Liebe Frau M.,
bin nun schon über einen Monat hier. Wohne im Hotel und frühstücke im Café und doch will irgendwie keine rechte Bohemien-Stimmung aufkommen. Träume die ganze Zeit. Meistens nicht mal nachts. Vor drei Monaten hätte ich ähnliche Geschichten wahrscheinlich belächelt. Aber grade jetzt ist mir so gar nicht ums Lachen. Vorhin war ich eben Zigaretten kaufen, da hatte ich so ein Ding, dem ich jetzt nicht Vision sagen möchte, aber beunruhigend war es allemal: Ich hatte eine Schatzkarte und bin dem Weg nachgegangen, der da beschrieben war und urplötzlich stand ich in einem grossen Gewölbe, das proppenvoll mit immensen präparierten Skeletten war und dann hab ich mich angefangen zu drehen, bis mir fast schwindlig wurde. Am Schluss donnerte eine unheilvolle Stimme durch die Hallen, die sich dann als diejenige des Verkäufers herausstellte, wieder real also.
Vor zwei Tagen hat mich der Franz angerufen. Irgendwie hat er spitzgekriegt, dass ich mich im Büro auf unbestimmte Zeit habe freistellen lassen und nach Italien gefahren bin und da der Franz zwar ängstlich aber trotzdem nicht blöd ist, hat er natürlich gleich kapiert, dass ich Sara suchen gegangen bin. Meine Güte, hat der mich ausgeschimpft. Er mache sich Sorgen um mich und die Bärbel auch (wobei ich mir das schlecht vorstellen kann, die wollte ihn sicher einfach loswerden, du weisst ja, wie anstrengend der Franz sein kann, wenn er so ängstlich und bemutternd wird) und was mir einfalle, ich würde einem Hirngespinst nachrennen und so weiter. Ich bin eigentlich bis fast zum Schluss ziemlich ruhig geblieben, aber dann ging die alte Litanei wieder los: Sara habe mich sitzengelassen und nicht geschätzt und die Familie nicht respektiert und verdiene den ganzen Aufwand nicht und noch mehr Dinge hat er gesagt, von denen er schlicht keine Ahnung hat. Da habe ich dann ein wenig die Contenance verloren und ihn etwas schroff zurechtgewiesen, dem folgte ein ziemlich unverständliches Geschrei seinerseits und dann hat er aufgelegt. Es tat mir schon leid, weil ich ja eigentlich genau weiss, dass er sich Sorgen macht und ich versteh auch, dass diese Italien-Aktion für Aussenstehende ziemlich verrückt klingen mag.
Aber dann kam das Finale: Etwa zehn Minuten später klingelte wieder das Telefon und dieses Mal war Helena dran und hat gefragt, ob ich denn alles habe, was ich brauche, ob man mir etwas schicken soll, Socken (!!!) und so weiter. Ich hab geschäumt vor Wut! Da kommt dieser Prototyp von Hausfrau (immerhin die Anvertraute meines Bruders, also gewissermassen involviert) und fragt nicht einmal, wie es mir geht, sondern zieht mit mir die gleiche Nummer durch wie mit ihren Kindern und sowieso der ganzen Welt. Zum Schluss fragte sie mich, ob ich mich gut ernähren würde, weil das wäre wichtig, wenn man so anstrengende Reisen unternimmt und Italien sei ja nicht so hygienisch etc. Hätte das Schicksal meinen Wünschen entsprochen, es hätte Atombomben auf die Schweiz geregnet. Ich hab dann kommentarlos aufgelegt und mein Handy in den nächstbesten Gully geworfen. Keine Lust und keine Energie für Mittelstands-und Mutterkomplexe. Du hättest sicher vermittelt…
Bin übrigens dann in diesen Buchladen gegangen. Hat mich unglaubliche Überwindung gekostet, weil ich mir gar nicht mehr so sicher war, ob ich eine Begegnung mit Sara halbwegs lebend überstehen würde. Aber ich hab dann an Deinen Auftrag gedacht und der hat ja mit mir nur am Rande zu tun und das hat mir geholfen und ich bin in den Laden hinein. Der Besitzer war so ein altes, schrulliges Männchen mit einem nahezu unverständlichem Dialekt (Süden), aber mit Ach und Krach konnte der mir dann sagen, dass sie aus mir unverständlichen Gründen (also nicht die Gründe an sich waren unverständlich, kann das ja gar nicht beurteilen, weil ich sie so wirklich nicht verstanden habe, also akustisch) nach Siena gezogen ist. Und nun muss ich eben dahin. Hab das Gefühl, dass sich vieles ändern wird, es liegt irgendwie in der Luft. Ich bin auch zum ersten Mal seit langer Zeit so etwas wie ungebunden. Komisches Gefühl. Du kannst Dir nicht vorstellen, wie gern ich Dich bei mir hätte in diesen unsicheren Zeiten.
In Liebe,
Dein Wenno
PS: Panzerotti, so hiessen die.