Archiv nach Kategorie "Ich liebe dich, mein liebes Ich"

Liebe auf den ersten Blick

Veröffentlicht in Ich liebe dich, mein liebes Ich am Donnerstag, 20. August 2009 von drunkenjudge

Letzten Sonntag, es war heiss, lag ich in der Badi. Ich hatte soeben meinen Körper eingerieben und spürte die Sonnenstrahlen, die meine Haut goldbraun braten würden. Ich dachte zunächst an nichts, hörte nur die Kinder schreien und die Mütter rauchen, die Väter blieben stumm, – da traf mich die Erkenntnis wie ein verirrter Frisbee, urplötzlich, wie aus dem Nichts: «Ich glaube ich liebe mich.» Ich spürte unglaubliches Glück, als diese Botschaft mein Bewusstsein erreichte. Auch jetzt, Tage später, fühle ich mich wie verzaubert.

Nun – ich bin nicht der einzige, der sich selber sehr liebhat. Lara Russi zum Beispiel ist schon einen grossen und mutigen Schritt weiter: Sie hat sich im Juni geheiratet und hat danach traumhafte Flitterwochen auf Sylt verbracht.

Doch es muss noch mehr Menschen geben wie mich und Lara, schliesslich hat die Firma Samsung eine Digitalkamera auf den Markt gebracht, die für uns wie geschaffen ist. Schon immer war es meine Leidenschaft, mich in allen erdenklichen Lebenslagen und mit jeder erdenklichen Frisur auf Bild festzuhalten. Wie oft habe ich vor Wut geschäumt, weil mir auf meinen Selbstporträts ein Ohr oder ein halber Arm fehlte! Das koreanische Unternehmen muss meine verzweifelten Schreie über den Teich gehört haben. Es hat endlich eine Kamera entwickelt, die das Display auf der richtigen Seite hat – auf meiner Seite. Keine Frage: Liebe auf den ersten Blick.

Die erste Kamera, die das Display auf der richtigen Seite hat: Die Samsung ST550

Die erste Kamera, die das Display auf der richtigen Seite hat: Die Samsung ST550.

Das menschliche Hirn (1): Am Arsch

Veröffentlicht in Free yourself from yourself, Ich liebe dich, mein liebes Ich, Kunstloses Brot am Mittwoch, 15. Juli 2009 von drunkenjudge
Les’ ich jetzt immer mit dem Arsch: 20 Minuten.

Les’ ich jetzt immer mit dem Arsch: 20 Minuten.

Am Morgen habe ich mein Hirn ins Klo geworfen. Das verlorene Gewicht – immerhin gut 1,3 Kilo – kann ich jetzt am Bauch zulegen. Ausserdem verbrauche ich ohne das Ding 20 Prozent weniger Sauerstoff. Hurra, Spitzensport ist endlich wieder möglich!

Bei der Arbeit klappte alles ganz wunderbar, mein Boss lobte mich – das hat er vorher nie gemacht.  Man hat halt so seine Tricks: Ich hatte mir die rechte Hand an der Maus festgeklebt, weil ich fürchtete zu vergessen, wozu das Ding gut ist, was ich auch tat. Muss sehr professionell ausgesehen haben. Nur beim Mittagessen wurde am Nebentisch getuschelt. Ich hab gelächelt, das wirkt charmant. Und so gross ist der Unterschied zwischen Maus und Messer nun auch wieder nicht. Tönt ja auch ähnlich.

Gut möglich, dass mir meine Arbeit irgendwann auch ohne Hirn auf die Eier geht. Die hab ich noch, glaubt zumindest mein Arsch, pièce de résistance des Verstandes. Und genau dieser Arsch weiss mit unerhörter Gewissheit: Ich werde es noch weit bringen, mir stehen alle Türen offen. Wenn’s mit der Hochsprung-Karriere nichts wird, dann mach ich eben Wirtschaftspolitik.

Schock: 47 Prozent der KillKill!-Leser inexistent

Veröffentlicht in Ich liebe dich, mein liebes Ich, Jesus etc., Nix für Analphabeten am Dienstag, 7. Juli 2009 von drunkenjudge

Die Medienkrise verschont auch Kill!Kill! nicht: Rund die Hälfte der Leser des Qualitätsblogs sind schlicht nicht existent, wie eine aktuelle Umfrage zeigt. Fatal: Die Anzeigenkunden springen ab, die Kill!Kill!-Redaktion fürchtet um ihren Verstand.

«Bist du?» wollte Kill!Kill! kürzlich von seinen Besucherinnen und Besuchern wissen. Die Resultate der existenziellen Umfrage sind ein Schlag ins Gesicht, denn nur 53 Prozent der Leser haben die Frage bejaht – die andere knappe Hälfte «ist nicht».

«Dass ein derart grosser Teil unserer Zielgruppe nicht existiert, stellt den Sinn unserer Arbeit mehr als nur in Frage. Wir stehen vor einem Abgrund», jammert ein Kill!Kill!-Mitarbeiter, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will.

Nicht da: Kill!Kill!-Leser

Nicht da: Kill!Kill!-Leser

Weniger Produktionsaufwand dank transzendenten Beiträgen
Aus dem Blog-Umfeld ist zu vernehmen, dass man bei Kill!Kill! derzeit verschiedene Ansätze prüfe, um sich aus der Misere zu befreien. «Diskutiert wird die Publikation inexistenter Beiträge, um die Leser quasi bei ihrem eigenen ontologischen Status abzuholen», will ein «Freund» der Redaktion wissen. Da die Produktion weniger aufwändig wäre, könnten beim Personal massive Einsparungen vorgenommen werden.

Ob Kill!Kill! damit nicht den Teufel mit dem Beelzebub austriebe? Schliesslich würde der Blog mit inexistenten Beiträgen in publizistischer Hinsicht Neuland beschreiten. Ob der Blog seine Anzeigenkunden für das schwer verständliche, metaphysische Konzept gewinnen könnte, ist mehr als fraglich. Zudem liefe Kill!Kill! mit einer solchen Strategie Gefahr, die kleine Mehrheit der realen Leser zu vergraulen.

Mit Kant durch die Krise?
Gangbarer scheint ein zweiter Lösungsansatz, von dem gut informierte Kreise wissen wollen. «Kill!Kill! denkt laut über eine kantianische Rosskur nach», verrät der Vertrauensarzt eines Kill!Kill!-Verwandten. Mit an Wahrscheinlichkeit grenzender Sicherheit orientiert sich diese Rosskur am zweiten Satz von Kants Principiorum primorum cognitionis metaphysicae nova dilucidatio: «Es gibt 2 erste Grundsätze: a) Alles, was ist, ist und b) Alles, was nicht ist, ist nicht.» Allerdings hat auch dieser Lösungsansatz einen Haken. Schliesslich müsste das Blog-Management endlich zur Erkenntnis gelangen, dass nicht-seiende Leser nicht sind. Ganz einfach ist das nicht.

Es war einmal vor langer, langer Zeit…

Veröffentlicht in Blutbad & Todschlag, Ich liebe dich, mein liebes Ich, Kunstloses Brot, Liebe & Foltereien am Mittwoch, 20. Mai 2009 von froileincharlotta

… im tiefen, dunkeln Wald ein Wolf. Der Wolf sprach zu sich – er hatte niemanden anderen, zu dem er hätte sprechen können – leise und vorsichtig:

Nicht jeder Wolf hat ein Rotkäppchen...

Nicht jeder Wolf hat ein Rotkäppchen...

„Lieber Wolf, sei mir nicht böse, doch ich würde gerne mal wieder meinen Pelz verlassen, etwas frische Luft schnappen, ohne gleich von Dir gefressen zu werden. Meinst Du das sei heute an diesem sonnigen und freundlichen Tag möglich?“ Seine Stimme zitterete einwenig, als er so sprach, er versuchte aber sicher zu wirken. Als er gesprochen hatte, wartete er geduldig auf eine Antwort. Er wollte sich Zeit lassen, nicht drängen. Er selbst aber antwortete nicht. Da wurde der Wolf sehr traurig, denn er wusste nicht, wie er mit dieser Nicht-Antwort umzugehen. War das jetzt ein Ja oder ein Nein? War es eine Kriegserklärung oder ein Friedensversuch? War es schlicht Ignoranz oder böser Wille? Er versuchte sich selbst nicht als gemein und böse zu sehen. Er redete sich ein, dass er einfach viel zu tun hätte und eigentlich schon hätte antworten wollen, nur sei die Zeit halt etwas knapp. Doch als 10 Tage vergangen waren, glaubte er nicht mehr an eine Antwort und er glaubte auch nicht mehr an das Gute in sich. So verfluchte er sein Selbst und zog von dannen. Seit da sieht man den Wolf bisweilen am Weiher nahe der Waldlichtung mit Steinen werfen. Manchmal trifft er auch jemanden am Kopf – unabsichtlich natürlich.

Stiften gehn mit Swarovski

Veröffentlicht in Ich liebe dich, mein liebes Ich, Nix für Analphabeten am Donnerstag, 16. April 2009 von drunkenjudge

Heureka! Ich habe meinen Stift wiedergefunden! Das missing link zwischen meinem Hirn und dem Papier, das sich die letzten Wochen melancholisch wellte und manchmal leise knitterte.

Jetzt, endlich!, liegt es wieder glatt, gespannt vor mir, belastet allein von meinen müden Fingern, die den Stift halten, den ich auf ewig verloren glaubte.

Oh du mein Stift, der du mich lügen lässt wie gedruckt (naja, sagen wir: wie mit fahriger Hand geschrieben), wie hab’ ich dich vermisst!

Oh Stift, der du mein Mund bist in Zeiten der Schriftlichkeit, wie stumm war ich doch ohne dich!

Oh Stift, du schlanker, der du mutig der Vergänglichkeit trotztest, flüchtige Gedanken in eherne Sentenzen giessest – wo warst du bloss? Weisst du denn nicht, dass ich nicht bin, nicht sein kann ohne dich?

Oh Stift, verlass’ mich nimmermehr!

Der Letztgeborene der mythischem Serie von Caran d'Ache ist ein sechseckiger, versilberter und rhodinierter Kugelschreiber, 13 cm lang, verziert durch feine Arabesken und 35 Swarovski-Kristalle. Der Clip im Retro-Stil und das Druckknopfsystem bleiben der Produktlinie Ecridor treu.

Der Letztgeborene der mythischen Serie von Caran d'Ache ist ein sechseckiger, versilberter und rhodinierter Kugelschreiber, 13 cm lang, verziert durch feine Arabesken und 35 Swarovski-Kristalle. Ecridor Eclat besitzt das Label "CRYSTALLIZED WITH SWAROVSKI" , ein Gütesiegel, das die Verwendung von echten Swarovski-Kristallen garantiert. Der Clip im Retro-Stil und das Druckknopfsystem bleiben der Produktlinie Ecridor treu.

An Frau M. II

Veröffentlicht in Ich liebe dich, mein liebes Ich, Jesus etc., Kunstloses Brot, Unbenannt, Weltgewandt am Mittwoch, 25. März 2009 von wennoderaber

Liebe Frau M.,

bin nun schon über einen Monat hier. Wohne im Hotel und frühstücke im Café und doch will irgendwie keine rechte Bohemien-Stimmung aufkommen. Träume die ganze Zeit. Meistens nicht mal nachts. Vor drei Monaten hätte ich ähnliche Geschichten wahrscheinlich belächelt. Aber grade jetzt ist mir so gar nicht ums Lachen. Vorhin war ich eben Zigaretten kaufen, da hatte ich so ein Ding, dem ich jetzt nicht Vision sagen möchte, aber beunruhigend war es allemal: Ich hatte eine Schatzkarte und bin dem Weg nachgegangen, der da beschrieben war und urplötzlich stand ich in einem grossen Gewölbe, das proppenvoll mit immensen präparierten Skeletten war und dann hab ich mich angefangen zu drehen, bis mir fast schwindlig wurde. Am Schluss donnerte eine unheilvolle Stimme durch die Hallen, die sich dann als diejenige des Verkäufers herausstellte, wieder real also.

Vor zwei Tagen hat mich der Franz angerufen. Irgendwie hat er spitzgekriegt, dass ich mich im Büro auf unbestimmte Zeit habe freistellen lassen und nach Italien gefahren bin und da der Franz zwar ängstlich aber trotzdem nicht blöd ist, hat er natürlich gleich kapiert, dass ich Sara suchen gegangen bin. Meine Güte, hat der mich ausgeschimpft. Er mache sich Sorgen um mich und die Bärbel auch (wobei ich mir das schlecht vorstellen kann, die wollte ihn sicher einfach loswerden, du weisst ja, wie anstrengend der Franz sein kann, wenn er so ängstlich und bemutternd wird) und was mir einfalle, ich würde einem Hirngespinst nachrennen und so weiter. Ich bin eigentlich bis fast zum Schluss ziemlich ruhig geblieben, aber dann ging die alte Litanei wieder los: Sara habe mich sitzengelassen und nicht geschätzt und die Familie nicht respektiert und verdiene den ganzen Aufwand nicht und noch mehr Dinge hat er gesagt, von denen er schlicht keine Ahnung hat. Da habe ich dann ein wenig die Contenance verloren und ihn etwas schroff zurechtgewiesen, dem folgte ein ziemlich unverständliches Geschrei seinerseits und dann hat er aufgelegt. Es tat mir schon leid, weil ich ja eigentlich genau weiss, dass er sich Sorgen macht und ich versteh auch, dass diese Italien-Aktion für Aussenstehende ziemlich verrückt klingen mag.
Aber dann kam das Finale: Etwa zehn Minuten später klingelte wieder das Telefon und dieses Mal war Helena dran und hat gefragt, ob ich denn alles habe, was ich brauche, ob man mir etwas schicken soll, Socken (!!!) und so weiter. Ich hab geschäumt vor Wut! Da kommt dieser Prototyp von Hausfrau (immerhin die Anvertraute meines Bruders, also gewissermassen involviert) und fragt nicht einmal, wie es mir geht, sondern zieht mit mir die gleiche Nummer durch wie mit ihren Kindern und sowieso der ganzen Welt. Zum Schluss fragte sie mich, ob ich mich gut ernähren würde, weil das wäre wichtig, wenn man so anstrengende Reisen unternimmt und Italien sei ja nicht so hygienisch etc. Hätte das Schicksal meinen Wünschen entsprochen, es hätte Atombomben auf die Schweiz geregnet. Ich hab dann kommentarlos aufgelegt und mein Handy in den nächstbesten Gully geworfen. Keine Lust und keine Energie für Mittelstands-und Mutterkomplexe. Du hättest sicher vermittelt…

Bin übrigens dann in diesen Buchladen gegangen. Hat mich unglaubliche Überwindung gekostet, weil ich mir gar nicht mehr so sicher war, ob ich eine Begegnung mit Sara halbwegs lebend überstehen würde. Aber ich hab dann an Deinen Auftrag gedacht und der hat ja mit mir nur am Rande zu tun und das hat mir geholfen und ich bin in den Laden hinein. Der Besitzer war so ein altes, schrulliges Männchen mit einem nahezu unverständlichem Dialekt (Süden), aber mit Ach und Krach konnte der mir dann sagen, dass sie aus mir unverständlichen Gründen (also nicht die Gründe an sich waren unverständlich, kann das ja gar nicht beurteilen, weil ich sie so wirklich nicht verstanden habe, also akustisch) nach Siena gezogen ist. Und nun muss ich eben dahin. Hab das Gefühl, dass sich vieles ändern wird, es liegt irgendwie in der Luft. Ich bin auch zum ersten Mal seit langer Zeit so etwas wie ungebunden. Komisches Gefühl. Du kannst Dir nicht vorstellen, wie gern ich Dich bei mir hätte in diesen unsicheren Zeiten.

In Liebe,
Dein Wenno

PS: Panzerotti, so hiessen die.

In keiner Weise quitt

Veröffentlicht in Blutbad & Todschlag, Holzpüppchen dreh' dich, Ich liebe dich, mein liebes Ich, Nix für Analphabeten am Montag, 16. März 2009 von froileincharlotta

„Mit dem Wind, dem Wasser und dem Feuer
Bin ich noch in keiner Weise quitt,
Aber meine Traumesabenteuer
Öffnen mir die Pforten, ungeheuer,
Nehmen mich zum Morgensterne mit.“
(Anna Achmatowa)

Die über sechzigjährige Laurana schrieb heute:  „Ihr seid auf dem guten Weg und habt noch so viel aktives Leben vor euch, währenddem ich die noch zu erwartenden Jahre schon fast an den Fingern abzählen kann (noch nehme ich die Zehen dazu, inkl. erdbeerrote Nägel…). Die Ungeduld und das in fernere Zeiten ausschwärmen ist noch euer Privileg, und das ist gut so.“

Und sie hat Recht. Noch (Betonung auf diesem „noch“) haben wir das Privileg auszuschwärmen und Leben vor uns zu haben. Und dieses Ausschwärmen und dieses Leben lass ich mir nicht nehmen. Mit dem Feuer bin ich in keiner Weise quitt.

Seht euch also vor. Wenn euch der Wind um die Ohren bläst, dann werde ich das sein. Wenn ihr im Sommer in den See springt und ins Wasser taucht, dann werde ich das Wasser sein, das euch umgibt. Wenn ihr euch am wärmenden Feuer verbrennt, denkt an mich, denn ich bin das Feuer.

„Ich werde mich selbst heiraten.“, sagte sie – und ihr Auge glänzte irr

Veröffentlicht in Augenschmaus, Free yourself from yourself, Ich liebe dich, mein liebes Ich, Liebe & Foltereien, Von Vögeln am Freitag, 27. Februar 2009 von badana

Ich bin ja eben nun ein Workaholic und trinke an meinen Geschäftsterminen ganz viel naturtrübes Bier. Somit kann ich zwei von der Gesellschaft tolerierte Süchte elegant miteinander vereinen. Aber genug von mir, denn gestern hat mich Herr O freundlicherweise darauf hingewiesen, dass ich immer nur über mich selbst schreibe. 

Darum dacht ich mir: Ich mach Nägel mit Köpfen und erzähle jetzt mal nicht von mir, sondern von, äh, einer Freundin. Die hat so schöne lange Haare und ist ausserordentlich klug. Zudem ist sie unglaublich witzig und tief wie der Ozean und letztens hat sie mir erzählt (ich setze ihre Rede kursiv, damit ihr mich und sie auch wirklich auseinanderhalten könnt):

Also, da ist man ja mal kürzlich dreissig Jahre alt geworden, erwacht eines Morgens mit der Schminke vom gestrigen Tag im Gesicht und fragt sich, ja fragt sich, was das Leben denn nun noch bringen möge, wenn Falten täglich reinflattern und das Ticken der Uhr den Schädel allmählich ausdünnt.

Da wäre allem voran die Liebe – die Liebe, die über allem steht und geht und manchmal zertrampelt, aber immer gut und schön ist und chrüselet im Bauch. Ich bin kein Mensch, der Kompromisse macht, sage ich laut und denke mir – lieber keinen Mann als einen kleinen. Und ein schönes Hochzeitskleid werde ich trotzdem irgendwann tragen, wenn die Winde ruhn und ich mich vor dem Spiegel im Kreise dreh und Elvis Costello singen hör „I want you“..

Ich werde mich nämlich selbst heiraten.

Tamdatatam, tamdatatam..

Dann hat sie mir dieses Bild gezeigt, wo man sein eigenes Gesicht einfügen kann, um zu kucken, wie man in einem solchen Fummel aussieht..

nevesta

Ich glaube, diese Freundin ist bisserl crazy und deshalb teile ich ihr auf diesem Weg mit, dass sie mich mit ihren irren Flausen ein für allemal in Ruhe lassen soll:

- Nein, ich möchte nicht nackt mit dir über die Gemüsebrücke tanzen.

- Nein, ich werde diesen blonden Wischiwaschi-Geiger nicht daten, denn er erinnert mich an Candy Dulfer.

- Nein, ich setz mich nicht in eine Scientology-Infoveranstaltung und schreie „Ni-Ni“.

Und zudem bist du manchmal echt fies und unbequem. Im März habe ich keine Zeit, melde dich doch bitte im zweiten Quartal dieses Jahres und dann machen wir, was ICH will – nämlich: BIER TRINKEN UND ARBEITEN!!!!

An Frau M.

Veröffentlicht in Ich liebe dich, mein liebes Ich, Jesus etc., Kunstloses Brot, Unbenannt, Weltgewandt am Donnerstag, 19. Februar 2009 von wennoderaber

Liebe Frau M.,

bin heute morgen früh mit dem Nachtzug in Mailand angekommen, das von Schnee überzuckert ist. Hab schlecht geschlafen, weil geträumt: Ich raste als Zwerg mit wahnsinniger Geschwindigkeit dem Gestänge eines monströsen, zinnoberroten Gittermusters entlang, fühlte physisch meinen Magen an mein Rückgrat gedrückt. Irgendwann war dann da noch (wie  übrigens in praktisch jedem meiner Träume) Sara, unbeteiligt (wie  übrigens in praktisch jedem meiner Träume),  jedoch mit ebenfalls feurigroten Haaren (das erste Mal!).

Magst Du Dich noch an dieses frittierte Teiggebäck erinnern? Hab den Namen vergessen, aber als wir das letzte Mal zusammen hier waren, frühstückten wir oft in dieser einen Konditorei, da gab es die immer. Und Franz hat immer genörgelt, wenn es keine mit Schinken gab. 

Alessandro Crippa, Name unbekanntSara wohnt anscheinend schon eine ganze Weile nicht mehr in Mailand. Konnte mir auch niemand sagen, wo sie hingezogen ist. Bin nicht mal besonders überrascht. Die Frau von der Wohnung nebenan riet mir, in der Buchhandlung nachzufragen, in der sie (Sara) offenbar gearbeitet hat. Morgen geh ich vielleicht mal hin.

Letzten Mittwoch hatten wir verspätetes, geschwisterliches Weihnachtsessen. Es war scheusslich, die Helena vom Franz hat die ganze Zeit geredet (nur Belangloses), weil sie mit dem Schweigen nicht klargekommen ist. Franz hat nachher am Klavier unsere ewigen Klassiker gespielt und wir (also Bärbel und ich) haben (wie immer) lauthals intoniert, das hat sie dann erst recht nicht ertragen können. Schon komisch, schon die Ex vom Franz war so ein traditionelles Mauerblümchen ohne Tradition.

Das Bild auf der Karte ist übrigens nicht echt, kann mich nicht mal entscheiden, ob ich es für gemalt oder fotografiert nehmen soll. Aber in Bezug auf den Schnee steht die Realität dem Bild gerade in nichts nach. Was für ein geschwollener Satz.

Liebe Dich und melde mich bei Gelegenheit wieder,

Dein Wenno

Zu spät, zu spät – ich komme viel zu spät

Veröffentlicht in Blutbad & Todschlag, Free yourself from yourself, Ich liebe dich, mein liebes Ich, Selbstmord & Freizeit, Von Vögeln am Mittwoch, 18. Februar 2009 von badana

Die Zeit rinnt mir durch die Finger. Ich eile durch die Tage als wären es verschlungene Gänge einer Untergrundbahn. Selten dringt Licht zu mir vor; mein Leben verstreicht und ich haste mir selbst hinterher. Zu spät, zu spät – ich komme viel zu spät. Grüss Gott, auf bald, auf Wiedersehn, muss gehn, muss gehn, muss gehn. Wie es sich wohl anfühlen muss, sich einfach fallenlassen zu wollen – in Arme, in wohlige Sonntage, verschlafene Bettdecken, in eine schöne Stille, die Trost verschafft. Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, nicht einmal mehr an den Wunsch und auch nicht an mich, wie ich war. Doch vielleicht war ich gar nie dieses verträumte Mädchen, das schweigsam beobachtete. Wahrscheinlich ist auch das bloss eines jener Bilder, welches vom Fortschreiten der Tage verwischt worden ist. Eine verzerrte Fratze, die mir aus der Vergangenheit entgegenblickt. Wie rasch das Ich zum Gegenüber wird, wenn die Winde aus allen Richtungen wehn, wenn Haarsträhnen die Sicht versperren wie Gitterstäbe.

Trage ich eigentlich Verantwortung für die Missstimmung, die ich erzeuge durch meinen immerwährenden wortreichen Kampf gegen die Windmühlen des Alltags? Müsste ich mich der erheiternden Galanterie versprechen, um meiner sozialen Verpflichtung Sorge zu tragen? Sergej Jessenin ist wahnsinnig geworden ob dieser Frage und hat sich erhängt, erstochen und in Brand gesteckt:

dead-sergej 

Darf ich Leser verpesten mit Dunkelheit und Trauer? Ruft ihr mich dann an, liebe Freunde, um zu fragen, wie es mir geht? Ich schreibe kein öffentliches Tagebuch – meine Bettnörgelei ist ein Hobby. In Wirklichkeit bin ich ein engelgleiches Wesen mit einem Lächeln aus Marzipan. Wenn ich Leprakranke pflege, vergeude ich keinen Gedanken an den eigenen körperlichen Zerfall. Ich spucke schöne Geschichten, um Kinder in den Schlaf zu lullen und spreche vom Herz, als wäre es der Wächter eines festgefrorenen Augenblickes voller Liebe.

Ich weiss, wie ich auf andere wirke, und mein Bestes ist immer besser als das der anderen.