Schlaflied

Pssst, liebes Mädchen. Denk nicht an die Narben, die schmerzen, wenn es regnet. Sei nicht töricht, sei ruhig, werde ruhig. Dein Herz war mal ein Ziegelstein, nun ist es rein. Ein Vogelherz, zittrig und klein. Denk nicht mehr an die Männer aus dem Osten, aus dem Norden, dem Westen und Süden. Die Zeit hat sie gefressen, mit Haut und allem. Nur der eine, der ist noch da. Der mit den breiten Schultern und mit dem Nacken aus Samt. Er denkt an dich, in diesem Augenblick.

Pssst, mein Herz, sei jetzt still. Dr. Fritz ist auf Besuch – lass ihn nicht wissen, wie du leidest, wie du dich quälst, dich windest in seinen trockenen harten Händen. Lass ihn nicht wissen, dass du noch da bist. Kann er dich riechen? Dein Versagen, deinen Zwiespalt, deinen Wahn?

Pssst, meine Kleine, sei jetzt still. Wisch alle Gedanken weg, heb den Arm, tu es jetzt. Wisch den Schmutz auf den Boden, hau die Stühle um, schmeiss die Fenster in die Ecke, lass es dunkel werden. Dies alles ist nicht wirklich. Atme ein und aus. Lass Leere rein, leg dich hin.

Und nun mein Mädchen, deck dich zu. Wenn du die Augen schliesst, verschwindet die Welt. Es ist ganz leicht. Morgen ist ein neuer Tag.

 

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