Wie oft

Posted in Allgemein on Freitag, 9. März 2018 by badana

Ein bisschen schaut er ja aus wie Dr. Fritz, denke ich, während ich Herrn Beer betrachte, der seine schlanken Beinchen übereinandergeschlagen hat. Wir trinken Kaffee und draussen nieselt es. Sein Raum ist freundlich und hell. Wahrscheinlich um die ganzen Irren zu besänftigen, die hier den lieben langen Tag herumsitzen und sich die Sorgen von der Seele reden. Er fragt mich, wie es mir geht und ich frage nach konkreten Resultaten: Wie oft muss ich herkommen, damit ich ein anderer Mensch bin? Er lächelt milde und erzählt mir, dass man sich heutzutage immer fremder wird, weil man nur macht und nicht ist. Ich sage ihm, dass sich die Leute zu wichtig nehmen und nur jammern und nicht handeln. Ab und zu nimmt einer von uns einen Schluck Kaffee, an meiner Tasse klebt Lippenstift, seine ist nicht aus Plastik.

Die Stunde vergeht wie im Flug und ich wickle mich traurig in den Schal, als ich sein warmes Zimmer verlassen muss. Es nieselt immer noch, aber ich weigere mich, einen Schirm herumzutragen. Die Menschen, die mir auf der Strasse begegnen, sind etwas grau im Gesicht und ihre Mundwinkel zeigen Richtung Asphalt. Es würde ihnen auch gut tun, mit Herrn Beer Kaffee zu trinken und sich etwas zu wärmen. Irgendwie vergesse ich bereits auf dem Heimweg, was ich alles machen will, um besser zu werden, ich muss an all die Lebensmittel denken, die ich kaufen muss, die Arbeit, die auf mich wartet, das Paket, das auf die Post soll. Der Alltag stülpt sich über mich wie eine Käseglocke und ich eile nach Hause, um Listen zu schreiben, die ich wieder verwerfe.

Vor dem Einschafen erinnere ich mich an meine Vorsätze und versuche, mich in Achtsamkeit zu üben. Die Frau fordert mich beruhigend auf, in meinen linken Daumen zu atmen und ich fühle Wut in mir hochsteigen, meine Glieder werden eiskalt. In den Daumen atmen, das geht ganz sicher nicht. Und wer redet so sanft, das geht auch gar nicht. Ich bin kurz davor, mein Schlafzimmer auseinanderzunehmen und zu toben, aber da ist es schon passiert: Ich bin eingeschlafen.

Morgen, ja – schon morgen vielleicht, bin ich ein anderer Mensch.

Caryn Drexel

Caryn Drexl

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Bloss ein Pferd in einem Raum in einem Haus im Nirgendwo

Posted in Allgemein on Mittwoch, 21. Februar 2018 by badana

Ich sage dir: Es ist bloss ein Pferd in einem Raum in einem Haus im Nirgendwo. Das Fenster zu klein oder zu hoch, um rauszuschauen. Dahinter verschwommenes Blättergewirr. In meinem Traum, in meinem Traum, da sitzt das Pferd in diesem Raum und weiss nicht, woher es kommt und wohin es gehen soll. Es sitzt nur da und wartet ab, bis der Abend endlich die müden Hände über dem Haus zusammenschlägt. Auf der Strasse hört man noch Fahrradklingeln und das Geschrei von wütenden Buben, die ihre Fäuste erheben gegen den Himmel, der nun Regen von sich lässt. Sie wissen, dass sie nach Hausse müssen, zu strengen Müttern und kalten Spargeln in grossen Schüsseln mit feinen Rissen darin.

In meinem Traum wird der Himmel plötzlich grau, während sich seine Wolken zu jagen beginnen wie angsterfüllte Wollknäuel. Das Pferd blickt in eine Ecke des Zimmers. Im Zimmer herrscht angenehmes Licht und von der Decke kommt gedämpfte Musik. Wenn das Leben ein Lied wäre, dann wäre es das, denkt das Pferd und summt leise mit. Auf der Strasse ist nun Ruhe eingekehrt, der Regen plätschert auf den Kopfsteinpflastern und sammelt sich rauschend in Strassenrinnen, um geräuschvoll in schwarzen Löchern zu versickern.

Ich schaue dem Pferd beim Warten zu und das Pferd betrachtet mich von Zeit zu Zeit mit unverhohlener Neugier. Ein schöner Traum ist das – denke ich – und möchte noch ein Weilchen weiterschlafen.

Andrea Lehmann

Andrea Lehmann

Bis wir nicht mehr weiterkönnen

Posted in Allgemein on Sonntag, 21. Januar 2018 by badana

Lass uns noch weiter. Ich bin nicht müde und es ist noch früh. Wohin wir sollen? Ich weiss es nicht – vielleicht eine Weile geradeaus, den grauen Mauern und hellen Fenstern entlang – bis wir nicht mehr weiterkönnen. Du fragst: und dann? Und dann biegen wir ab, gehen über die Brücke dort, den tosenden Fluss, machen uns die Schuhe schmutzig und möglicherweise fällt einer von uns hin. Nicht weiter schlimm, ich reich dir die Hand oder du mir, das wird schon gehen, irgendwie. Hauptsache, wir bleiben nicht stehen, Hauptsache, wir vergessen nicht, dass wir noch da sind, du und ich.

Ja, lass uns einen Schritt vor den anderen setzen. Deine Schritte sind grösser, aber das macht nichts. Ich hol schon auf, du wirst sehen. Gib mir etwas Zeit, schau nicht so gereizt. Ich kann nichts dafür, dass mir die Beine zu kurz geraten sind. Du lachst und ich vergrab mich in deinen Armen. Du riechst nach Wind und klarem Wasser. Hier gehör ich hin.

Wenn es dunkel wird und die Müdigkeit uns anfällt wie ein lauerndes Tier, dann wärmen wir unsere kalten Glieder an wilden Feuern und flüstern uns gegenseitig in den Schlaf. Du errichtest Städte im Traum und ich bekomme Besuch von meinen Geistern. Wenn wir wach sind, erzähle ich dir von den dunklen Schatten und du von deinem Haus am Meer. Zeigst du es mir? Du sagst: Ich glaub, du hast es schon gesehen, ich bin nicht sicher, aber ja, es ist ganz nah.

Siehst du. Auch wenn die Wirklichkeit keinen Platz für uns bereithält, wir können ihn woanders finden. Ich hab dich in der Zukunft gesucht und in der Gegenwart gefunden. Ohne dich ist das Leben trostlos. Komm, sagst du, wir gehen weiter, es ist schon hell. In der Ferne stehen Häuser und dahinter sieht man einen Himmel mit Wolken, durch den allmählich Licht hervorbricht. Ich küss deinen Nacken und bin ein klein wenig glücklich. Du meinst: Ich freu mich auf Kaffee.

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Caspar David Friedrich: Der Mönch am Meer, 1808–1810.

 

Tell it Like it is

Posted in Allgemein on Freitag, 5. Januar 2018 by badana

Sag, soll ich auch schweigen wie du. Willst du gewinnen. Gewinnen – was? Den einsamen Ritt in den Sonnenuntergang, den du dir wünschst. Da ist er – wohlan denn. Schau, wie schön die Rottöne des Himmels schillern. Sie gehören nur dir.

Was bringt dir das verbissene Festhalten an einer Zukunft, die du schwarz malst. Mir mir wär sie bunt, weisst du. Wie der Sonnenuntergang. Einfach ohne Pferd, stattdessen mit mir. Du lachst, ich weiss. Ich lach mit dir. Zusammen sind wir bunt.

Ich habe versucht, dich loszuwerden im Trubel der Stadt, dich abzuschütteln mit jedem Glas, das ich trinke, jeder Zigarette, die ich rauche. Ich habe versucht, dich wegzu-knutschen, wegzu-labern, wegzu-swagen. Doch du bleibst, gross und unerschütterlich. Ich weiss nicht mehr, was ich tun soll. Sobald ich nüchtern bin, bist du da.

Ich denke daran, dass deine Stimme ganz fein wird, wenn du müde bist. Daran, dass du deine Augen etwas zusammenkneifst beim Lächeln, wenn dich etwas berührt. Daran, dass mein Herz überläuft, wenn ich dich umarme und du dabei seufzt. Ich denke an deine Streitlust, deine Narben, deine Wut. Deinen roten Pullover, der mich wie ein Sputnik wohlbehalten durch die Nacht und ihre Abgründe führt.

Stunden, Tage, Wochen sind schon vergangen. Zähl sie. Es sind deren viele. Denkst du, du kannst mich vergessen, wenn nur genügend Zeit verstreicht. Oder ich dich. Das hätten wir doch schon längst, wenn es möglich wäre.

Sag, soll ich auch schweigen wie du.

 

Und du?

Posted in Allgemein on Mittwoch, 3. Januar 2018 by badana

Auch ich bin nun ein anderer Mensch, ein anderer Mensch durch dich geworden. Vielleicht bin ich gefährlicher – für mich, für andere, sehe Schwächen eher und weiss, wo ich zuschlagen muss und wann. Ja, mein Herz ist nicht mehr rein und das ist gut so. Du hast mich gelehrt, hart zu sein und umbarmherzig. Ich schnippe Nacken weg und Münder, die Unrat produzieren. Ich komme in einen Raum und sehe, wo mein Feind steht. Natürlich weiss ich, dass du das nicht wolltest. Aber wenn zwei Menschen sich begegnen, nehmen sie etwas vom anderen mit. Ich hab deinen Zorn mitgenommen.

Und du?

Dir habe ich meine Traurigkeit geschenkt. Du trägst sie jetzt mit dir wie einen verwundeten Vogel, lässt sie nicht los. Weshalb. Manchmal spüre ich, wie du mich beobachtest durch die Nacht. Hin und wieder laufen mir deine Häscher über den Weg, sie wollen meine Fehler zählen, dir berichten von meiner Raserei. Auch die sitzt tief, ich halt sie versteckt, niemand soll sie sehen. Vor allem nicht du.

In welchen Armen schläfst du heut Nacht. Zählst du Zeichen auf Frauenkörpern und Bilder, die sie von sich streuen. Flatterhaftes, vergängliches Zeug. Macht es dich glücklich, neben jemandem zu erwachen – neben jemandem, der nicht so ist wie ich.

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Adrian Ghenie: Pie Fight Study, 2012.

 

Winter

Posted in Allgemein on Dienstag, 26. Dezember 2017 by badana

Der Dezember fasst mich mit eisigen Fingern an, mein Herz steht auf dem Abstellgleis. Kaffee schmeckt schlechter ohne dich, aber was soll’s. So ist das Leben, so ist es halt. Ich ziehe durch die graue Stadt, schreib deinen Namen auf Wände, die bald abgerissen sind. Wie schnell sich alles wandelt, das Leben rast vorbei.

Wenn die Nacht einbricht, sehen Bagger aus wie kleine Elefanten und Kräne wie listige Giraffen. Ich möchte dir endlose Geschichten erzählen, flüstere zu Hunden und in verlassene Hinterhöfe. Mir ist klamm, mein Schal verheddert sich ständig im Wind. Überall Fallen von dir, ich habe gelernt, sie zu meiden. Jetzt schweigst du. Dann tu ich es auch.

So vergehen die Tage, gesäumt von Lichterketten und ich liege hier und denke an deine Abwesenheit. Immer wieder lösche ich deine Spuren, schreibe unsere Geschichte rückwärts. Jemand klopft an mein Fenster – du bist es nicht. Ich ändere mein Gesicht unbemerkt täglich. Etwas in mir wird immer dunkler. Manchmal hab ich Angst vor mir. Sag, dauert dieser Winter noch lang.

Nadja Sveir

Nadja Sveir

 

Einerlei, was wir fürchten

Posted in Allgemein on Donnerstag, 21. Dezember 2017 by badana

Was – ein Blick auf meine Schuhe beweist, ich stehe noch hier, auf hartem Grund aus Plastik, in irgendeinem Club, in dem Gläser klirren und Menschen schnattern. Ich stehe noch hier und blicke hoch in dein vertrautes Gesicht, das aus dem Nichts auftaucht. Wir schauen uns an und Stunden müssen vergehen, Monate, Jahre, vielleicht – die Zeit zieht Fäden. In meiner Brust explodiert etwas: Da bist du also wieder, so stark, sanft und tief. Die Nacht trägt uns davon, wir wehren uns nicht. Schau, es ist schon hell, die Traurigkeit erfasst mich in Wellen. Ja, bring mich heim, ich bin so müde.

Wir verstricken uns wie Wolle, bilden Knäuel, verheddern uns, verlieren uns ineinander. Draussen zieht die Welt vorbei und wir spielen Geschichten vom Alltag zwischen frisch gewaschenen Bettlaken, sprechen in fremden Stimmen, sind berührt, berühren uns. Genau so soll es sein, genau so und nicht anders. Es ist schon wieder dunkel und wir machen Frühstück, trinken Kaffee und hören dem Brummen des Kühlschranks zu. Ja, da gehörst du hin, ans andere Ende dieses Tisches. Du hast müde Augen, lass uns noch ein bisschen schlafen. Du nimmst mich bei der Hand und ich lasse mich fallen in deine starken Arme. Bei dir darf ich schutzlos sein, in dir kann ich ruhen.

Einerlei, was wir fürchten: Hier gehörst du hin. Es ist so einfach wie das Atmen, es ist ganz leicht. Es ist viel leichter, als ohne dich zu sein – in einer kalten Welt, in der jeder seine Trauer in den Augen trägt.

Du fragst: Ist es okay, wenn ich jetzt gehe? – und drehst einen leeren Teller zwischen den Fingern, dein Lächeln ist angedeutet, meines auch. Ja, geh, der Tag neigt sich seinem Ende zu. Komm aber bald wieder. Meine Türe steht dir offen, mein Herz auch. Einerlei, was ich fürchte:
Hier gehörst du hin.

Jaya Suberg

Jaya Suberg