Archiv für Mai, 2014

So nah, so fern..

Posted in Allgemein on Sonntag, 25. Mai 2014 by badana

.. heisst die Ausstellung der Fotografin Iren Stehli, für die ich heute aus der Stadt rausmusste, an einem Sonntag, an einem heissen Sonntag.

Ich vergesse immer wieder, wie sehr mich Fotografien berühren können. Wie traurig, wenn all die grossen Träume nicht in Erfüllung gehen und wie zärtlich die Fotografin die Zwischentöne einfängt, die leise Traurigkeit, das Alleinsein unter Vielen. Vor mir reihen sich die Bilder eines kleinen Lebens aneinander – wie übersichtlich, wie flüchtig.. Dieses Anhalten eines Augenblicks, dieses Konservieren eines Zeitpunkts, der schon längst verstrichen ist, das hat auch etwas Beängstigendes.. Auch Barthes hat dieses Festhalten eines Moments, den es so einmal in der Wirklichkeit gegeben hat, der aber unwiderruflich vergangen ist, als unheimlich bezeichnet, dieses „Es-ist-so-gewesen“, dieses Aufzeigen eines Bildes des Vergangenen, das dem Bild des Todes entspricht.

Heute war ein schöner Tag, keiner von vielen, sondern ein einzigartiger. Ich bin froh, dass er nicht eingefangen wurde auf einer Fotografie – so ist er ganz mein und vergeht auch mit mir.

Iren Stehli: Libuna. Prag 1977.

Iren Stehli: Libuna. Prag 1977.

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Betonfleck mit Grünzeug drauf

Posted in Allgemein on Dienstag, 20. Mai 2014 by badana

Die Jugendgang, die sich auf meinem Gartensitzplatz einquartiert hat, macht mir etwas zu schaffen. Jedes Mal, wenn ich mit grimmiger Miene heraustrete, um demonstrativ eine Zigarette zu rauchen – so im Sinne von „ich zeig euch jetzt mal, wem dieser Betonfleck mit Grünzeug drauf gehört“ – begrüssen sie mich einstimmig mit „Grüezi, händ Sie än schöne Tag gha?“ Natürlich fall ich nicht rein auf ihre vorgegaukelte Freundlichkeit, denn ich weiss, dass sie unter meiner gelben Gartenbank ihren Pot verstecken. Und wäre mir eine polizeiliche Stippvisite nicht so ein Gräuel, hätt ich sie schon längst verpfiffen. Ich nicke also erwachsen und starre an den neuen Tag an der Wand, der mir „SENSENMANN“ entgegenkrächzt. Schon noch hart, wenn einem der Tod tagtäglich die drohende Faust zeigt, vor allem beim Rauchen.

Es hat einen Dicken, unter diesen Jungs, der ziemlich laut ist, aber manchmal schaut er so traurig, da tut er mir fast schon leid. Jaja, versteck nur deine Melancholie hinter deiner Grossmauligkeit – denk ich – das hat mir auch nichts gebracht. Letztens fast mal Prügel, als ich einem kleinen Mongo im Suff etwas hinterhergerufen habe. Man wird nicht schlauer mit dem Alter, zieh ich Bilanz. Und all die Reden, man werde gelassener und ruhiger und ausgeglichener, die können mir allesamt den Buckel runterrutschen.

Da hat es auch noch einen Dünnen, unter diesen Jungs, der sagt sehr wenig und hat einen komischen Schnauz. Aber ich denke, er ist doch einer der Coolsten von ihnen, da er ein Töffli hat und mit sehr gönnerischer und lässiger Geste immer einen anderen seiner Jungs auf unserem Innenhof Runden drehen lässt. Das macht natürlich einen wahnsinnigen Lärm und da ich den Krach und den Sensenmann nicht so angenehm finde, fliehe ich zurück in meine überbezahlte Bruchstube und lass die Jungen jung sein und wende mich laut seufzend und Himmelherrgott-fluchend meinem Indoor-Fahrrad zu: Unsereins muss ja etwas mehr dafür tun, um in Form zu bleiben. Da nützen einige Runden mit dem Töffli auf einem schäbigen Hinterhof nix.

Ich vor 10 Jahrn am Spörteln.

Ich vor 10 Jahrn am Spörteln.

So rasend schnell

Posted in Allgemein on Dienstag, 13. Mai 2014 by badana

Als ihr Blick über die Dünen streifte und sich – im Versuch einen Horizont zu erblicken – im endlosen Grau verlor, als ihr der Wind den Regen ins Gesicht peitschte, die zigarettenhaltenden Finger ganz steif wurden vor Kälte und sie an die baldige Heimkehr dachte, an diese unfreundliche Stadt mit den aufgehübschten Rennfahrrädern, den geschlossenen Grüppchen und den immergleichen mit Abwehr übersäten Kiesplätzen, da verspürte sie in sich ein Ziehen, ein Ziepen, eine kleine Verzweiflung und den Drang, irgendwohin zu fliehen, an einen einfachen Holztisch, wo bereits eine warme Suppe auf sie warten würde und die Menschen ihr direkt ins Gesicht statt auf die Schuhe blickten. Da draussen gab es doch Menschen, die sie verstand und die sie verstanden, bei denen es keine Emoticons brauchte, um einen Witz zu beschildern, oder Themenlisten, um einen weinseligen Abend zu füllen, bei denen die Zeit so rasend schnell verging, dass man hastiger zu sprechen begann, um nichts ungesagt zu lassen. So rasend schnell – viel schneller als damals, als sie dieses letzte Gespräch geführt hatte und seine Augen so verschleiert waren, viel schneller als damals, als sich alle Köpfe nach ihr umdrehten, als sie diese Frage nicht beantworten konnte, viel schneller als damals, als der alte Mann hinfiel und sie sein angstvolles Gesicht sah, viel schneller als morgen, wenn sie dann wieder zu Hause sitzen würde, mit dem Computer auf dem Schoss und nicht zur Ruhe käme. Wieder mal einfach nicht zur Ruhe käme. So wie jetzt.

Rimel Neffati

Rimel Neffati