Schlaflied

Posted in Allgemein on Mittwoch, 2. August 2017 by badana

Pssst, liebes Mädchen. Denk nicht an die Narben, die schmerzen, wenn es regnet. Sei nicht töricht, sei ruhig, werde ruhig. Dein Herz war mal ein Ziegelstein, nun ist es rein. Ein Vogelherz, zittrig und klein. Denk nicht mehr an die Männer aus dem Osten, aus dem Norden, dem Westen und Süden. Die Zeit hat sie gefressen, mit Haut und allem. Nur der eine, der ist noch da. Der mit den breiten Schultern und mit dem Nacken aus Samt. Er denkt an dich, in diesem Augenblick.

Pssst, mein Herz, sei jetzt still. Dr. Fritz ist auf Besuch – lass ihn nicht wissen, wie du leidest, wie du dich quälst, dich windest in seinen trockenen harten Händen. Lass ihn nicht wissen, dass du noch da bist. Kann er dich riechen? Dein Versagen, deinen Zwiespalt, deinen Wahn?

Pssst, meine Kleine, sei jetzt still. Wisch alle Gedanken weg, heb den Arm, tu es jetzt. Wisch den Schmutz auf den Boden, hau die Stühle um, schmeiss die Fenster in die Ecke, lass es dunkel werden. Dies alles ist nicht wirklich. Atme ein und aus. Lass Leere rein, leg dich hin.

Und nun mein Mädchen, deck dich zu. Wenn du die Augen schliesst, verschwindet die Welt. Es ist ganz leicht. Morgen ist ein neuer Tag.

 

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In der fernen Vergangenheit

Posted in Allgemein on Dienstag, 25. Juli 2017 by badana

Er sass da und wartete auf etwas. Der eine Mensch war reingegangen und der andere kam heraus, setzte sich hin und schwieg. In der Ferne konnte man Rufe Betrunkener hören und Motorengeräusch – hin und wieder brachen Musikbrocken durch offene Türen, die daraufhin gleich wieder geschlossen wurden. Auf den Strassen musste Ordnung herrschen.

Er spürte ein Kribbeln in seinen Fingern, den Reiz, etwas anzustellen, jemanden hart anzupacken, eine Flasche zu zerschlagen. Er legte die Fäuste auf den Tisch, der klebrig war und liess das Gefühl vorüberziehen. Die Nacht roch aufrührerisch, dreckig, er wollte sie auskosten bis zum letzten Tropfen. Gesichter wechselten sich ab, jetzt begann wieder einer zu sprechen, dann ein anderer von etwas anderem. Sie glichen sich alle, die da – sie hatten weisse Nasen und Münder aus denen Worte in die Welt stachen wie Seefahrer ins Unbekannte. Je mehr die Stunden verstrichen, desto leiser wurde das Lachen, auch seines, desto suchender der Blick. Die Zeit war sein Feind und ein flinker Läufer, immer um eine Armeslänge voraus.

Auf dem Heimweg dachte er an nichts und niemanden. Die Sehnsucht war ihm abhanden gekommen, irgendwann an einem belanglosen Wochentag in der fernen Vergangenheit. Er hörte seine Schritte gedämpft auf dem Asphalt. Wie ein Raubtier wollte er sich bewegen. Unbemerkt, lautlos.

Sein Schlaf war tief und traumlos. Dann helles Licht, sein Leib in Aufruhr, aufgepeitscht und erschöpft zugleich. Er spürte seine Muskeln brennen, hatte Lust auf Haut, irgendwen, einerlei – seine Nerven gespannt, seine Unrast bis ins Unerträgliche gesteigert. Nichts band ihn an dieses Leben, ausser die fehlenden Möglichkeiten. Satt liess er sich wieder ins Bett fallen. Rasch sank er ins Dunkel, das sich hinter seinen geschlossenen Lidern verbarg. Wieder ein Tag vorbei, wieder einer geschafft.

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Mein Schatten

Posted in Allgemein on Sonntag, 23. Juli 2017 by badana

Wenn die Sonne mittags den Asphalt zerreisst, blicke ich auf die Strassen dieser Stadt. Ich spüre die Stärke von tausend wilden Kriegern in mir, könnte zerbersten, mich über alles ergiessen. In Weiss getaucht verharren die Häuser in erstarrtem Schrecken. Hart fällt mein Schatten auf diese Erde, die mich über Umwege zu dir trägt.

Die Tage verziehen träge ihre Stunden. Du schweigst und ich lege dir Worte in den Mund. Ich lege deine Arme um mich und lege mich schlafen in dir. Wo beginnst du und wo soll ich enden?

Komm nicht näher. Hier: Drei Meter Entfernung zwischen uns. Jeder in seiner Ecke – zwischendurch wird Blut gespuckt. Dann wieder kaltes Metall und spiegelnde Scheiben. Unsere Telefone sind stumme Glasgestalten, die sich anschweigen. Ja, warte noch etwas: bis zur nächsten Runde.

Hummeln im Hintern

Posted in Allgemein on Dienstag, 4. Juli 2017 by badana

Ja, die Karli hatte schon immer Hummeln im Hintern. Schon als sie nicht mehr ganz Kind war und auch noch keine Frau, mit ihren Hühnertittchen, schon da stolzierte sie über den Schulplatz mit viel zu kurzen Hosen und ihren langen Beinen – ja, bis zu den Ohren gingen die – ja, schon da wusste man, die ist eine von denen, die Ärger macht, die viel zu früh schon nach den Burschen schaut, und zwar nach denen, die auf dem Pausenplatz hinter der Turnhalle rauchten. Für die anderen, die mit den Büchern und den sauberen Fingernägeln hatte sie keinen Blick übrig. Ja, die Karli, wie sie so langsam über den Marktplatz ging – als wärs gestern gewesen, so seh ich sie vor mir – und sich ganz genau bewusst war, dass nun alle schauten. Leider wurde sie dann immer öfter mit den Sutter-Brüdern gesehen. Jaja, man sagte sich, dass sie alle drei zu sich ins Bett liess. Aber wer weiss. Die drei Brüder jedenfalls, die hatten nur Chabis im Kopf, das lag in der Familie: Tranken und zerdepperten dann ihren Töff an unseren Ampeln im Dorf. Die waren nichts für die Karli, aber die hatte ja immer schon einen so sturen Grind, die wollte nie nachgeben – immer durch die Wand, komme, was wolle. Irgendwann hatte auch sie die Nase voll von denen und plötzlich sah man sie immer mit dem Deutschlehrer. Der sah zwar ganz anständig aus, hatte aber Frau und Kinder, der Sauhund. Was gab das für ein Geschrei in der Gemeinde! Aber die Karli scherte sich nicht drum, ignorierte die bösen Blicke und trug nur noch so Strümpfe mit Löchern, um die andern noch mehr zu triezen. Eines Tages war sie dann plötzlich verschwunden. Nicht mal ihr unnützer Vater wusste, wo sie abgeblieben war. Die einen sagten, sie sei in die nächste grosse Stadt und hätte da einen geheiratet, dem die Hand hin und wieder ausrutschte. Schliesslich soll er sie sitzengelassen haben, mit drei Bälgern. Vor Kummer hätte sie angefangen, zu tief ins Glas zu schauen. Und irgendwann, ja irgendwann, waren die schönen Beine weg und ihr Gesicht aufgebläht wie ein Zigerkrapfen. Ich aber, ich denk mir, dass das Unfug ist. Die zerreissen sich nur wieder ihre Mäuler vor Neid. Die Karli lebt jetzt sicher irgendwo in einer Weltstadt – Paris oder so – und spaziert da durch die Strassen mit so einem schicken Hut auf und die Lippen immer rot angemalt. Die hatte es schon immer faustdick hinter den Ohren, die Karli. Nein, das ist keine, die sich vom Leben unterkriegen lässt. Nein, nicht die Karli.

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Niels Corfitzen

 

Ich dort, du hier

Posted in Allgemein on Dienstag, 13. Juni 2017 by badana

Ja, sag..

Nein, sag du.

Ich lausche deiner Stimme, sie führt mich über den Atlantik, über Berge, Täler, Flüsse und Seen. In diese Strasse, die ich einst so verbissen suchte, in einer langen trunkenen Nacht. Sie führt mich zu deinem Haus mit den roten Fensterläden. In deine Wohnung – der Ventilator surrt laut – es gibt wenig Besteck, doch hierhin gehör ich: unter deine hässliche Bettdecke, an deinen Rücken gepresst. Ich höre dich atmen und falle in einen tiefen, ruhigen Schlaf.

Die Stunden verstreichen träge. Ich bin dort und du bist hier. Wir tauschen Plätze, Bilder, Worte. Alles fliesst. Ich löse mich auf und bin erleichtert, dass mein Kopf endlich stillsteht. Demütig bette ich meine Sorgen in deine grossen Hände – du trägst sie fort und lässt sie wie Drachen steigen auf dem höchsten Punkt deiner Stadt.

8310,69 Kilometer liegen zwischen uns: Du spielst Pingpong und ich schreibe dir endlose Liebesbriefe, die dich niemals erreichen. Gebe dir Namen, die nur mir gehören. Lerne Sehnsucht von neuem – trinke schwarzen heissen Kaffee, verbrenne mir Mund und Zunge vor Hast. Ein Feuer lodert in mir. Ich lasse es brennen, schlendere langsam den fremden Strassen entlang. Denke an dich, entdecke Begehren, verstecke mein Lachen – es gehört nur dir.

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Helene Delmaire: Dos, 2014.

 

Ich werde dunkel

Posted in Allgemein on Mittwoch, 24. Mai 2017 by badana

Ja, so ist das jetzt und doch unerwartet. Du und ich und dieser Tisch und alles ist genau so, wie es sein sollte. Nur: Mein Vogelherz hat den Mut verloren in all den vorangegangenen Schlachten. Es muss rasten – dieses feige Organ.

Rasten, warten.. Warten worauf – bis dieser Tisch uns entzweit? Diese höhnischen Teller, die perfiden Gläser, die so tückisch im hereinbrechenden Licht funkeln. Ihr seid meine Feinde, Boten des trostlosen Alltags, der Streitgespräche und der Differenzen. Du da und ich hier, dazwischen eine Tischplatte, die sich so weit erstreckt. Du bleibst vage, dann bin ich es auch und diese Gegenstände gewinnen gegen uns. Ein Ozean zwischen uns und du willst vage bleiben? Ist es so, mein Freund?

Ja, ich werde dunkel, sobald du mir zu nahe kommst. Ich werde dunkel und bleiern und ja, du kannst wieder gehen. Da ist die Tür. Ich habe zu viel Tage verschwendet mit Menschen. Mit Menschen, die zu wenig wussten von sich selbst, von ihrem Gegenüber. Die an Wände laberten, Reden schwangen. Bist du so einer, mein neuer Bekannter?

Siehst du mein grosses starkes Herz und willst es im Sturm erobern? Oder wartest du darauf, dass die Tischplatte immer mehr Platz einnimmt zwischen uns, bis wir uns kaum noch erkennen können, immer kleiner werden und kleiner, bis wir irgendwann mal aus dem Blickfeld des Anderen sang- und klanglos verschwinden, ohne eine einzige Spur hinterlassen zu haben? Als hätte es uns gar nie gegeben?

Willst du das, mein grosser starker Mann?

Eva Christin Laszka: Longing.

Eva Christin Laszka: Longing.

 

Zu grossen Teilen fremd und kalt

Posted in Allgemein on Dienstag, 16. Mai 2017 by badana

Was? Es war laut. Der Raum war so verraucht, dass die Augen brannten und jedes Ziehen an der Zigarette fühlte sich an, als würde man in einem brennenden Haus stehen und tief Luft holen. Er hatte sie zuerst nicht gesehen und unerwartet stand sie vor ihm. Immer noch in Einzelheiten vertraut, aber zu grossen Teilen fremd und kalt. Gerne hätte er ihr laut ins Gesicht gelacht, doch nun stand er vor ihr auf unsicheren Beinen und wusste nicht, wohin mit seinen Händen. Also noch eine Zigarette, noch ein Bier, um seine Finger zu beschäftigen – noch ein Versuch, Erklärungen zu finden für Dinge, die das Leben macht, ohne Erklärungen abzugeben. Die Wut lag schwer in seinem Magen, füllte ihn aus, ihm war schlecht vor Sattheit.

Er konnte bleiben, darauf warten, bis sie ging, er ihr nachsehen musste. Diesen Augenblick würde er immer wieder durchspielen: Er, mit unbeholfenen Händen, verharrend – sie, wie sich den dicken Rauch durchschnitt, den Raum verliess. Danach Dunkelheit und noch mehr Flaschen und noch mehr Nikotin, bis der Husten in seiner Brust rasseln würde wie in einer Musikstunde für Anfänger. Später läge er im Bett, vielleicht nicht in seinem, und dieser Moment würde in seinem Kopf Kreise ziehen – bis zum Zerfall. Danach Dunkelheit und Kopfschmerzen, gefolgt von weiteren verrauchten Räumen und weiteren Musikstunden in seiner Brust.

Er konnte nun bleiben. Er könnte auch woanders sein. Das Leben fühlte sich an, als hätte es sich von ihm entfernt, als hätte es ihn zurückgelassen in einem brennenden Haus, ohne Wissen um seine Ausgänge. Gerne würde er diese Mauern niederreissen, ins Freie treten. Sich langsam bewegen, ganz langsam – Richtung Zukunft durch die Nacht.

Daniel Sequeira

Daniel Sequeira