben.

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Karl Blossfeldt (1865-1932)

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Stattdessen

Posted in Allgemein on Donnerstag, 20. Oktober 2016 by badana

Mit dir hätte ich in Luftschlössern gelebt und tagaus tagein Ringelreihen getanzt. Ich hätte mir die Haare bis zum Boden wachsen lassen und Zöpfe geflochten, um dich aus deinem Treibsand zu retten. Die Blumen von dir hätte ich getrocknet und in alten Schuhschachteln aufbewahrt, bis ich sterbe.

Aber nein. Stattdessen begraben wir uns gegenseitig unter Kühlschränken und Waschmaschinen, stechen uns mit Gabeln, legen uns Scherben ins Bett. Wir denken zu klein und sind darob klein geworden. Jeden Tag fallen mir Haare aus und dir Wimpern, wir werden immer weniger von dem, was wir waren. Hässlich wird man, wenn man dauernd die Angst des anderen tragen muss.

I am terrified, I think too much.

Es gab nichts mehr

Posted in Allgemein on Mittwoch, 12. Oktober 2016 by badana

Es gab da nichts mehr, was ihr einst gehört hatte. Das Feuer hatte alles gefressen, alle Dinge, die sie so akkurat nebeneinander aufgestellt hatte, als würde sie sich eine Armee züchten wollen. Bei jedem Schritt knirschte es unter ihren Füssen und hin und wieder wirbelte sie eine angekokelte Seite aus irgendeinem Buch auf. Sie kauerte nieder und nahm den Fetzen Papier auf und las: „… nicht glauben, dass das Böse der Normalzustand der Menschen sei.“ Sie faltete die Zeilen vorsichtig und steckte sie in ihre Hosentasche, ohne zu wissen, wieso sie es tat. Es gab keine Verhaltensregeln für einen Menschen, der durch sein abgebranntes Haus ging.

Sie wusste, dass er für das Feuer verantwortlich sein musste. Am Abend zuvor hatte er sie aus schmalen Augen angesehen und die Worte, die er aussprach, schienen nicht ihr zu gelten und trotzdem warf er sie ihr entgegen wie schwere Gegenstände. Sie ging nicht in Deckung und wartete darauf, dass er ging. Irgendwann tat er das auch und sie blieb zurück mit einem leichten Gefühl der Erleichterung und der Sorge, dass er beim Überqueren der Strasse überfahren werden würde. „Die Angst um einen Menschen und dass er sterben könnte, ist immer zugleich auch ein Wunsch, dass er stirbt.“ – hatte ihr Psychoanalytiker ihr einst gesagt und sie musste oft an diese Möglichkeit denken, dass ihr bösartiger Doppelgänger mordend und zeternd durch eine Parallelwelt tobte und eine Blutspur hinter sich herzog.

Kurz war sie in einen Schlaf versunken, der seicht schien und begleitet wurde von Herzrasen und Hitzewellen und ein Gedanke oder Traum, riss sie heftig aus dieser untiefen Pfütze und schleuderte sie zurück in ihr dämmriges Zimmer. Sie hatte sich herumgewälzt, die Kissen zerzaust und in die Dunkelheit gelauscht. Irgendwann war sie aufgestanden, hatte sich etwas übergezogen und ging raus auf die Strasse. Im Schlafanzug sass sie später in einer Bar und trank ein Bier und einen Schnaps und noch ein Bier und faltete dabei aus den Etiketten der Flasche kleine schiefe Schmetterlinge. Noch später sprach sie mit einem Alkoholiker über seinen talentierten Sohn und mit dem Barkeeper darüber, dass er in seiner Heimat ein Gelehrter gewesen war.

Das Feuer sah sie schon von weitem und es beunruhigte sie nicht. Als sie am nächsten Tag in ihrem Schlafzimmer aus Asche stand, dachte sie über den Abend nach und über ihn und wie er beim Abschied durch sie hindurchgesehen hatte, während er sang: