Das trunkene Lied
O Mensch! Gib acht!
Was spricht die tiefe Mitternacht?
„Ich schlief, ich schlief -,
aus tiefem Traum bin ich erwacht: -
Die Welt ist tief,
und tiefer als der Tag gedacht.
Tief ist ihr Weh -,
Lust – tiefer noch als Herzeleid:
Weh spricht: Vergeh!
doch alle Lust will Ewigkeit -,
– will tiefe, tiefe Ewigkeit!“
Friedrich Nietzsche
Wie wahr, wie wahr. Auch ich giere nach tiefer Ewigkeit. Doch ein Paradoxon, so scheint mir, da es nichts Vergänglicheres gibt als die Lust.. Doch bei Nietzsche (der ja in geistiger Umnachtung verschieden ist) kippt in diesem dargelegten Moment die absolute Negativität ins Positive, ins dionysische Ja-Sagen zur Welt, ins ekstatische Einverständnis mit der ewigen Wiederkehr. Doch solche Konstrukte funktionieren nur im Kopf eines Menschen – beziehungsweise im mächtigen Schädel Zarathustras. Im Alltag will der Mensch Schmetterlinge aufspiessen und in gläserne Kästchen stecken, um Schönheit zu konservieren, obschon doch gerade der Flug eines Schmetterlings, sein filigraner Flügelschlag, das Wesen eines Falters ausmacht. Schmetterlinge zu jagen ist in diesem Zusammenhang nur Ausdruck des hoffnungslosen menschlichen Bestrebens, Ewigkeit zu produzieren.

Da sich diese Zeilen assoziativ ergeben (ein Reizwort gebiert ein anderes, sorry kobrra, ich mach nächstes Mal Konzept..) – folgt an dieser Stelle ein kleiner etymologischer Einschub (denn die Sprache ist ein Messer, das man schärfen muss – es muss präzise schneiden).
Auf Wikipedia steht: „Der deutsche Name „Schmetterling“, 1501 erstmals belegt, kommt vom ostmitteldeutschen Wort Schmetten (das heißt Schmand, Rahm, vgl. tschechisch smetana), von dem einige Arten oft angezogen werden. Im Aberglauben galten Schmetterlinge gar als Verkörperung von Hexen, die es auf den Rahm abgesehen hatten, worauf auch frühere landschaftliche Bezeichnungen für Schmetterlinge wie Milchdieb, Molkenstehler oder ähnliche hindeuten. Die englische Bezeichnung butterfly weist in dieselbe Richtung und entspricht dem regional gebräuchlichen Buttervogel, da die Tiere beim Butterschlagen angelockt wurden.“
Selbst die Beschäftigung mit Schmetterlingen führt mich in diesen Tagen bereits auf gedankliche Abwege.. Schmetterlinge sind scharf auf Rahm? Mhm.. So willkürlich die Verstrickungen des menschlichen Gehirns, wenn es dauernd regnet und grau ist. Wäre ich ein Hund, würde ich sicherlich gerade mein eigenes Hinterteil jagen.
Nun, ich bin froh, dass ich kein Hund bin und wo wir nun beim Thema sind:
„Ich bin kein Schaf, ich bin kein Hund, … –
Ich bin ein Wolf geblieben, mein Herz
Und meine Zähne sind wölfisch.
„Ich bin ein Wolf und werde stets
Auch heulen mit den Wölfen – …“
(Aus: Heinrich Heine: Deutschland. Ein Wintermährchen. 1844.)
Wieso hält der Mensch so trotzig an seiner eigenen Individualität fest, obschon ihm bisweilen dämmert, dass gerade diese seinen Untergang bewirken könnte? Wieso kann er sein Wesen nicht abstreifen, wie alte und ausgediente Haut, sich erneuern und erstarken, sich spielerisch Identitäten zulegen und sie in der Wirklichkeit erproben? Es ist doch eine moderne Grossstadtkrankheit, sein eigenes Ich so dekadent zu zelebrieren. Auf dem Land würde ich Apfelstrudel backen, Kinder gebären und mir eine kleine Bibliothek in meinem Nähzimmer einrichten. Das Licht wäre mild an den Nachmittagen, der Staub würde in den Zimmern flimmern, während ich auf grobem Papier Weltschmerzlyrik fabrizieren würde, die Stille wäre satt und einschläfernd. Ich würde die Tage damit verbringen zu dösen und mein Haar zu kämmen.
Auch wenn die Vorstellung eines „Danebenlebens“, einer parallelen Exisenz (die genauso möglich und möglicherweise genauso erfüllend sein könnte wie die erwählte) in gewissem Sinne Flucht bedeutet – es stärkt die geistige Beweglichkeit. Friedrich Schiller schreibt in seinem Essay „Über das Erhabene“, dass der Mensch versuchen muss, die physische und moralische Welt zu vereinen (das Schöne und das Erhabene), damit er handelt, wenn er etwas zu verändern vermag – und damit er es erträgt, wenn er das nicht kann. Die Konfrontation mit dem Pathos (dazu zähle ich bewusstes Bauen von Utopien – friedvollen und grausligen gleichermassen) verhilft ihm, in der sinnlichen Welt handeln zu können und nicht einfach nur, aus ihr auszubrechen.
Und an dieser Stelle kommt die Kunst zum Einsatz, denn sie bestärkt den Menschen, vermittelt ihm das Gefühl der Ewigkeit, ohne ihm zu schaden. Die Flucht in Kunst wäre also eine legitimierbare Flucht.
Die Flucht in pseudophilosophisches Geplänkel nicht. Also halt ich jetzt die Schnauze und schaue aus dem Fenster auf die Strasse. Regen klatscht gegen den Asphalt und die Autos sehen hässlich aus.
Bläh. Das nennt sich also Wirklichkeit. |