Archiv für November, 2017

Hol mich ab

Posted in Allgemein on Samstag, 25. November 2017 by badana

Und wieder hier und wieder da. Du da, ich hier. Wieder meterhohe unsichtbare Mauern zwischen uns. Wer reisst sie ein – wer baut sie auf? Ich drehe mich in meiner kleinen Wohnung im Kreis und spiele Liebe in mir. Zukunft, die hell ist und glänzt. Durch ferne Länder saust. Du an meiner Seite. Ich an deiner.

Ja, war ja klar – stehe wieder an der gleichen Stelle, bin kein Stück vorangekommen. Hoffentlich bist du es. Du musst jetzt: gehen für uns beide, sprechen, lange Gespräche führen, bis tief in die Nacht, grobe Narben aufreissen, sie heilen. Ich kann nichts, bin verwundet von den letzten Kämpfen, von grossen Worten, grossen Taten – alles umsonst, wenn das Herz verschüttet ist.

Kauf jetzt dieses Auto, hol mich ab, wenn es eindunkelt, heute, morgen, jeden Tag. Lad mich in dein Fahrzeug, mit Schlafsack, Pulverkaffee und einem Gaskocher und ich werde dir folgen in die dunkelsten Ecken dieser Welt. Ich werde dich halten, bis du einschläfst und alle deine Dämonen vertreiben bis zum Morgengrauen.

Lass mich nur nicht nachdenken, lass mich nicht schwer werden und in mir verschwinden. Rette mich, hier, jetzt, da und morgen. Jeden Tag von neuem.

Jaya Suberg

Jaya Suberg

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Heimatlos

Posted in Allgemein on Sonntag, 12. November 2017 by badana

So, du zeichnest und ich schaue auf deine hohe slawische Stirn und würde gerne meinen Namen darauf einprägen. Damit du mir gehörst, nur mir. Dein sturer Balkankopf, der auf meinen trifft, ein Aufeinandertreffen von Titanen. Und niemand wird gewinnen, das wissen wir beide schon jetzt.

Nichtsdestotrotz drehen wir uns in diesem absurden Spiel der Gefahren. Jeder für sich. Wir sind uns so fremd und trotzdem würde ich deinen Schatten erkennen – ja, jetzt zeichnest du einen Tiger, der den Schatten einer Taube frisst. Ich frage dich: Wieso? Und du sagst: Die Taube ist frei und er kann nur ihren Schatten greifen, begreifst du?

Ich sage ja und muss mein Lachen herunterstossen, damit es nicht hervorbricht. Nein, ich will dich nicht auslachen. Tatsächlich verstehe ich viel im Leben, aber das Herz, das wilde Herz, das will gar nichts verstehen und nichts begreifen. Es trifft sich nur so, dass in diesem Land der Kopf regiert und ich möchte nicht anders sein als die anderen.

Darum sitze ich hier, in einem schwarzen Angorapullover, dir gegenüber, der du zeichnest, Tiere, die andere Tiere fressen, die schon längst nicht mehr da sind.

Ja. Du wirst auch erst begreifen, dass ich mal da war, wenn ich nicht mehr da bin. Ich bin schon jetzt traurig, für dich, für mich. Alles gut. So soll es sein, so muss es sein. Ich will es so.

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Homeless woman, NYC Oils on canvas 98 x 56 cm

Chiello

Posted in Allgemein on Sonntag, 12. November 2017 by badana

Sie erwachte nassgeschwitzt und unausgeruht. Es schien ihr, als hätte sie im Traum Kontinente durchquert, mit Siebenmeilenstiefeln, als wäre sie auf der Flucht gewesen vor jemandem, vor allem. Am liebsten hätte sie jetzt ihn angerufen, seine Stimme gehört, die ihr so lange gefehlt hatte, ohne dass es ihr bewusst gewesen war. Man kann alles und jeden vergessen, wenn man will – dachte sie, und ging den neuen Tag lieblos an, als wäre er eine Mühsal, die es nur hinter sich zu bringen galt. Gerne hätte sie sich betrunken, Zigaretten geraucht, bis die Lunge brannte, sich abgelenkt, getanzt, in fremde Gesichter geblickt.

Stattdessen begann sie wieder Listen zu schreiben, Ordnung reinzubringen, in ihr unordentliches Leben, Oberflächen zu putzen, bis sie glänzten, Erinnerungsstücke wegzuwerfen, deren Anblick sie wehmütig werden liess. Sie öffnete alle Fenster, liess kalte Novemberluft hinein, hörte etwas zu laut zu donnernde Musik und druckte Hunderte von Seiten aus über Holzstiche aus dem 16. Jahrhundert. Die Wohnung wurde eisig und sie hüllte sich in ein schwarzes Alpaca-Tuch, brühte einen Tee auf und kam sich wahnsinnig erwachsen vor.

Auch später widerstand sie allen Versuchungen (die einzigen Arme, die sie heute umarmen dürften, sollten die von Morpheus sein), sperrte alle Fenster zu, alle Türen, ihr Herz und ihren Mund, legte sich ins Bett, starrte an die Decke und dachte einfach wieder mal darüber nach, wie unglaublich langweilig sich doch ihr Leben bisweilen gestalten konnte – an einem Samstagabend, in einer mittelgrossen Stadt, irgendwo auf der Welt.

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Hans Baldung Grien: Der Tod und das Mädchen

Alles gesagt

Posted in Allgemein on Montag, 6. November 2017 by badana

Mein Herz, ein totes Stück Holz, ist zwischen deinen Fingern zerbröselt. Nun nähe ich mir Kleider aus purpurnem Samt mit hohen Krägen, die mein blasses Gesicht verdecken. Ich schreite so durch lärmige Strassen und zähle die Lichter der Nacht. An mir ziehen Menschen vorbei – ich sehe sie nicht. Einerlei – sie sind ja alle gleich und ich habe ein Ziel. Ich will dorthin und dahin und nie stehenbleiben, nie zurückblicken. Ich erinnere mich nicht an deine zuckenden Knie, nicht an deinen rauchenden Mund. Du liegst in einem verstaubten Archiv, dessen Schlüssel bereits verloren ist. Wunder dich nicht so: Ich hab dir alles gesagt, immer alles gesagt, aber du hast etwas anderes verstanden. Ich habe dir erzählt vom Holz in meiner Brust, vom Gift auf meiner Zunge, von der umbarmherzigen Kälte, die mich umgibt. Du wolltest nicht hören. Lieber Träume von uns weben und dich zeichnen, wieder und wieder, auf Leinwände in verschiedenen Grössen, mal mit Wachsmalstiften, mal mit Pinsel oder Graphit. Doch alle Bilder waren gleich und ich sah keinen Unterschied und verzweifelte ob meinem trüben Auge, das immer wieder in die Ferne schweifte. Weisst du denn nicht? Ich möchte mich meist vergessen und auch die anderen. Weisst du das denn nicht? Oder ist es dir einfach ganz und gar egal?

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Nicola Samori, 2011.