Archiv für Dezember, 2017

Winter

Posted in Allgemein on Dienstag, 26. Dezember 2017 by badana

Der Dezember fasst mich mit eisigen Fingern an, mein Herz steht auf dem Abstellgleis. Kaffee schmeckt schlechter ohne dich, aber was soll’s. So ist das Leben, so ist es halt. Ich ziehe durch die graue Stadt, schreib deinen Namen auf Wände, die bald abgerissen sind. Wie schnell sich alles wandelt, das Leben rast vorbei.

Wenn die Nacht einbricht, sehen Bagger aus wie kleine Elefanten und Kräne wie listige Giraffen. Ich möchte dir endlose Geschichten erzählen, flüstere zu Hunden und in verlassene Hinterhöfe. Mir ist klamm, mein Schal verheddert sich ständig im Wind. Überall Fallen von dir, ich habe gelernt, sie zu meiden. Jetzt schweigst du. Dann tu ich es auch.

So vergehen die Tage, gesäumt von Lichterketten und ich liege hier und denke an deine Abwesenheit. Immer wieder lösche ich deine Spuren, schreibe unsere Geschichte rückwärts. Jemand klopft an mein Fenster – du bist es nicht. Ich ändere mein Gesicht unbemerkt täglich. Etwas in mir wird immer dunkler. Manchmal hab ich Angst vor mir. Sag, dauert dieser Winter noch lang.

Nadja Sveir

Nadja Sveir

 

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Einerlei, was wir fürchten

Posted in Allgemein on Donnerstag, 21. Dezember 2017 by badana

Was – ein Blick auf meine Schuhe beweist, ich stehe noch hier, auf hartem Grund aus Plastik, in irgendeinem Club, in dem Gläser klirren und Menschen schnattern. Ich stehe noch hier und blicke hoch in dein vertrautes Gesicht, das aus dem Nichts auftaucht. Wir schauen uns an und Stunden müssen vergehen, Monate, Jahre, vielleicht – die Zeit zieht Fäden. In meiner Brust explodiert etwas: Da bist du also wieder, so stark, sanft und tief. Die Nacht trägt uns davon, wir wehren uns nicht. Schau, es ist schon hell, die Traurigkeit erfasst mich in Wellen. Ja, bring mich heim, ich bin so müde.

Wir verstricken uns wie Wolle, bilden Knäuel, verheddern uns, verlieren uns ineinander. Draussen zieht die Welt vorbei und wir spielen Geschichten vom Alltag zwischen frisch gewaschenen Bettlaken, sprechen in fremden Stimmen, sind berührt, berühren uns. Genau so soll es sein, genau so und nicht anders. Es ist schon wieder dunkel und wir machen Frühstück, trinken Kaffee und hören dem Brummen des Kühlschranks zu. Ja, da gehörst du hin, ans andere Ende dieses Tisches. Du hast müde Augen, lass uns noch ein bisschen schlafen. Du nimmst mich bei der Hand und ich lasse mich fallen in deine starken Arme. Bei dir darf ich schutzlos sein, in dir kann ich ruhen.

Einerlei, was wir fürchten: Hier gehörst du hin. Es ist so einfach wie das Atmen, es ist ganz leicht. Es ist viel leichter, als ohne dich zu sein – in einer kalten Welt, in der jeder seine Trauer in den Augen trägt.

Du fragst: Ist es okay, wenn ich jetzt gehe? – und drehst einen leeren Teller zwischen den Fingern, dein Lächeln ist angedeutet, meines auch. Ja, geh, der Tag neigt sich seinem Ende zu. Komm aber bald wieder. Meine Türe steht dir offen, mein Herz auch. Einerlei, was ich fürchte:
Hier gehörst du hin.

Jaya Suberg

Jaya Suberg

Eine Umarmung von dir

Posted in Allgemein on Sonntag, 10. Dezember 2017 by badana

Ich würde gerne sterben in Morpheus‘ Armen, jede Nacht. Verdamme mich zu Einsamkeit an Tagen, während du mich in meinen Träumen besuchst. Was gäbe ich jetzt für eine Umarmung von dir: meine Niere, Leber, Milz. Ich sehe dich, wie du in deiner leeren Wohnung rumtigerst, in deiner Küche still aus dem Fenster rauchst und flüsterst. Ich sehe das fehlende Holzstück in deiner Diele – deine Schuhe, die, hingeworfen, immer im Weg stehen. Denkst du auch so oft an mich, wie ich an dich? Verfluchst du auch die Wirklichkeit, die uns auseinandergerissen hat und uns so traurig zurücklässt, mich hier, dich dort. Was, wenn wir zusammengehören, komme, was wolle. Was, wenn wir gerade den grössten Fehler unseres Lebens machen, indem wir einfach aufhören.

Mein Zimmer ist kalt. Ich streife die Wollsocken ab, verlasse das zerwühlte Lager, das meine Melancholie nicht mehr halten kann. Draussen hört man wenig. Es ist Sonntag. Vielleicht schluckt der Schnee alle Geräusche. Vielleicht schlafen meine Nachbarn. Vielleicht das Haus und die ganze Strasse auch. Ich lasse es dunkel sein, will kein Licht, keine Zuschauer. Mein Körper ist träge und in ihm sitzt der Herzschmerz tief, hat es sich gemütlich gemacht bei Kaffee und Kuchen. Ein unliebsamer Gast, der einfach nicht gehen möchte. Ich schleppe mich auf die Matte in der Mitte des Raumes, sie quietscht unter meinen nackten Zehen, die Nägel rotlackiert – nie kann das Leid so schlimm sein, dass der Stil abhandenkommen darf, sagt Coco. Was für ein Privileg, in Schönheit leiden zu können.

Die Musik ist anfangs störend, befremdend, laut. Ich bewege zuerst die Arme sanft, wie in Wellen. Lasse mich treiben auf dem Beat, der drängt und zerrt. Die Beine eingerostet, die Knie beugen sich knarrend, die Schultern zucken und ich beginne zu tanzen. Ich tanze gegen die Traurigkeit, gegen diese kalte, unmenschliche Welt, in der die Liebe so leicht abhandenkommt, wie ein Schirm oder ein Handschuh. Ich tanze gegen meine Geister und gegen das Gefühl in der Brust, das mich in zwei Stücke reisst. Ich tanze auch gegen deine Traurigkeit, die ich spüre, ich will sie dir wegnehmen und sie vergraben, sodass sie in brachliegender Erde ruht, bis der harte Winter vergangen ist. Ich tanze für mich und für dich und alle gebrochenen Herzen, die gerade frieren und im Bett vor sich hindämmern, an einem schweigsamen Sonntag, so wie diesem. Ich tanze und tanze, bis ein neuer Tag anbricht.

Gianluca Gambino: Original Sin.

Gianluca Gambino: Original Sin.

 

Wieder auferstehn

Posted in Allgemein on Donnerstag, 7. Dezember 2017 by badana

Ab welchem Punkt ist ein Mensch dem Untergang geweiht. Wann gibt es kein Zurück mehr aus der Vorhölle des Verharrens, bevor die Endlichkeit sich umbarmherzig ankündigt und alles abbricht. Ist bis zu diesem Moment alles, jeder Tag, jede Stunde, ein endloser Todeskrampf, ehe die Glieder sich lockern, niedergleiten und für immer liegenbleiben – und alles, was das Menschsein ausmachte, unwiederbringlich verloren ist.

All dies frage ich mich, während ich meinen fünften Kaffee trinke, ungezuckert, kalt. Im Büro ist es zu heiss und ich möchte alle Wände niederreissen, in der kalten Winterluft sitzen und frei sein in meiner Unfreiheit.

Ich glaube weder an Gott und Götter, nicht an die Heilkraft von Selbsthilfebüchern und alle Achtsamkeitsworkshops können mir gestohlen bleiben. Wenn einer lernen muss, achtsam zu sein, dann ist er ein Schwein und wird das Schweinsein nicht so leicht verlernen. Aber ssschht, die Wut, die muss man zügeln, um nicht aufzufallen in dieser Mitte, in der das Lächeln vom Gesicht des Gegenübers wegbröckelt, sobald man sich abdreht. Diese kalten starren Augen und ich unter ihrem Blick gefangen, befangen, verdonnert, gleichmütig zu sein, zu gehen, zu stehen, zu sitzen, an einem Punkt, auf einen Punkt starrend. Immerfort.

Nein, aufgeben möchte ich noch nicht. Auch wenn die Welt und ihre Menschen nicht so oder so sind und darum auch nicht wirklich fassbar und deshalb ständig verwirren und verletzen. Ich will trotzen und toben. Sterben täglich und wieder auferstehn. Darf den Funken nicht verlieren, darf nicht, nimmer. Denn dieses Leben, ach, so kostbar, so zerbrechlich. My precious, my own.

Winslow Homer: The Life Line, 1884.

Winslow Homer: The Life Line, 1884.

Ein Geist

Posted in Allgemein on Samstag, 2. Dezember 2017 by badana

Nun hast du das bekommen, was du dir gewünscht hast: Du bist ein Geist in der langen Galerie meiner Geister, hast dich dazugereiht und bist da neben dem letzten, der mein Herz kalt nannte und mein Wohlwollen aufgesetzt. Ich wandle durch den dunklen Gang und bleibe vor deinem Abbild stehen – du fehlst. Ein Teil von mir ist nun auch verloren, mit dir, mit deinem schallenden Lachen und deinen Worten, die so gross waren, grösser als du.

Und ja, ich zementiere mein Herz jetzt zu, lasse es hart und kalt sein, wie der Mann des Sternenstaubs es vorausgesagt hat. Ich bestreite meinen Weg alleine, setze einen vorsichtigen Schritt vor den nächsten und warte, dass der Frühling kommt, dass es taut. Dann werde ich die Fenster wischen, bis sie sich spiegeln, und lange in der Sonne sitzen und hoffentlich wieder fähig sein, an jemand anderen zu denken, als an dich.

Bis dahin: Himmel, lass niemanden meinen Weg kreuzen, der gut ist und warm. Denn ich würde ihn fressen mit Haut und allem, ausspucken und meine rastlose Jagd nach deinem Geist fortsetzen, der hin und wieder aus der Galerie verschwindet, um mich heimzusuchen, in kleinen Momenten – im Halbschlaf, im Rausch, in jeder kleinen Stille, die sich in den Alltag schiebt.

Ich hätte dich sehr geliebt und dir Kinder geschenkt, mein leichtgläubiges Herz und meine unbändige Neugier und Lust auf alles. Wir wären glücklich gewesen: Abseits der Stiernacken, inmitten von Hunden, die niemand will, in Ringelsocken und hässlicher Bettwäsche. Wir wären so glücklich gewesen, du und ich.