Archiv für Juni, 2012

Sommmeeeer. Und jetz?

Posted in Allgemein on Sonntag, 17. Juni 2012 by badana

Heute warn wir wie die Hippies grillen, mit bunten Kleidchen, Geschichten von früher, lieben Freunden. Ich wollte glücklich sein, ich wollte so sehr lachen und tratschen und philosophieren, doch das ging gründlich in die Hose. Wieso fragt ihr?

Ich war nüchtern.

Sternhagelnüchtern, ja, und das nun schon seit zwei Wochen. Aber eigentlich heisst ja Abstinenz (abstinere) auch sich fernhalten. Und das sollte man wirklich. Sich fernhalten von allem und jedem. Johlenden Fussballfäns (wäk) zum Beispiel, haarenden Katzen und schlechten Zombiefilmen.

Als ich so dasass, dachte ich nur daran, dass die Zigi scheisse schmeckt, der Rücken schmerzt und mir bei meinem 2012-Glück auch sicher noch ein Tannenzapfen auf den Kopf fallen wird. Kraft gleich Masse mal Beschleunigung (aua). Daran kann ich mich erinnern, auch wenn mein Physiklehrer ein zynischer Bastard war, der mir mal mit einem perfiden Lächeln zugesteckt hat, dass Intelligenz nicht anlernbar sei. My ass.

Nunja, ich bin also grundsätzlich grantig und grüblerisch, zwinge mich aber immer raus in die weite Welt, um meinen Willen zu testen. Zwischendurch schaue ich herzzerreissende russische Filme und heul mir die Augen aus – zum Beispiel „Летят журавли“ („Wenn die Kraniche ziehen“) aus dem Jahr 1957. Wobei mir natürlich das Gedicht von Brecht in den Sinn kam:

Die Liebenden

Sieh jene Kraniche in großem Bogen!
Die Wolken, welche ihnen beigegeben
Zogen mit ihnen schon, als sie entflogen
Aus einem Leben in ein andres Leben
In gleicher Höhe und mit gleicher Eile
Scheinen sie alle beide nur daneben.
Daß so der Kranich mit der Wolke teile
Den schönen Himmel, den sie kurz befliegen
Daß also keines länger hier verweile
Und keines andres sehe als das Wiegen
Des andern in dem Wind, den beide spüren
Die jetzt im Fluge beieinander liegen
So mag der Wind sie in das Nichts entführen
Wenn sie nur nicht vergehen und sich bleiben
Solange kann sie beide nichts berühren
Solange kann man sie von jedem Ort vertreiben
Wo Regen drohen oder Schüsse schallen.
So unter Sonn und Monds wenig verschiedenen Scheiben
Fliegen sie hin, einander ganz verfallen.
Wohin ihr? Nirgendhin. Von wem davon? Von allen.
Ihr fragt, wie lange sind sie schon beisammen? Seit kurzem.
Und wann werden sie sich trennen? Bald.
So scheint die Liebe Liebenden ein Halt.


Das ist auch ein Kranich.

Das ist auch ein Kranich.

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Rauch im Regen

Posted in Allgemein on Sonntag, 10. Juni 2012 by badana

Was sagst du?

Mein Gesicht sei eine zugeschlagene Tür? Mag sein, ich tu mich schwer mit Nettigkeiten. Ich hatte Angst vor diesem Augenblick, dem zufälligen Treffen auf einer Strasse, vor dieser Situation – ich: ungeschminkt und blossgestellt, du: fremd und abwesend. Nun, so stehen wir hier, natürlich beginnt es zu regnen und ich würd dich gern ziehen lassen und selbst auch weiterziehen, doch meine Füsse sind plötzlich mit dem Asphalt verschmolzen und die Arme bleischwer. Ich zünde mir verzögert eine Zigarette an, sie wird nass, das Streichholz brennt nicht auf Anhieb und während ich rudere in dieser Stille, schaust du mir zu und lächelst nicht einmal ansatzweise. Worüber soll ich mit dir reden, du trauriges Gebirge. Wieder einmal über mich? Dafür bin ich zu müde und zu bockig, meine morgendliche Euphorie hat sich verflüchtigt: Doch wieder nur so ein Sonntag, der sich hinzieht wie ein alter Kaugummi.

Und was macht deine Arbeit? – fragst du und ich ärgere mich, dass ich in den Augen so Vieler immer Arbeit bin. Es stimmt ja, ich weiss. Trotzdem. Da ist ja noch so viel anderes.

Der Regen wird stärker und meine zweite Zigarette schmeckt bitter und ich erzähle dir von meinem gestrigen Abend, von meiner Nüchternheit, meinem Trotz. Wenigstens krieg ich keine Lachfalten. Haha.

Du lächelst ein kleines Lächeln und mir wird leichter.

Unsicher löse ich meine Füsse vom Boden, umarme dich flüchtig. Ja, auf bald.

Santiago Caruso

Santiago Caruso

Only When I Lose Myself

Posted in Allgemein on Donnerstag, 7. Juni 2012 by badana

Worte wirken nicht. Sie sind zu hart und zu trocken, um etwas fassen zu können. Und doch bin ich nur dann, wenn ich berichte. Wovon soll ich hier und jetzt berichten – vom Dämmerzustand, dem Schmerz, der nun aufkommenden Ratlosigkeit (weshalb sollte man wehrlos in morastigen Alltag zurück)? Selbstüberdruss und stundenlange Suche nach etwas, was Interesse in mir regt. Ein Bild, ein Gedicht, ein Film – ich verpasse alles um Haaresbreite. Scheusslich, diese Leere. Und doch ist da auch eine verblödete Gier nach Fröhlichkeit in mir, ein Lebenshunger, der vorantreibt. Rekonvaleszenz: aha, also wieder stark werden – check. Wenn die eigenen Knochen zum Feind werden, dann wird der Schritt etwas unsicher. Suche nach Bodenhaftung. Wie geht das? Trainiere den Neinsager in mir.

„Denn wir sind Neinsager. Aber wir sagen nicht nein aus Verzweiflung. Unser Nein ist Protest. […] Denn wir müssen in das Nichts hinein wieder ein Ja bauen, Häuser müssen wir bauen in die freie Luft unseres Neins […], Häuser aus Holz und Gehirn und aus Stein und Gedanken.“ (Wolfgang Borchert: Das ist unser Manifest)

Cut: Der Nachbar tobt wieder, draussen bellt ein Hund, sein Bellen klingt kehlig.

Lass uns schlafen, Egon, und schau nicht so keck. Heut wird das nichts mehr.