Archiv für November, 2016

Phytotherapie der Lüste

Posted in Allgemein on Mittwoch, 2. November 2016 by badana

 

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Fotografiert von Martin Guggisberg

Auf einem fragil erscheinenden Rollwagen stehen Reagenzgläser, Pipetten, Tinkturen, eine alte Schreibmaschine und kleine Töpfe mit Pflanzen, zwischen denen sich Schläuche zu Gläsern emporschlängeln. AVA POEM PUNK betritt schwarz gekleidet, mit Netzstrümpfen und einer imposanten Haarskulptur die Bühne und zieht sofort in ihren Bann. Ungewiss, ob sie Zauberin, Hexe oder moderne Hohepriesterin ist, pfeffert sie dem Publikum verschiedene Perversionen entgegen – Bäume (Dendrophilie), Dildos, Tränen oder Blümchensex – die Lust hat viele Facetten und niemand wird für seine Gelüste verurteilt. Die lyrischen Texte aus „Kleine Apotheke der Liebe“ von Isabelle Capron führen uns in die Geheimnisse der Leidenschaften ein – und liefern für jede Liebesnot ein pflanzliches Zaubermittel:

„…Spargel & Basilikum – leicht, macht er den Magen der Verliebten nicht schwer und er habe, laut Paracelsus, potenzsteigernde Wirkung wegen seiner reichen Zusammensetzung an Vitaminen. Was den frischen Basilikum betrifft – eingerieben an den intimen Körperzonen und in geschmeidige Leintücher verteilt, erleichtert er das Einführen.“ (aus: „Kleine Apotheke der Liebe“ von Isabelle Capron)

Musikalisch untermalt, gestört und bezirzt wird AVA POEM PUNK durch LOS DOS (Han Sue Lee Tischhauser, An Dee Wettstein) und ihrem Blues, Boogie & Poetic Trash, welcher in zwei Liedern voll Wehmut und Schalk gipfelt. Die Kunstfigur AVA singt mal in „Kurt Weill“-Manier und dann wieder growlt sie ein Punklied, verfällt zwischendurch immer wieder in einen Tanzrausch, der mal marionettenhaft komisch, mal graziös anmutet und sie beinahe bis zum Kollaps treibt – um atemlos wieder stehenzubleiben und uns den nächsten Zaubertrank zuzuraunen, der unser Liebesleben auf Vordermann bringt.

Gelernt habe ich viel, an diesem Abend, viel über mich und mein eigenes Liebesleben, über die armen verdammten Minzen, die herzreinigenden Knollen und Wurzeln, den scharf machenden Ingwer und die anregende Petersilie – und dass man salzen soll, viel salzen soll, denn das „Wesentliche würde immer fehlen, das Salz der Leidenschaft!“ Das wichtigste, woran ich durch dieses Kunststück erinnert wurde ist: dass es in der Liebe Wagemut braucht.

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