Der Schrecken eines jeden Autors: der gähnende Schlund eines kahlen Blattes – hier fehlt ein Wort und hier und hier, ganze Sätze, Absätze, es ist noch keine Geschichte da. Ich möchte über Inzest schreiben, denke ich und vor meinem inneren Auge eröffnet sich das Bild eines Waldes, es dunkelt ein, es hat geregnet, es riecht nach Regen, der Boden ist feucht und auf dem Moos verharren einzelne Regentropfen, kleinen Glasperlen gleich.
Ich denke an Plot und überlege mir, ob inzestuöser Sex überhaupt noch schocken kann. Wir modernen Leser sind abgebrüht. Letztens ein Gespräch im Bus: „Er hät sie denk nöd tödäd, nur gfoltärät und so.“ Vielleicht muss der Plot anders sein, banal, sie sucht ihren Bruder, der ihr versprochen hat, sie zu wecken und in den Wald mitzunehmen, aufs feuchte Moos und er kommt nicht und sie, was tut sie? Sie geht alleine in den Wald, vielleicht fällt sie irgendwo rein oder runter und bricht sich das Bein. Knack. Das muss hässlich klingen, wenn die eigenen Knochen brechen, das habe ich mir sagen lassen. Vielleicht reicht es, wenn sie sitzen bleibt und weiss, dass er nicht kommen wird. Vielleicht muss die Geschichte auch anders sein, vielleicht muss er sie wecken kommen, vielleicht leckt er ihr übers Gesicht, ganz leicht und dann steht sie leise auf, jeder Handgriff sitzt, sie machen das schon lange und sie freut sich, sie ist wie hypnotisiert. Vielleicht folgt sie ihm und sie liegen nackt auf dem feuchten Moos und zeichnen mit den Lichtstrahlen einer Taschenlampe Figuren an die dichten, dunklen Baumkronen.
Vielleicht fährt er ihr mit dem Finger über die noch flache Brust und berührt ihr Schlüsselbein und legt ihr ein grosses Ahornblatt auf den Bauch und sagt ihr: Hier werden Kinder wachsen. Und sie, selbst noch Kind, nickt artig und lächelt, obwohl sie nicht weiss, ob ihr das gefallen soll, dass da etwas in ihr wachsen wird.
Und das Ende? Sie muss wütend werden, weshalb.. Da er eine Freundin hat und ihr sagt, dass seine Freundin richtige Brüste hat und weiches Haar.. Ich muss das kleine Mädchen schon von Anfang an so zeichnen, dass sie die Veranlagung in sich trägt, aus Liebe und Besessenheit sowie Besitzgier zu töten. Mit einem Stein. Während er auf dem feuchten Moos liegt und mit geschlossenen Augen von seiner neuen Freundin träumt.
Sie hebt den schwersten Stein auf, den sie findet und lässt ihn auf seinen Kopf fallen. Er muss noch kurz leben, das Bild mit dem zermantschten Schädel braucht Raum, ein gluggerndes und rasselndes Geräusch durchbricht die Stille. Dann deckt das Mädchen den Körper zu, mit Blättern und Zweigen. Langsam und liebevoll. Lebt er noch? Das Mädchen geht und verspricht, ihn bald wieder unter diesem Baum besuchen zu kommen. Letztes Bild: Es schlendert nach Hause, es dämmert schon, es summt und betrachtet die abgeknickten Blütenköpfe am Wegrand und wird plötzlich ein wenig traurig.
Die Geschichte steht. Doch leider schreibt sich nicht von selbst.
Ich brauch ne Tippse.
Dönise?