Archiv für Januar, 2015

Bis der Schmerz wieder kam

Posted in Allgemein on Mittwoch, 28. Januar 2015 by badana

Sie spürte, wie sich das Brennen im Bauch verstärkte und verlagerte ein Bein nach oben. So schlief sie am liebsten, in der Froschstellung. Fröschlein hatte ihr erster Freund sie damals genannt. Damals mochte sie das, damals war sie noch jung. Sie hatte schon Jahre nichts mehr von ihm gehört, offenbar weilte er im Ausland, so wisperten die Gerüchte – in Rom, mit seiner neuen Freundin, die sicher sportlich war, ungeschminkt und die Haare immer keck zusammengebunden trug, die nach Bio-Rosensalbe duftete und nachsichtig lächelte, statt auf ihn böse zu werden. Es war besser für ihn, ohne sie zu sein. Und für sie machte es keinen Unterschied. Vielleicht hatte ihr deshalb die Göttin der ausgleichenden Gerechtigkeit einen scharfen Blick zugeworfen, sie abgestraft. Gleichmütigkeit schien die Göttin nicht zu dulden. Das Brennen breitete sich allmählich aus und sie hatte das Gefühl, als würde ihr Unterkörper in Flammen stehen.

Was hatte dieser Typ in jener Nacht nur mit ihr gemacht? Ihr Körper fühlte sich so an, als würde er sich zersetzen. Wahrscheinlich bildete er seit der ersten Sekunde dieses seltsamen Zusammentreffens wie besessen Antikörper, viel zu viele, viel zu viele, die ihren eigenen Organen den Garaus machen würden, früher oder später, bald. Wahrscheinlich stand sie schon mit einem Fuss im Grab und musste sich nun mit ihrem nahen Ende abfinden. In diesem Fall würde sie sich für ihre Beerdigung testamentarisch dieses eine Lied wünschen, in der Hoffnung, dass der eine oder andere Bekannte trotz tiefer und bodenloser Trauer den Humor doch nicht ganz verloren hätte und ein schiefes Lächeln unterdrücken oder hinter einem angerotzten Taschentuch verbergen müsste. Diese Vorstellung tröstete sie für einen kurzen Augenblick. Bis der Schmerz wieder kam.

Seit diesem Zusammentreffen mit diesem Mann und dem fühlbaren Auftauchen einer Horde wilder Antikörper hatte sie den Eindruck, in dichte Watte gepackt zu sein, rundherum von undurchlässiger Materie umgeben zu sein, die Geräusche und Empfindungen abfing. Sie stiess sich an Möbeln, Menschen, lief heranbrausenden Fahrzeugen vor die grellen Scheinwerfer, sodass sie hupen und abrupt abbremsen mussten, sie verpasste Haltestellen, Treffen, liess Zeitungen liegen und verteilte unabsichtlich all ihre Regenschirme über die halbe Stadt. Er hatte ihr gesagt, dass man Spuren im anderen hinterlässt, wenn man miteinander schläft. Offenbar hatte er ein Feuer in ihrem Bauch gelegt, das sie nun für immer quälen würde.

Sie drehte sich seufzend auf die andere Seite und blickte auf die Uhr. In vier Stunden musste sie aufstehen, duschen, sich anziehen, Kaffee kochen und über diese Brücke dort gehen. Später am Abend würde sie über die gleiche Brücke heimkehren, Sport machen, duschen, schlafengehen. Ihr Leben erschien ihr als Aneinanderreihung von kreisenden Belanglosigkeiten. Nur dieses Feuer, dieses Feuer liess sie nun in die Dunkelheit ihres Zimmers lauschen, die Schattenbilder an der gegenüberliegenden Wand beobachten, an nichts denken, an ihn denken, an nichts.

Horst Janssen: Eros, Tod und Maske.

Horst Janssen: Eros, Tod und Maske.

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Zumindest für heute Nacht

Posted in Allgemein on Freitag, 23. Januar 2015 by badana

Er war nun schon 12 Tage trocken. 12 Tage lagen hinter ihm, die ihm mit ihrer gestochen scharfen Klarheit das Hirn durcheinanderwirbelten. Er eilte schnellen Schrittes durch die Strassen und wunderte sich, wie unwirklich alles auf ihn wirkte: das distanzierte Grau des Himmels, die trübsinnige Nacktheit der kahlen Bäume, die gehetzte Einsamkeit auf den Gesichtern der Menschen. War für ihn der Rausch so zur Normalität geworden, dass die eigentliche Normalität nun unentwegt im Ausnahmezustand schien?

Gestern war er an so einem Treffen gewesen, an dem sich Fremde voreinander ausschütteten und sich gegenseitig an Erbärmlichkeiten zu überbieten suchten. Natürlich war sie ihm gleich aufgefallen – die Beine nachlässig übereinandergeschlagen blickte sie unentwegt auf ihre schwarz bemalten Fingernägel oder ihre Hände und wirkte, bis auf ihre Blässe und Zerzaustheit, erstaunlich rein im Kontrast zu diesen wüsten Kreaturen, die sie säumten. Gern hätte er ihre Stimme gehört, sie dabei beobachtet, wie sie ihre Beine auseinanderschlang und beim Aufstehen über ihre hochgerutschen Hosen strich – oder gar über ihr wirres Haar. Sie wirkte ungebändigt und frei, aber ein solcher Eindruck konnte täuschen, das wusste er aus eigener Erfahrung.

Die Frauen an seiner Seite veränderten sich immer. Sie mutierten früher oder später zu kleinen und ängstlichen Wesen, sodass sie ihn schliesslich mit ihrer unterwürfigen Unsicherheit anwiderten. Natürlich hatte er versucht, ihnen durch kleine Gesten die Bestätigung zu geben, nach der sie so offensichtlich gierten, doch auch das konnte den Abschied nur geringfügig hinauszögern. Irgendwann, spätestens nach zwei oder drei Monaten, war Schluss und er brauchte ein neues Paar Schenkel, das sich ihm freigiebig öffnete.

Als hätte sie seine Gedanken gehört, änderte sie ihre Haltung, richtete sich leicht auf, blickte ihn an und lächelte. Er nickte ihr zu, ernst, aber aufmerksam und wusste: Sie war verloren.

Das war gestern gewesen und er hatte sie draussen zuerst nach Feuer gefragt und dann nach ihrer Nummer. Ihre Stimme war angenehm rauchig und als sie ihm den Zettel mit ihrem Namen reichte, sah er auf ihrem Handrücken eine Tätowierung, die aufgrund der sie umgebenden Rötung neu sein musste. Es war ein kleiner Totenkopf und er musste innerlich lächeln. Er hatte sie älter geschätzt, die kleine Alina, die er nun bald treffen würde auf einen Kaffee oder zwei. Die kleine Alina mit ihren schönen Beinen und ihrer Schmirgelpapierstimme, die so Angst vor dem Tod hatte, dass sie ihn immer mit sich tragen musste, um sich sicher zu fühlen. Er würde sie beschützen, zumindest für heute Nacht und – wer weiss, vielleicht sogar für die nächsten paar Wochen. Armes Vögelchen. akt-von-unten-schoene-beine-linolschnitt

Roller Coaster

Posted in Allgemein on Mittwoch, 14. Januar 2015 by badana

An diesem geräumigen Holztisch sassen nur wir beide und einige Geister, die wir hin und wieder zwischen Zigarettenkippen und ungesüsstem Tee zu uns riefen, um sie gleich darauf wieder zu verscheuchen. Da gab es unsere Worte, die gegeneinanderprallten, verwirrt eine Weile im Raum herumschwirrten, um sich dann zufällig wieder zu streifen und irgendwann vollends zur Ruhe zu kommen, in einer dunklen, staubigen Wohnungsecke. Auch gab es da unsere Blicke, die nicht ineinander sanken, sondern bloss verwundert musterten – deiner meinte offensichtlich: Du bist auch noch da? Und ich stand „daneben wie die Verlängerung meines Bücherschranks und wartete, bis ich zugelassen würde.“

So vergingen Stunden und ich weiss nicht mehr, wovon wir sprachen, es war so Vieles und doch ganz wenig. Dies und das und irgendwas und das Licht im Raum änderte sich zögernd und unsere Hände griffen immer wieder fahrig zu Tassen, Früchten, Zigaretten und manchmal auch einfach aus Ratlosigkeit in die Leere. „…ich weiss nur noch, dass alles sich fortwährend veränderte und dass dies folglich so etwas Ähnliches sein musste wie Glück.“

Und dann war plötzlich Nacht und alles schien so unwirklich: Du und ich und dieser lange Holztisch, an dem wir sassen, darauf die Relikte eines regnerischen Sonntags. „Erinnerung an Lust ist die schwächste, die es gibt, sobald diese Lust nur noch aus Gedanken besteht, verkehrt sie sich in ihr eigenes Gegenteil: sie wird abwesend, und damit undenkbar.“

Also nahmen wir Abschied zu dieser späten Stunde, beide etwas beschämt und überfordert – nahmen Abschied für dann und für immer.

„Wollen wir uns darauf einigen, dass ich an jenem Tag glücklich war? In meinem Fall geht das immer mit Verlust einher und folglich mit Melancholie, doch der Grundton war Glück.“

(alle Zitate aus: Cees Nooteboom, Die folgende Geschichte)

John Malloy

John Malloy