Archiv für Juli, 2014

Kleines blasses fades Ding

Posted in Allgemein on Donnerstag, 31. Juli 2014 by badana

Was ziehst du so den Kopf ein und schaust mich zwischen hochgezogenen Schultern schuldbewusst an? Soll ich dir Absolution erteilen? Willst du dich reinwaschen von Gewissensbissen und Scham?
Nur zu! Doch werde ich dir nicht den Weg dahin bürsten, damit du leichter gleitest. Das musst du schon selber schaffen, du bist ja gross und dir geht es super und du trägst kurze Hosen.

Wie seltsam – diese Erinnerung – wie trügerisch! In meinem Kopf warst du viel grösser und wacher. Ich dachte, ich würde vor Angst zerfetzt werden, wenn ich dir eines Tages gegenüberstehe.
Die Wirklichkeit ist ein kleines blasses fades Ding.

Und ich bin frei! Und kann den Sommer geniessen!

Mich auf Wiesen fläzen. Schabernack treiben.
Käse essen und mich lächerlich machen.

Einfach so, weil ich’s kann.

Demon Baby Comics

Demon Baby Comics

 

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Etwas unschön geworden

Posted in Allgemein on Mittwoch, 16. Juli 2014 by badana

So, meine lieben Freunde, trinkt langsam aus und verabschiedet euch, der Abend nähert sich seinem Ende. Ihr seht, ich habe keinen Wein mehr, keine Köstlichkeiten, nur noch einen letzten Apfel, der mürrisch vor sich hinfault. Natürlich, ich verstehe, dass ihr verlegen seid, ich bin ja auch seit einer Weile nicht mehr gesellig, bringe keine Lacher mehr, nur wirre Wortfetzen und eine Vase voll Selbstmitleid. Hier liegt verstreut zwischen diesen Zigarettenstummeln und den hingeworfenen zerknitterten Tarotkarten nur noch diffuse Traurigkeit. Ja, und ich weiss ja, dass mein Gesicht zunehmend zerfliesst, etwas unschön geworden ist, zu dieser späten Stunde. Ich verstehe, dass ihr den Blick abwendet und meine neuen Schuhe betrachtet, die so munter funkeln.

Ich muss es gar nicht sagen, auch das wisst ihr schon, ihr Freunde von mir, die ihr so schnell nach Hause eilt. Die harten Zeiten kommen erst, wenn ihr gegangen seid und meine Augen mir im Spiegel verzweifelt entgegenblicken. Aber seid unbesorgt: Bis zu unserem nächsten Treffen mal ich mir wieder ein Lachen ins Gesicht, lerne einige Zeilen aus dicken Büchern, bin mehrsprachig geistreich und zärtlich wie immer.

So Recht habt ihr, mich zu dieser verfluchten Stunde zu meiden, in der ich nicht aufrecht stehen kann. Wer will denn schon mit einem Buckligen die Zeit verbringen – ausser diesem mürrischen faulen Apfel da.

František Kupka: Self Portrait.

František Kupka: Self Portrait.

 

Glanz im Auge der Mutter

Posted in Allgemein on Donnerstag, 10. Juli 2014 by badana

Es dämmerte bereits, als er sich behäbig zu ihr umdrehte. Sie lagen seit Stunden wach und starrten auf die wechselnden Schatten des Zimmers. Sie lag schweigend auf dem Rücken und prägte sich alle Einzelheiten des Raumes ein. So wie ein Mensch, dessen Urlaubstage in der Ferne gezählt sind und der Erinnerung zu konservieren versucht für die folgenden beschwerlichen Zeiten in der alltäglichen Aneinanderreihung von gleichen Tagen.
Bist du wach? – fragte er sie im Flüsterton, obwohl er ihre offenen Augen bemerkt haben musste. Sie zögerte eine Antwort heraus, da jedes Wort, das sie aussprach, sich zwischen ihnen anfühlte, als würde es Tonnen wiegen. Ja. – flüsterte sie zurück und versuchte, diesen zwei Buchstaben etwas Zuversicht einzuhauchen. Ja. Und du? – fragte sie zurück und ärgerte sich, ärgerte sich, dass jedes Gespräch zwischen ihnen voller Floskeln war, voller Worthülsen, die nur da waren, um Platz einzunehmen, die nichts bedeuteten und überflüssig waren, die man leicht auch hätte weglassen können, wenn denn aber nicht nur eisernes Schweigen übrig geblieben wäre. Mhm. – antwortete er und sogleich fühlte sie sich ihm wieder unterlegen. Als hätte sie das Gespräch angerissen, als würde sie etwas von ihm wissen, als würde er etwas nicht preisgeben wollen.
Sie beschloss, nichts mehr zu sagen und die Blicke weiter wandern zu lassen, über die fehlenden Bilder an der Wand, den Flecken am Fenstersims, von dem sie wusste, das er von einem Insekt stammte, das er vor langer Zeit zerdrückt hatte. Ihre Augen waren jedoch unruhig, es zog sie zu ihm hin, der nun zur Decke blickte und gedankenversunken eine seiner Haarsträhnen immer wieder durch die Finger gleiten liess.
Was war das bloss? – dachte sie, dieses sirupartige Gefühl, das sie so oft einschloss, wenn sie bei ihm war. Es fühlte sich schwer an, traurig und ratlos – liess sie sperrig werden wie ein altes verstimmtes Klavier. Sie wollte hier sein und doch ganz weit weg, sie wollte ihm lange Briefe schreiben, ohne Antwort zu erhalten. Eigentlich wollte sie nur wissen, dass er sie sah, ohne zu wollen, dass sie jemand anders war.
Woran denkst du? – fragte er und schaute kurz zu ihr rüber, dann wieder heftete er seinen Blick an die Decke, vielleicht auf einen der Risse, die sich da kreuzten und wieder teilten. Sie drehte sich auf die Seite, zu ihm hin, bettete ihren schweren sturmen Kopf auf die Hände und sagte: Ich denke an den fehlenden Glanz im Auge der Mutter. Weisst du vielleicht, wo er ist?

Chiharu Shiota: In Silence.

Chiharu Shiota: In Silence.

Sagen Sie, ich komme zurück, wenn es Winter wird.

Posted in Allgemein on Montag, 7. Juli 2014 by badana

Sagen Sie, es ist Zeit für mich, diesen Sommer zu verlassen. Er ist mir fremd mit seinen nackten braunen Füssen, dem klebrigen Zuckerzeug, das die Finger heruntertropft, mit seinem lauten Lachen, seinem untätigen Rumstehen und -liegen unter freiem Himmel ohne Ziel und Zweck.
Sagen Sie denen, sie sollen ohne mich feiern, ohne mich all den dunkelroten schweren Wein trinken und diesen starken durchsichtigen Schnaps. Sagen Sie denen auch, Sie sollen hinter sich aufräumen, die zerplatzten Luftballone zusammenwischen, die eingedrückten Kuchenstücke, die vereinzelt brennenden farbigen Glühbirnen. Sagen Sie denen, das alles soll weg sein, bei meiner Rückkehr.

Sagen Sie, falls die fragen: Sie wird nur schlafen, sich üben im Nichtstun, denn das ist schwer.
Sagen Sie denen, dass ich sie auch nicht vermissen werde. Sagen Sie: Man kann ihr Vieles vorwerfen, doch sie weiss, wann es an der Zeit ist zu gehen.

Ja, ich weiss, wann ich den Vogelschreien entfliehen muss, dem Fleisch, das nach Feuer schmeckt, der Nacht, die nie dunkel wird – der Feigheit, der Trauer, dem Zorn.

Sagen Sie ganz am Schluss, wenn alle schon trunken sind und schläfrig, sagen Sie denen, ich komme zurück, wenn alles vorbei ist. Ja: „Sagen Sie, ich komme zurück, wenn es Winter wird.“ (Joseph Heller: Catch 22)

 

Andrew Wyeth

Andrew Wyeth