Gibs auf!

Es war sehr früh am Morgen, die Straßen rein und leer, ich ging zum Bahnhof. Als ich eine Turmuhr mit meiner Uhr verglich, sah ich, dass es schon viel später war, als ich geglaubt hatte, ich musste mich sehr beeilen, der Schrecken über diese Entdeckung ließ mich im Weg unsicher werden, ich kannte mich in dieser Stadt noch nicht sehr gut aus, glücklicherweise war ein Schutzmann in der Nähe, ich lief zu ihm und fragte ihn atemlos nach dem Weg. Er lächelte und sagte: „Von mir willst du den Weg erfahren?“ „Ja“, sagte ich, „da ich ihn selbst nicht finden kann.“ „Gibs auf, gibs auf“, sagte er und wandte sich mit einem großen Schwunge ab, so wie Leute, die mit ihrem Lachen allein sein wollen.

(Franz Kafka: Gibs auf! In: Sämtliche Erzählungen.)

Gestern habe ich eine Stunde lang mit einem Chilenen über Kafka gesprochen. Er hat mir erzählt, dass er immer Kafka liest, wenn er in schlechter Stimmung ist. Einmal war er einen ganzen Monat lang krank und hat seine Mutter gebeten, ihm „Die Verwandlung“ zu kaufen. Das Buch hätte ihn unglaublich erheitert, er hätte den ganzen Nachmittag lachend in seinem Bett verbracht. Ich hab ihn dann an die Stelle erinnert, wo die Eltern aus Ekel und Angst nach ihrem Insekten-Sohn mit Äpfeln werfen, hab ihn daran erinnert, wie die Äpfel in Gregors Panzer steckenbleiben, wie sie langsam vermodern und ihm Schmerzen bereiten, wie er schliesslich stirbt.

Der Pepe – nennen wir ihn Pepe, weil so nur Esel heissen und er ein kleiner Klugscheisser ist – hat mir dann aber erzählt, dass er es überaus komisch gefunden hätte, dass am Schluss ein so idyllisches Zukunftsbild von der verbleibenden Familie gezeichnet werde, da die Schwester einen guten Fang gemacht habe und der Vater sich wohlwollend bei diesem Gedanken über seinen kugelrunden Bauch streiche – und dass dieses Zukunftsbild natürlich total ironisch sei, von einem subtilen Humor unterlegt, der diesen ganzen Schluss zum Bersten bringe – ihn so in gewissem Sinne von Schwere befreie.

Ich kann es nicht leiden, wenn mir jemand widerspricht. Ich kann vor allem nicht leiden, wenn jemand ein Fenster öffnet, dort, wo ich nur graue Mauer sehe.

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Ich möchte Kafka auch lustig finden – das würde unser Verhältnis unglaublich entspannen.

2 Antworten zu “Gibs auf!”

  1. Ich habe lange gebraucht, bis ich Kafka witzig finden konnte und ich kam in erster Linie nicht selbst auf die Idee, dass er das überhaupt sein könnte. Das ist wohl wirklich tiefschwarzer Humor.

  2. Unbedingt „Der Geier“ lesen. Eine meiner Lieblingserzählungen von Kafka..

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