Archiv für Juli, 2017

In der fernen Vergangenheit

Posted in Allgemein on Dienstag, 25. Juli 2017 by badana

Er sass da und wartete auf etwas. Der eine Mensch war reingegangen und der andere kam heraus, setzte sich hin und schwieg. In der Ferne konnte man Rufe Betrunkener hören und Motorengeräusch – hin und wieder brachen Musikbrocken durch offene Türen, die daraufhin gleich wieder geschlossen wurden. Auf den Strassen musste Ordnung herrschen.

Er spürte ein Kribbeln in seinen Fingern, den Reiz, etwas anzustellen, jemanden hart anzupacken, eine Flasche zu zerschlagen. Er legte die Fäuste auf den Tisch, der klebrig war und liess das Gefühl vorüberziehen. Die Nacht roch aufrührerisch, dreckig, er wollte sie auskosten bis zum letzten Tropfen. Gesichter wechselten sich ab, jetzt begann wieder einer zu sprechen, dann ein anderer von etwas anderem. Sie glichen sich alle, die da – sie hatten weisse Nasen und Münder aus denen Worte in die Welt stachen wie Seefahrer ins Unbekannte. Je mehr die Stunden verstrichen, desto leiser wurde das Lachen, auch seines, desto suchender der Blick. Die Zeit war sein Feind und ein flinker Läufer, immer um eine Armeslänge voraus.

Auf dem Heimweg dachte er an nichts und niemanden. Die Sehnsucht war ihm abhanden gekommen, irgendwann an einem belanglosen Wochentag in der fernen Vergangenheit. Er hörte seine Schritte gedämpft auf dem Asphalt. Wie ein Raubtier wollte er sich bewegen. Unbemerkt, lautlos.

Sein Schlaf war tief und traumlos. Dann helles Licht, sein Leib in Aufruhr, aufgepeitscht und erschöpft zugleich. Er spürte seine Muskeln brennen, hatte Lust auf Haut, irgendwen, einerlei – seine Nerven gespannt, seine Unrast bis ins Unerträgliche gesteigert. Nichts band ihn an dieses Leben, ausser die fehlenden Möglichkeiten. Satt liess er sich wieder ins Bett fallen. Rasch sank er ins Dunkel, das sich hinter seinen geschlossenen Lidern verbarg. Wieder ein Tag vorbei, wieder einer geschafft.

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Mein Schatten

Posted in Allgemein on Sonntag, 23. Juli 2017 by badana

Wenn die Sonne mittags den Asphalt zerreisst, blicke ich auf die Strassen dieser Stadt. Ich spüre die Stärke von tausend wilden Kriegern in mir, könnte zerbersten, mich über alles ergiessen. In Weiss getaucht verharren die Häuser in erstarrtem Schrecken. Hart fällt mein Schatten auf diese Erde, die mich über Umwege zu dir trägt.

Die Tage verziehen träge ihre Stunden. Du schweigst und ich lege dir Worte in den Mund. Ich lege deine Arme um mich und lege mich schlafen in dir. Wo beginnst du und wo soll ich enden?

Komm nicht näher. Hier: Drei Meter Entfernung zwischen uns. Jeder in seiner Ecke – zwischendurch wird Blut gespuckt. Dann wieder kaltes Metall und spiegelnde Scheiben. Unsere Telefone sind stumme Glasgestalten, die sich anschweigen. Ja, warte noch etwas: bis zur nächsten Runde.

Hummeln im Hintern

Posted in Allgemein on Dienstag, 4. Juli 2017 by badana

Ja, die Karli hatte schon immer Hummeln im Hintern. Schon als sie nicht mehr ganz Kind war und auch noch keine Frau, mit ihren Hühnertittchen, schon da stolzierte sie über den Schulplatz mit viel zu kurzen Hosen und ihren langen Beinen – ja, bis zu den Ohren gingen die – ja, schon da wusste man, die ist eine von denen, die Ärger macht, die viel zu früh schon nach den Burschen schaut, und zwar nach denen, die auf dem Pausenplatz hinter der Turnhalle rauchten. Für die anderen, die mit den Büchern und den sauberen Fingernägeln hatte sie keinen Blick übrig. Ja, die Karli, wie sie so langsam über den Marktplatz ging – als wärs gestern gewesen, so seh ich sie vor mir – und sich ganz genau bewusst war, dass nun alle schauten. Leider wurde sie dann immer öfter mit den Sutter-Brüdern gesehen. Jaja, man sagte sich, dass sie alle drei zu sich ins Bett liess. Aber wer weiss. Die drei Brüder jedenfalls, die hatten nur Chabis im Kopf, das lag in der Familie: Tranken und zerdepperten dann ihren Töff an unseren Ampeln im Dorf. Die waren nichts für die Karli, aber die hatte ja immer schon einen so sturen Grind, die wollte nie nachgeben – immer durch die Wand, komme, was wolle. Irgendwann hatte auch sie die Nase voll von denen und plötzlich sah man sie immer mit dem Deutschlehrer. Der sah zwar ganz anständig aus, hatte aber Frau und Kinder, der Sauhund. Was gab das für ein Geschrei in der Gemeinde! Aber die Karli scherte sich nicht drum, ignorierte die bösen Blicke und trug nur noch so Strümpfe mit Löchern, um die andern noch mehr zu triezen. Eines Tages war sie dann plötzlich verschwunden. Nicht mal ihr unnützer Vater wusste, wo sie abgeblieben war. Die einen sagten, sie sei in die nächste grosse Stadt und hätte da einen geheiratet, dem die Hand hin und wieder ausrutschte. Schliesslich soll er sie sitzengelassen haben, mit drei Bälgern. Vor Kummer hätte sie angefangen, zu tief ins Glas zu schauen. Und irgendwann, ja irgendwann, waren die schönen Beine weg und ihr Gesicht aufgebläht wie ein Zigerkrapfen. Ich aber, ich denk mir, dass das Unfug ist. Die zerreissen sich nur wieder ihre Mäuler vor Neid. Die Karli lebt jetzt sicher irgendwo in einer Weltstadt – Paris oder so – und spaziert da durch die Strassen mit so einem schicken Hut auf und die Lippen immer rot angemalt. Die hatte es schon immer faustdick hinter den Ohren, die Karli. Nein, das ist keine, die sich vom Leben unterkriegen lässt. Nein, nicht die Karli.

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Niels Corfitzen