Winterschlaf

“Der Kummer, der nicht spricht, nagt leise an dem Herzen, bis es bricht.” (William Shakespeare)

Andrea Benson

Sie hatte allen Wein getrunken und starrte auf den überquellenden Aschenbecher, dessen unordentliche Zigarettenstummel sich vor ihren Augen beinahe bis zur Decke türmten. Im Zimmer lag dichter Nebel, sodass sie die einzelnen Möbelstücke nur ihren Konturen nach erahnen konnte. War da noch jemand – ausser ihr, in diesem stickigen, dusteren Raum? Sie betrachtete das Loch in ihrem Ärmel, steckte ihren kleinen Finger hindurch, und ärgerte sich – kopfschüttelnd und im Stillen – über all die abgefallenen Knöpfe, die gerissenen Mantelsäcke und die aufgelösten Maschen, die an ihr zu spriessen schienen wie Unkraut.

Morgen würde sie alles wegwerfen, das von der Zeit angefressen oder ergraut worden war. Morgen würde sie als neuer Mensch erwachen, gleich zum Frühstück ein dickes historisches Buch lesen, freundlich allen alten Menschen zulächeln und den ganzen Nachmittag Satie hören. Sie würde – einerlei welches Wetter wäre – dem See entlang spazieren, bis zum ersten einladenden Café, das sie mit roten Wangen und zauberhaft zerzauselten Haaren betreten würde. Im beinahe menschenleeren Café hätte sie natürlich Seesicht, sie tränke Eisenkrauttee und schriebe mit einem alten Füllfederhalter lange sehnsuchtsvolle Briefe an die eine oder andere verflossene Liebe im Ausland.

So wie sie vor sich hinträumte, entging unserer angetrunkenen, schläfrigen Protagonistin, wie der letzte Gast leise die Wohnung verliess, der kurz zuvor das letzte brennende Wohnzimmerlämpchen gelöscht hatte und sich daraufhin mit wehendem Schal auf den Weg zu der Frau machte, welcher er nur einige Stunden zuvor das erste Mal begegnet war und die ihm auf seine Frage, ob sie zu dieser gottlosen Stunde denn noch wach wäre, umgehend die Nachricht zukommen liess: Ja, aber beeil dich.

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