Archiv für Juli, 2011

„I’m Too Sexy for My Shirt..“

Posted in Allgemein on Dienstag, 26. Juli 2011 by badana

Ich bin grad etwas asozial – so mit allem drum und dran: tagelang im Plüschzweiteiler rumhängen, nicht duschen, die Haare zu Berge verfilzen lassen, Schoggiglace im Bett essen, bei Versicherungscommercials zu flennen beginnen. Gestern aber, da klingelte es an der Tür und mir fiel ein: Der Mann von Rentokill kommt vorbei, da die Nachbarn von orientalischen Kakerlaken geplagt werden. Ein kurzer Blick in den Spiegel eröffnete mir das befürchtete Grauen und ich versuchte mit den Fingern kurz die Struwelpeterfrisur zu bändigen, seufzte und bat dann den Herrn etwas beschämt in meine versiffte Wohnung.

Der Herr war jung, klein und dick und hatte ein liebes Gesicht wie ein Grittibänz. Er plauderte angeregt und ich versuchte mitzumachen, lächelte schief und erkundigte mich scheinbar interessiert nach dem Giftgel, das er mit seinem Spritzinstrument spärlich in unserer Wohnung verteilte. Nach tagelangem Schweigen hört sich die eigene Stimme fremd und rau an, also sagte ich nur das Nötigste und schwieg meist tiefsinnig. Er strahlte mich unbeirrt weiter an, bewunderte die Wohnung und stellte mir so Fragen wie: Wohnen Sie denn mit Ihrem Freund? – die ich zuerst ahnungslos verneinte. Als er dann aber am Schluss sogar sein Giftköfferchen vergass, um es wieder holen zu können, da dämmerte es mir schliesslich: Der Grittibänz hatte mit mir geflirtet. Trotz pinkem Plüschanzug und zerzauster Schmuddelhaare und schwarzer Hornbrille auf blassem Gesicht.

Ich mein, sie ist schön, diese Gewissheit – dass da draussen jemand ist, der selbst die verhängteste, vertschuddeltste und stinkigste Seite von mir irgendwie sexy findet.

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You Are Not Machines!

Posted in Allgemein on Montag, 25. Juli 2011 by badana

Do not despair!

Sie stehen sich zu nah.

Posted in Allgemein on Samstag, 23. Juli 2011 by badana

Hörst du dieses Geräusch, dieses laute Knallen in der Ferne? Das sind Kräne, die gegeneinander schlagen. Der Wind drängt sie immer wieder zusammen und auseinander. Sie stehen sich zu nah. Der Wind, der Wind kann Stahl wie Butter verdrehen, wusstest du das?

Dieses Geräusch, dieses Geräusch lässt mich stundenlang nicht schlafen. Ich stell mir jeweils vor, wie sich diese betrunkenen Riesen aus Stahl wiegen und miteinander wispern, als hätten sie Geheimnisse zu besprechen. Ich würde sie gerne bespitzeln in ihrem nächtlichen Treiben, aber sie sind zu gross.

Schauen sie jetzt gerade auf uns herunter und belächeln unsere Winzigkeit?

Ich bitte doch nur um Transformation, Herrgott!

Posted in Allgemein on Dienstag, 19. Juli 2011 by badana

Gestern im Kino, da sass ich eingepfercht zwischen hirnlosen Affen ohne Humor und dem bierlitrinkenden M. und starrte gebannt auf die Leinwand (gut, zuerst irrtümlich mit Sonnenbrille, aber ich habs dann schon irgendwann mal gecheckt). Ich glotzte also auf dieses langbeinige Model mit den Marshmallow-Lippen und diesen kleinen, jähzornigen Stinker und dachte: Ich wär Shockwave – aber hundertpro, und ich würd sie innert Sekunden zermalmen, ohne lang rumzulabern. Ich möcht nicht Optimus sein oder Bumble Bee oder einer von den Wrackers oder Brainy – sondern Shockwave, denn ich fühlte mich ihm gestern so nah in seiner Zerstörungswut, so nah. Es gibt etliche Situationen, in denen ich mir einen eigenen Driller wünsche. Zum Beispiel am Gurkenfestival oder heute bei der Arbeit, durchschnittlich jeden zweiten Tag. Jedenfalls lachten M. und ich im Verlauf des Filmes immer an anderen Stellen als der Rest des Kinos und plötzlich hatte ich den Eindruck, das Kino würde die Welt repräsentieren und dass ich einsam verrosten werde inmitten von diesen Autobots, die so scheisseasyfriedlich sind und so bunt und so tolerant.

(In China bauen sie übrigens gerade Decepticons – klatschklatsch!)

Ich mein, was soll denn das überhaupt sein: Gleichmut. Und was soll das heissen: Entspann dich. Gibt es denn wahrlich Menschen, die nicht andauernd grübeln über jeden Scheiss und sich in Kleinigkeiten festbeissen wie ein Pitbull? Und was machen die dann den lieben langen Tag? Auf ihr dämliches iPhone gucken und sich Lebensweisheits-Apps runterladen?  Zu Hause in ihren Traumfänger pfeifen? Den Hund machen am Seeufer, in den frühen Morgenstunden?

Zur Höll, wo lässt ihr denn eure Wut? Ich tu ja schon alles Mögliche: ess Karotten, mache Sport, schaue „My Name is Earl“, höre griechische Sagen zum Einschlafen oder TKKG, verzichte auf Schnäpse, höre morgens lustige Musik und blinzle ins Sonnenlicht.

Und trotzdem:
„ZRTSCH Zahniger Zorn, ich zätsche, zundere, zaibe. (…) Ich haare, ich härsche. Öötschst. Heringst.“
(Paul Celan)

Zu alt für Festivals

Posted in Allgemein on Montag, 18. Juli 2011 by badana

Gurtenfestival. Gurkenfestival. Am ersten Festivaltag, inmitten von szeniger Menschenmasse, als ich in Gummistiefeln und hüpfend zu Eels „I like Birds“ mitgesungen habe, da fühlte ich das Glück durch mich hindurchrieseln – das kitzelte im Bauch. Ich bestaunte die kühle und schwerelose Ästhetik von Trentemøller, tanzte mit geschlossenen Augen, wiegte mich, liess mich treiben in den Lichtstrahlen, die von der Bühne auf mich zuschossen. Am zweiten Tag lagen wir dann nachmittags lange unter einem Sonnenschirm und ich hörte im Halbschlaf einen schwedischen Sänger, der ins Mikrofon schrie: „You shall bounce – or I will come down and flash my penis.“ Ich war natürlich auf der Stelle hellwach. In der Nacht sangen sich The Bianca Story auf der Waldbühne direkt in mein Herz und vertrieben die Geister der Vergangenheit. Als ich am dritten Tag zu schwächeln begann und zu dir gesagt habe: „Ich möchte aus mir auswandern.“ – hast du traurig gelächelt. Ich möchte nicht, dass du dich um mich sorgst. Am selben Tag entdeckten wir Thun, waren an einem kakophonischen Drehorgelfestival und sassen am Fluss und redeten uns ruhig. Später tranken wir viel Wein bei Kreislein und schrieben Gedichte auf seinen Tisch. Ich schlief auf einem weichen Sofa und zum Frühstück gab es Speck und Eier. Am letzten Tag, am letzten Tag endlich, da kam die Leichtigkeit zu mir zurück, zögerlich. Als wir mit einer fliessenden Handbewegung den Regen, die Nässe, die Kälte, aber auch die Musik wegfegten und schlammverdreckt im Kino mit unserer 3D-Brille sassen, da musste ich leise lachen und mir fiel ein: „Nothing that had happened to me thus far had been sufficient to destroy me.“ (Henry Miller)

Was nun bleibt ist eine leise Bedrücktheit, eine kleine Furcht vor der Gleichförmigkeit kommender Tage, eine Angst vor dem Vergessen, vor dem Winter, der naht, der jetzt schon manchmal da ist, den ich immer in meinen Knochen trage. Ich möchte nicht so streng sein, denke ich bisweilen, löse den Knoten in meinem Haar. Ich werde duldsam sein, jedoch nicht bescheiden. Kopf hoch, Kopf ab.

Unausgesprochene Worte

Posted in Allgemein on Donnerstag, 14. Juli 2011 by badana

Du siehst schön aus, dein Haar ist anders, ich mag es, wenn es dir in die Stirn fällt, es macht dich weicher. Bist du verliebt? Oh, ich hoffe so nicht, sei nicht verliebt, noch nicht, lass mir noch ein wenig Zeit, mich daran zu gewöhnen, dich nicht mehr bei mir zu haben. Dein Geruch ist mir immer noch so vertraut, halt dich von mir fern, sonst berühr ich dich, greif dir in den Nacken, wo deine Haut so seidig ist, mehr aus einer Gewohnheit heraus als aus innerem Drang. Ich muss so lachen, wenn du deine Rockerschnute ziehst, ich bin dir immer noch sehr zugewandt und hoffe so auf hundert Wunder, der Mensch hört nie auf, sich zu sehnen. Da ist immer noch was in mir, das bangt um dich, würde gerne all deine Bürden tragen, dein Kreuz der Traurigkeit, dich befreien aus deinem engen Kerker der Trägheit. Ja, es braucht Mumm, du hast Recht, fass dir ein Herz, geh nicht ein. Manchmal wundere ich mich ob deiner Ahnungslosigkeit und betrachte dich verdutzt, während du mit den Überbleibseln unserer Geschichte jonglierst. Ich frage mich, ob da irgendwo tief unten in dir, unter all den Schichten der Abgestumpftheit doch manchmal ein kleiner Aufseufzer sich verbirgt, ein leises Schade, wir wären ein so schönes Paar gewesen. Ja, du hast Recht, wir wären ein sehr schönes Paar gewesen. Du und ich.

Auf der Couch des Wahnsinns

Posted in Allgemein on Montag, 11. Juli 2011 by badana

Ich gehe zwei Mal pro Woche in die Therapie. Man fragt mich zuweilen: Wieso? – und ich antworte lakonisch: Wegen der Erkenntnis. So liege ich also zwei Mal pro Woche auf der Couch eines Fremden, zähle die Risse in der Decke und die Spinnweben und versuche, irgendetwas zu erkennen, das mich klüger machen könnte. Meist bin ich Zwei auf der Couch dieses Fremden. Da hat es etwas in mir, das immer alles will und etwas, das alles verabscheut und verleugnet.

Und wie geht es Ihnen heute?
Wie soll es mir schon gehen?
Wie meinen Sie das?
Ja, natürlich so pauschal und undifferenziert, wie es klingt.
Und wie fühlen Sie sich, wenn Sie die Welt so eindimensional sehen?
Eindimensional.
Weichen Sie dem Thema vielleicht aus?
Nein, aber ich weiss nicht, was ich sonst noch sagen soll. Da ist so viel in mir und doch so wenig.
Wie meinen Sie das?
Da ist ein Widerspruch, den ich ausmerzen will und zugleich weiss ich, dass mich gerade dieser Zwiespalt voranbringt.
Soso, der Zwiespalt bildet also den Antrieb in Ihrem Leben.
Ja, das habe ich soeben gesagt.
Spüren Sie Wut in sich, wenn ich das zusammenfasse, was Sie sagen?
Nein, eher Langeweile.
Denken Sie, ich müsste Sie unterhalten?
Nein, aber ich warte immer noch auf ein epiphanisches Erlebnis.
Wie sollte sich ein solches Erlebnis denn anfühlen?
Wie ein Blitz, der in mich einschlägt.
Und dann?
Dann wär ich tot.