Wie ein verwundetes Tier

Er sah den Gletscher, wie er sich vor ihm aufbäumte wie ein verwundetes Tier. Die Sonne brach auf das jahrhundertealte Eis ein und glitzerte im Licht wie eine zerbrechliche Kostbarkeit. Dieser Koloss wird keine hundert Jahre überdauern, dachte er, und eine Schwere befiel ihn, gefolgt von Ehrfurcht.

Als er da stand und nach sauerstoffarmer Luft schnappte, da fühlte er: Wie alles ganz und gar vergänglich war. Er sah die Menschen aus einer weiten Entfernung, wie sie kämpften, litten, lachten, tranken – und alles nur, um zu vergessen, wie endlich sie waren in ihrem Hadern und Zaudern. Wir alle wollen geliebt werden und lieben und wir alle haben Angst vor der Nichtigkeit, so dachte er und kämpfte mit der Kälte des Windes.

„Wenn er allein im verdunkelten Zimmer lag und das Sonnenlicht in Bohlen durch die Spaltluken der Fensterläden fiel, überkam ihn ein tiefes Gefühl von Einsamkeit und Trauer. Er sah sein Leben vor sich wie einen Weg durch düsteren Wald; er wußte, daß er immer einsam sein würde. In diesem kleinen Rundschädel gefangen, in dieses unerforschliche, pochende Herz gesperrt, würde sein Leben immer einsame Wege gehn. Verloren. Er verstand, daß die Menschen einander immer fremd bleiben, daß keiner je um den andern weiß; daß wir aus der Haft des dunklen, mütterlichen Leibes entlassen werden, ohne der Mutter Angesicht zu kennen; daß wir als Fremde an ihre Brust gelegt werden … daß wir nie die eisernen Gefängnismauern des Seins durchbrechen können, gleichviel, wessen Arm uns umfängt, wessen Mund uns küßt, wessen Herz uns erwärmt. Nie, nie, nie, nie, nie.“ (Thomas Wolfe: Schau heimwärts, Engel!)

So sei es, dachte er, wendete den Blick vom sterbenden Gletscher ab und machte sich auf den Weg zur Stadt, irgendeiner, in der ihn erleuchtete Fenster empfangen würden, vor denen er stände, still und rauchend. Vor Fenstern, die Wärme beherbergten, Familien, Sorgen und Freuden. Er würde ausharren, bis die Lichter erlöschen, die Fenster ins Dunkel wanderten – dann käme die Zeit, in sein einsames Bett zu pilgern, ohne Zweck und ohne Sinn, nur um des Schlafes willens. Er würde schlafen, aufwachen, fressen, scheissen, arbeiten – um dann wieder schlafen gehen zu können. Ohne Zweck und ohne Sinn. Draussen vor den Fenstern der Welt. Immerfort.

J. M. W. Turner: Shade and Darkness. 1843.

J. M. W. Turner: Shade and Darkness. 1843.

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: